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Wahrnehmung: Wie Bilder den Verstand täuschen

Von Christina Berndt

Fotos, Hirnscans und Grafiken erklären die Wirklichkeit? Schön wär's. Der Mensch sollte nicht glauben, was er sieht - denn kaum etwas lügt so sehr wie eine gute Abbildung.

Als sie die Bilder sahen, verstummte ihr Protest. Eben noch hatten aufgebrachte Amerikaner ihrem Landsmann Paul Root Wolpe heftige Vorwürfe gemacht. Sie waren empört, dass sich der Bioethiker dafür einsetzte, Terri Schiavo sterben zu lassen – jene Frau, die seit 15 Jahren im Koma lag. Doch als Wolpe ihnen Bilder zeigte, die ein Computertomograf (CT) von Schiavos Hirn angefertigt hatte, legte sich die Wut seiner Kritiker.

Neben einem CT-Scan von einem gesunden Gehirn, den Wolpe zugleich präsentierte, sah Schiavos Denkorgan furchtbar aus. Allenfalls ein Drittel ihrer grauen Masse schien noch zu leben. "Als die Leute das sahen, sagten sie: ,Vielleicht ist Terri wirklich nicht mehr da‘", erinnert sich Wolpe, der an der University of Pennsylvania lehrt.

Die Macht, die von Bildern ausgeht: Sie zeigt sich besonders in der Medizin, deren scheinbar konkrete Aufnahmen aus dem Körperinneren eine Überzeugungskraft besitzen, die andere Erklärungen verblassen lässt. Daher bleibt fraglich, ob Wolpes Kritiker die abgebildete Wirklichkeit tatsächlich verstanden hatten: War ihnen bewusst, dass es sich um sichtbar gemachte, rechnerische Abstraktionen handelte, um Kontrastunterschiede im Pfad von Röntgenstrahlen – rückübersetzt in die konkrete Form eines Gehirns? Die damit verbundenen Zweifel am Objekt ihrer Betrachtung ließen Wolpes Kritiker jedenfalls nicht erkennen.

"Es ist ein Grundproblem der Menschen: Wir glauben, was wir sehen", sagt der Psychologe Frank Keil von der amerikanischen Yale University. "Leider. Denn wir sehen längst nicht so gut, wie wir glauben." Die Sicherheit, durch Bilder informiert zu sein, sei ein trügerisches Gefühl, wie Keil in Experimenten belegt hat und wie auch der Kommunikationswissenschaftler Thomas Knieper von der Universität München weiß: "Wenn Leute zum Beispiel einen Fernsehbericht betrachten, bei dem die Aussagen von Bild und Text einander widersprechen, denken sie, die Bilder seien wahr und die Texte falsch." Der Grund dafür lautet: Das Auge ist der wichtigste Sinn des Menschen. Ihm vertraut er mehr als sämtlichen anderen Wahrnehmungen.

Auch im Alltag fasst der Mensch Bilder als gesicherte Wirklichkeit auf, während er sich über andere Sinneseindrücke schon mal bei Mitmenschen vergewissern muss: Hat sein Gegenüber auch das komische Geräusch gehört? Findet die Begleitung beim Abendessen ebenfalls, dass der Weißwein korkt? Gesehenes hingegen zieht der Mensch so gut wie nie in Zweifel.

"Wir sind Augentiere", erklärt Ernst Pöppel, Professor für Medizinische Psychologie an der Universität München: Seit Urzeiten verlassen wir uns auf den Sehsinn, der uns den Säbelzahntiger im Gebüsch identifizieren ließ, nachdem dort nur ein unbestimmtes Ästeknacken zu hören war – und lange bevor wir das Tier hätten riechen können. Diese Vormacht des Sehsinns drückt sich bis heute darin aus, dass die Hälfte des menschlichen Hirns für die Verarbeitung visueller Reize zuständig ist. Und sie drückt sich im nahezu blinden Vertrauen aus, das der Homo sapiens seiner Sehfähigkeit entgegenbringt.

Dabei ist, was vom Auge ins Gehirn gelangt, immer nur ein Konstrukt der Wirklichkeit: eingeschränkt durch persönliche Erfahrungen und durch erlerntes Vorwissen. Das Auge vervollständigt in wirrer Umgebung bekannte Strukturen, ergänzt ein paar Fetzen Tigerfells im Gebüsch zur ganzen Raubkatze, den rötlichen Schein im Straßennebel zum Auto des Vordermanns und es ordnet und interpretiert dabei die Realität, wie sich zum Beispiel am Kanisza-Dreieck demonstrieren lässt. Zudem beeinflussen Gefühle, was wir sehen, sagt Petra Stoerig vom Institut für experimentelle Psychologie der Universität Düsseldorf: "Ein Mensch, der gerade traurig ist, wird vor allem Dinge wahrnehmen, die zu diesem Gemütszustand passen. Einen Leichenwagen eher als einen Hochzeitszug."

So operieren Sehsinn und Gehirn mit informellen wie emotionalen Vorurteilen, aus denen sie sich die Umgebung zusammenreimen. Dass sie dabei subjektiv Unbedeutendes ausblenden müssen, haben die US-Psychologen Daniel Simons und Daniel Levin schon vor Jahren in einem verblüffenden Experiment nachgewiesen: Sie schickten einen Forscher mit einem Stadtplan in der Hand auf die Straße. Er sollte Passanten nach dem Weg fragen.

Während die über dem Stadtplan brüteten, liefen zwei Handwerker mit einer Tür zwischen dem Forscher und den arglosen Versuchspersonen hindurch. Heimlich wechselte dabei ein Handwerker mit dem Forscher den Platz. Obwohl der Türträger völlig anders aussah als der Forscher und auch andere Kleidung trug, bemerkte jeder zweite Passant das nicht und erklärte den Weg, als ob nichts geschehen sei. Ein Phänomen, das der Psychologe Heiner Deubel von der Universität München "Schauen ohne zu sehen" nennt. Der Gefragte sieht sein Gegenüber zwar an, nimmt es aber nicht wahr.

Wie trügerisch also die Sicherheit ist, in der ein Bilder betrachtender Mensch sich wiegt, hat der Yale-Psychologe Frank Keil vor wenigen Jahren in einem Experiment bewiesen. Er ließ Elitestudenten einschätzen, wie gut sie das Prinzip verstehen, das zum Beispiel einem Hubschrauber zugrunde liegt, einem Reißverschluss oder einer Klospülung. Dann zeigte er einer zweiten Gruppe junger Frauen und Männer technische Zeichnungen dieser Gegenstände und fragte sie dasselbe.

Die zweite Gruppe zeigte sich viel sicherer. Als es jedoch ans Erklären ging, versagten die Elitestudenten und kamen ins Stottern. Alle hatten sich furchtbar überschätzt. Dass dies für die jungen Männer mehr galt als für die Frauen, sei nur nebenbei erwähnt. Gemeinsam war ihnen, dass der Blick auf die Grafik eine Illusion erzeugt hatte: "Wenn wir etwas sehen, gibt uns das ein Gefühl von Einsicht, die wir in Wirklichkeit nicht besitzen", sagt Frank Keil. Dasselbe bestätigt der Kommunikationswissenschaftler Knieper für historisches Wissen: "Wenn man Leute fragt, wie gut sie sich an den Krieg erinnern, wächst die Selbsteinschätzung, sobald dazu Bilder gezeigt werden", sagt er. "Dabei ist es egal, wie gut das eigene Wissen wirklich ist."

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