Wahrnehmung: Mit den Ohren sieht man besser

Von Nora Schultz

  Objekte verschiedener Formen und Farben: Worte schärfen den Blick  Zur Großansicht
Corbis

Objekte verschiedener Formen und Farben: Worte schärfen den Blick

Die menschlichen Sinne arbeiten offenbar stärker zusammen als bislang vermutet. Den Namen eines Gegenstands zu hören, erhöht die Chancen, dass die Augen ihn erfassen. Forscher hoffen, dass die Erkenntnis auch das Lernen erleichtern könnte.

Längst nicht alles, was es zu sehen gibt, nehmen wir auch bewusst wahr. Unsere aktuellen Gedanken und Gefühle, Interesse, Aufmerksamkeit und Erfahrung beeinflussen, welche Bilder im Kopf auch ankommen. Bislang galt dies jedoch als reine Sortierleistung des Gehirns. Nur relevante Sinneseindrücke lässt es bis ins Bewusstsein durch, glaubte man - auch wenn die Augen viel mehr registrieren.

Jetzt sagen Forscher aus den USA, dass schon die Augen viel flexibler filtern als bislang angenommen. Die richtigen Worte schärfen dabei im wahrsten Sinne des Wortes den Blick.

Um zu testen, wie Sprache die Sicht beeinflusst, bedienten Gary Lupyan von der University of Wisconsin in Madison und Emily Ward von der Yale University sich eines optischen Tricks, der Bilder unsichtbar machen kann: Bei der Continuous Flash Suppression (CFS) sieht ein Auge ein Bild, zum Beispiel von einem Känguru, während an dem anderen Auge in schneller Folge kontrastreiches, aber bedeutungsloses Gekritzel vorbeiblitzt. Das Geflackere nimmt den Sehapparat so in Anspruch, dass das Bild vom Känguru erst gar nicht im Gehirn verarbeitet werden kann, es wird unsichtbar.

Die CFS-Methode unterscheidet sich von anderen unterschwelligen Bildpräsentationen, bei denen ein Motiv zum Beispiel nur so kurz gezeigt wird, dass es nicht im Bewusstsein registriert wird: "In solchen Fällen wird das Bild vom Gehirn weitgehend verarbeitet und beeinflusst auch das Verhalten; wir sind uns nur nicht bewusst, etwas gesehen zu haben", sagt Lupyan. "Bei CFS hingegen passiert überhaupt keine Bildverarbeitung im Gehirn; es ist, als hätte das Auge nichts gesehen."

Die Forscher sprachen insgesamt 50 Studenten in jeweils mehreren hundert Versuchsdurchgängen jeweils ein Wort vor. Anschließend "zeigten" sie ihnen bei der Hälfte der Durchgänge durch CFS verborgene Bilder und fragten sie dann, ob sie etwas gesehen hatten. Ein zum verborgenen Bild passendes Wort versetzt die Probanden öfter und schneller in die Lage, ein eigentlich unsichtbares Bild doch zu entdecken. Ein unpassendes Wort machte es hingegen noch unwahrscheinlicher, dass den Augen das Bild auffiel, schreiben die Forscher im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Wörter verbessern Wahrnehmung

Das Gehörte scheint dabei direkt die visuellen Eigenschaften des Objekts im Gehirn zu aktivieren, zeigen Lupyan und Ward in einem Teilexperiment: Zehn Studenten präsentierten sie geometrische Formen, die auf einem Spektrum zwischen Kreis und Quadrat anzuordnen waren. Je eindeutiger die Form zur jeweiligen Beschreibung als "Kreis" oder "Quadrat" passte, desto mehr half das gehörte Wort dabei, das verborgene Objekt sichtbar zu machen.

"Wir zeigen, dass die Augen nicht wie objektive Kameras funktionieren, die neutrale Aufnahmen der visuellen Umgebung machen, sondern dass schon der Sehprozess selbst davon abhängt, was wir gerade hören, denken und fühlen", sagt Lupyan.

Er hält es für keinen Zufall, dass ausgerechnet Sprache die Sinne so grundlegend beeinflussen kann. Wörter als abstrakte Kategorien seien besonders geeignete Hilfsmittel, die Umwelt gezielt und geordnet wahrzunehmen. "Wenn das Gehirn Wörter wie Etiketten verwendet, kann uns dies dabei unterstützen, alle Merkmale der Umgebung, die zu einem Wort passen, besser wahrzunehmen", sagt er. "So kann Sprache neben ihrer Kommunikationsfunktion unsere Sinneswahrnehmung auch direkt auf eine Weise beeinflussen, die es so bei anderen Lebewesen nicht gibt."

Die nun entdeckte Verknüpfung von Gehörtem und Gesehenem könnte auch Auswirkungen auf Lernstrategien haben. Neue Fachgebiete und Hobbys kommen oft begleitet von Fachkauderwelsch, das man bislang oft bestenfalls als mühseliges Beiwerk in Kauf nahm. Tatsächlich könnten solche Vokabeln die Schlüssel sein, die uns helfen, den neuen Stoff besser wahrzunehmen, erklärt Lupyan. "Wer die sprachlichen Nuancen für verschiedene Weinbouquets lernt, wird tatsächlich besser darin, sie herauszuschmecken", spekuliert er. Ebenso mache die Verknüpfung plausibel, warum es beim Lernen oft helfe, den Stoff nicht nur zu lesen und im Kopf zu wälzen, sondern laut zu rezitieren.

John-Dylan Haynes vom Bernstein Centre for Computational Neuroscience, der nicht an der Studie beteiligt war, glaubt allerdings nicht, dass es viele praktische Anwendungsmöglichkeiten gibt, um den Blick mit Worten gezielt zu schärfen. "Theoretisch könnte man zwar aus dieser Studie eine Technik ableiten, um unbewusste Reize besser sichtbar zu machen, aber das wäre sehr unpraktisch. Denn man müsste ja immer wissen, welcher Reiz dargeboten wird, denn nur wenn man das passende Wort präsentiert, wird die Entdeckung des unbewussten Reizes verbessert", sagt er.

Lupyan hingegen findet, dass die Macht der Worte über die Sinneswahrnehmung nicht überschätzt werden kann: "Was wir hören, kann sehr dramatische Effekte auf unsere Erwartungen haben. Der Geruch von Parmesan und Erbrochenem ist chemisch fast identisch; unsere Reaktionen auf den Duft - je nachdem wie er genannt wird - wohl kaum!"

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Multisensorische Wahrnehmung ...
spon-facebook-1757702903 14.08.2013
Nennt man das. Und das funktioniert mit Bildern und Düften im Zusammenspiel noch viel besser. Bilder, Erlebnisse usw werden, wenn Sie zusammen mit Duft wahrgenommen werden, deutlich nachhaltiger im Unterbewusstsein abgelegt. Das bedeutet, das diese Informationen auch noch nach Jahren durch ein hiermit verbundenes Dufterlebnis vom Gerhirn automatsch hervorgeholt wird. Und dieser Effekt wird bereits im Duftmarketing im Handel, Hotelerie etc professionell eingesetzt.
2. Danke, posthum, Joachim Ernst Behrendt
tsitsinotis 15.08.2013
für Ihr Buch "Das Dritte Ohr".
3. Man sieht nur,
sam.pler 15.08.2013
was man weiß. Ich glaube, dieser Spruch stammt aus China, und ich glaube, er ist mehrere tausend Jahre alt.
4. optional
ancoats 15.08.2013
Zitat: "Wir zeigen, dass die Augen nicht wie objektive Kameras funktionieren, die neutrale Aufnahmen der visuellen Umgebung machen, sondern dass schon der Sehprozess selbst davon abhängt, was wir gerade hören, denken und fühlen", sagt Lupyan." Hat er das wirklich so gesagt? Banales Zeugs: jeder halbwegs einschlägig Informierte weiß, das "Sehen" das Ergebnis eines Verarbeitungsprozeß im Gehirn ist - das Auge selbst liefert mehr oder weniger nur die "Rohdaten". Und es ist auch keine bahnbrechend neue Erkenntnis, dass bei diesem Prozeß alles mögliche, z.B. anderer sensorischer Input, aber auch Gefühle und Erinnerungen, eine Rolle spielen. Also was genau soll hier jetzt das interessante Neue sein? Dass es auch eine Art Priming-Effekt durch Sprache geben kann? Big deal.
5.
andij 15.08.2013
Loud pipes save lives
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS
alles zum Thema Psychologie
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 9 Kommentare
  • Zur Startseite