Von Axel Bojanowski
Hamburg - Was war mit Barack Obama los? Erstaunlich schlapp habe der Präsident der USA gewirkt bei der Fernsehdebatte mit seinem Herausforderer, urteilten einhellig die Kritiker.
Der ehemalige Präsidentenkandidat und US-Vizepräsident Al Gore liefert eine überraschende Erklärung für den schwachen Auftritt: Die dünne Luft in ungewohnter Höhe von 1600 Meter in Denver, wo die Fernsehdebatte stattfand, habe Obama zugesetzt. Sein Kontrahent Mitt Romney hingegen habe sich zuvor tagelang in Denver an das ungewohnte Klima angepasst.
Al Gores These erntet Häme: Der Präsident vertrage keine Höhe, er sei in den vergangenen Jahren zu weit aufgestiegen, höhnen Republikaner. So absurd, wie es die Kontrahenten verstehen wollen, erscheint die Theorie allerdings nicht. In Denver gibt man Besuchern sogar Tipps, Höhenkrankheit vorzubeugen: Langsam solle man es angehen lassen; Gingko, Eisenpräparate oder Knoblauch könnten Müdigkeit entgegenwirken.
Haie könnten das Unglück sein
In Denver, das den Spitznamen "Mile High City" trägt, herrscht aufgrund der Höhe geringerer Luftdruck. Menschen kann es unter diesen Umständen zunächst schwerer fallen, Sauerstoff einzuatmen. Ernste Symptome von Höhenkrankheit aber treten erst über 2500 Meter auf, betonen Experten.
Ob Obama tatsächlich die dünne Luft zu schaffen machte, bleibt ohne medizinischen Befund Spekulation. Doch der Fall Denver zeigt, dass unerwartete äußere Einflüsse selbst gründlich vorbereitete Präsidentenkampagnen ins Wanken bringen könnten.
Wissenschaftler haben erstaunliche Zusammenhänge entdeckt. In wichtigen Wahlkreisen, in denen es eng werden könnte, sollte Obama demnach auf die Footballergebnisse achten: "Die Football-Sache ist alarmierend", sagt Andrew Healy von der Loyola Marymount University in Los Angeles. Seine Studie habe gezeigt, dass ein Sieg der Heimmannschaft unmittelbar vor einer Wahl dem politischen Amtsinhaber einen Schub von 1,6 Prozentpunkten bringen könne. Das Gefühl von Wohlergehen verführe die Leute, am Bestehenden festzuhalten, sagt Healy.
In Gegenden, wo die Football-Mannschaft eine große Fangemeinde habe, sei der Effekt erheblich. Staaten wie Ohio, Florida oder Michigan mit erfolgreichen Teams könnten auf diese Weise eine Schlüsselrolle bei der Präsidentenwahl spielen, sagt der Forscher. Schließlich falle das Wahlergebnis dort gewöhnlich so knapp aus, dass ein paar Zehntel Prozentpunkte entscheidend werden könnten. Besiegelt ein Footballspiel also die Wahl in den USA?
Nicht nur Höhenklima und Football haben Einfluss - Obamas Unglück könnten Forschern zufolge auch Haie sein. Seinen Vorgänger Woodrow Wilson jedenfalls hätten die Tiere bei der Wahl 1916 fast das Amt gekostet, berichtet Larry Bartels von der Vanderbilt University in Nashville.
Die entscheidenden sechs Monate
1916 gab es ungewöhnlich viele Hai-Angriffe vor New Jersey. In den betreffenden Küstenorten sei die Zustimmung für Wilson ungewöhnlich drastisch eingebrochen, hat Bartels zusammen mit seinem Kollegen Christopher Achen von der Princeton University herausgefunden. Im Vergleich zur vorherigen Wahl 1912 seien die Stimmen für Wilson in den Regionen um acht Prozentpunkte zurückgegangen.
In Florida fällt die Präsidentenwahl gewöhnlich knapp aus, es gilt als sogenannter Swing-State, dessen Ergebnis entscheidend sein kann. Da könnten Stimmen-Verschiebungen in einigen Orten ausschlaggebend sein. Muss Obama also hoffen, dass die Haie vor Florida ruhig bleiben?
Wahlforscher stützen die These, dass Wähler sich von kurzfristigen Ereignissen leiten lassen: Die ganze Entwicklung seit 2009 hätten die wenigsten im Kopf, wenn sie ihr Kreuz machten, sagt Bartels. Vielmehr entscheide meist ihr Befinden in den letzten sechs Monate die Wahlen.
In den Staaten des Mittleren Westens, die zuletzt unter Dürre gelitten hatten, könnte Obama es deshalb schwerer haben als angenommen. Und wenn das Rennen ganz knapp ist, entscheiden unter Umständen sogar Höhenluft, Tiere oder Sportergebnisse eine Wahl.
Mit Material von Reuters
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