Wahrnehmung: Wie Gesichter in der Erinnerung bleiben

Dich kenn ich doch, oder? Chinesische Psychologen haben entschlüsselt, warum es manchen Menschen leichter fällt als anderen, Gesichter wiederzuerkennen. Fest steht: Mit Intelligenz hat das nichts zu tun.

Papp-Gesicht: Wer Gesichter als Summe von Nase und Mund sieht, erinnert sie schlechter Zur Großansicht
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Papp-Gesicht: Wer Gesichter als Summe von Nase und Mund sieht, erinnert sie schlechter

Auge, Nase, Mund - wer Gesichter nur als Summe ihrer Bestandteile wahrnimmt, erkennt sie später schlechter wieder. Wer das Antlitz seines Gegenübers allerdings im Ganzen wahrnimmt, wird sich später eher an die Person erinnern. Das berichten Forscher von der chinesischen Beijing Normal University in dem Fachjournal "Psychological Science".

"Im täglichen Leben nehmen wir unsere Welt sowohl holistisch, also im großen Ganzen wahr, aber auch analytisch, also in ihren Details", sagt der Autor der Studie, Liu Jia. Während das Gehirn generell alle möglichen Objekte wie Autos, Tiere und Häuser analysiere, sei für Gesichter eine ganzheitliche Verarbeitung bedeutsam.

Er und sein Forscherteam untersuchten mit drei unterschiedlichen Aufgaben, wie gut sich Männer und Frauen an Gesichter erinnern und inwiefern sie Gesichter ganzheitlich wahrnehmen. Zusätzlich führten sie einen Intelligenztest durch.

Zunächst ermittelten die Wissenschaftler, wie gut die 337 Probanden generell Gesichter wiedererkennen können. Diese schauten sich dafür anfangs verschiedene Gesichter nur an, später mussten sie diese dann aus einer Vielzahl weiterer unbekannter Gesichter identifizieren. Anschließend absolvierten die Studienteilnehmer zwei weitere Experimente, die klären sollten, inwiefern sie Gesichter ganzheitlich verarbeiten.

Zusammengesetzte Gesichter

In dem ersten Versuch sahen die Probanden zwei bekannte Gesichter - allerdings horizontal geteilt und vertauscht zusammengesetzt. Bei der Face-Composite-Task genannten Aufgabe werden zum Beispiel die Stirn und Augen von Brad Pitt mit Tom Cruises Nase und Mund kombiniert. Menschen fällt es leichter, die Person im oberen Bild wiederzuerkennen, wenn das untere leicht versetzt ist. Liegen die beiden Hälften passend aneinander, bildet das Gehirn ein neues, unbekanntes Gesicht, verarbeitet also holistisch. Menschen fällt es daher zumeist schwer, die obere Person zu erkennen.

Bei einer zweiten Aufgabe, Parts-Wholes-Task genannt, sollten die Studienteilnehmer einen bestimmten Teil des Gesichts später wiedererkennen. Sie sahen entweder das gesamte Gesicht oder nur die betreffende Partie. Menschen erinnerten sich eher an Nase, Augen oder Mund, wenn sie diese zuvor in einem kompletten Gesicht gesehen hatten.

Schließlich leiteten die chinesischen Forscher um Liu aus den Versuchen folgendes ab: Probanden, die bei den letzten zwei Aufgaben gut abschnitten, also Gesichter eher ganzheitlich verarbeiteten, erinnerten sich generell besser an Gesichter. Die Forscher fanden keinen Zusammenhang zwischen der Fähigkeit, Gesichter zu erkennen und der im Test ermittelten Intelligenz.

Therapieansatz? Training ist möglich

Die Ergebnisse stimmen die Psychologen optimistisch: Menschen mit Prosopagnosie könnten von ihrer Forschung profitieren. Sie sind sozusagen blind für Gesichter, können also weder Bekannte noch Verwandte an ihrem Antlitz erkennen. Sie kompensieren dies in der Regel dadurch, dass sie sich andere Details einprägen, mit denen sie einen Menschen identifizieren.

Auch manche Autisten haben dieses Problem. "Wir könnten die Betroffenen trainieren, holistisch wahrzunehmen und so ihre Fähigkeit verbessern, Gesichter zu erkennen."

jha

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