Wahrnehmung Babys verlieren den Blick für Affen

Mit sechs Monaten können Menschenbabys noch gut zwischen Affengesichtern unterscheiden, haben Forscher entdeckt. Doch die artübergreifende Wahrnehmung schwindet wenig später.


Sechs Monate alte Kinder haben noch einen besseren Blick für Gesichter, zumindest wenn es um Affen geht. Die Babys können, wie Forscher jetzt in Experimenten nachgewiesen haben, mit Leichtigkeit sowohl die Züge verschiedener Menschen als auch Affen unterscheiden. Dagegen hat sich das Gehirn von Erwachsenen offenbar längst darauf eingestellt, nur noch Gesichter der eigenen Art zu erkennen.

Testabbildungen von Gesichtern: Ausblendung artfremder Züge
Science

Testabbildungen von Gesichtern: Ausblendung artfremder Züge

Bereits mit neun Monaten haben Kinder die frühere Fähigkeit, Affenköpfe auseinander zu halten, weitgehend eingebüßt, berichtet ein britisch-amerikanisches Forscherteam in der aktuellen Ausgabe des US-Fachmagazins "Science". Die Wissenschaftler um Olivier Pascalis von der University of Sheffield glauben daher, dass schon im ersten Lebensjahr eine Spezialisierung bei der Gesichtserkennung stattfindet.

Pascalis und seine Kollegen zeigten ihren Testpersonen, elf Erwachsenen und je 30 Babys im Alter von sechs und neun Monaten, Farbfotos von Gesichtern mehrerer ähnlich aussehenden Menschen und Affen. Dabei bestimmten die Wissenschaftler die Zeit, die die Probanden zur Erkennung der Gesichtszüge brauchten, bevor ihr Blick abschweifte.

Die neun Monate alten Babys reagierten bei dem Experiment bereits wie Erwachsene: Beide musterten im direkten Vergleich ein unbekanntes Menschengesicht länger als ein bekanntes. Ihre Blicke blieben jedoch jeweils gleich lang an einem bekannten und einem unbekannten Affenantlitz hängen - ein Zeichen dafür, dass sie zwischen den Tiergesichtern nicht unterschieden.

Im Gegensatz dazu studierten die sechs Monate alten Babys unbekannte Vertreter beider Spezies länger als bekannte. Die Wissenschaftler schließen daraus, dass sich die jüngeren Babys noch für neue Gesichter sowohl unter Affen und Menschen interessieren, während die älteren Kinder und Erwachsene lediglich eine Vorliebe für neue Menschengesichter haben.

Nach Ansicht der Forscher spezialisiert sich das menschliche Gehirn, insbesondere ein als Gyrus fusiformis bekannter Bereich in der Hirnrinde, im ersten Lebensjahr auf Gesichtszüge der eigenen Art und blendet artfremde aus. Dazu passen auch andere Erkenntnisse: Demnach schwindet zwischen sechs und zehn Monaten die Fähigkeit der Babys, Laute fremder Sprachen zu unterschieden. Im Gegenzug vertieft sich die Wahrnehmung der eigenen Sprache.

"Im Bereich der Gesichtsverarbeitung gehen im ersten Lebensjahr wirklich bemerkenswerte Veränderungen vor sich", erläutert Co-Autorin Michelle de Haan vom University College in London. "Wir stellen uns Entwicklung immer als einen Prozess des Hinzulernens vor. Deshalb ist es so ungewöhnlich zu sehen, dass Babys mit zunehmendem Alter eine Fähigkeit verlieren". Ein Grund dafür sei, dass sich das Hirn im Laufe der Zeit auf das nützliche Wahrnehmungsvermögen konzentriere.



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