Wahrnehmungspsychologie: Analphabet durch Hypnose

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Per Hypnose haben Psychologen ihren Versuchspersonen das Lesen abgewöhnt. Diese konnten plötzlich nicht mehr benennen, was auf den bunten Tafeln geschrieben stand. Die Forscher fanden auch heraus: Wer gut gelaunt ist, lässt sich weniger beeinflussen.

Stroop-Effekt: Erfolgreich verdummt?

Stroop-Effekt: Erfolgreich verdummt?

Wir können gar nicht anders. Wenn ein Wort gedruckt vor uns steht, müssen wir es lesen, ob wir wollen oder nicht. Die Werbung etwa macht sich diesen Effekt immer wieder zunutze. Und jeder, der sich beim Frühstück mal an der Müslipackung festgelesen hat, kennt ihn aus eigener Erfahrung.

Das Phänomen kann aber auch zu Konflikten im Kopf führen: Sollen wir etwa bei dem mit roter Farbe gedruckten Wort "blau" die Tintenfarbe benennen, kostet das Mühe. Die Lese-Automatik drängt die Wortbedeutung so in den Vordergrund, dass es schwierig wird, die Farbinformation zu erfassen und vor allem auszusprechen. "Stroop-Effekt" nennen Psychologen diesen Vorrang des Wortes gegenüber der Farbe, nach seinem Entdecker John Ridley Stroop. "Der Effekt ist ein bekanntes und sehr robustes Beispiel dafür, dass wir irrelevante Information manchmal schwer unterdrücken können", erklärt Wilfried Kunde, Psychologe an der Universität Hamburg, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Inzwischen ist jedoch klar: Hypnose kann die Informationsverarbeitung im Gehirn so stark verändern, dass solche Wahrnehmungskonflikte gar nicht mehr oder nur noch eingeschränkt auftreten. Amir Raz von der Columbia-University in New York und seine Kollegen beschreiben in der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences", wie man den Stroop-Effekt mit Hypnose austricksen kann - und was dabei im Gehirn passiert (Online-Vorabveröffentlichung).

"Wie Schriftzeichen einer fremden Sprache"

Dazu zeigten die Wissenschaftler acht gut hypnotisierbaren und ebenso vielen schlechter hypnotisierbaren Freiwilligen auf einem Bildschirm verschiedene Wörter in den Farben Rot, Blau, Grün oder Gelb. Vorher jedoch wurden die Versuchspersonen hypnotisiert, wobei sie unter anderem diesen Befehl bekamen: "Jedes Mal, wenn sie meine Stimme über die Sprechanlage hören, werden sie sofort merken, dass sinnlose Symbole in der Mitte des Bildschirms erscheinen. Sie werden aussehen wie die Schriftzeichen einer fremden Sprache, die Sie nicht kennen, und Sie werden nicht versuchen, ihnen irgendeine Bedeutung abzugewinnen." Später konnte diese Anweisung dann als sogenannter posthypnotischer Befehl durch ein entsprechendes Kommando aktiviert und nach Belieben wieder deaktiviert werden.

Wie in der Stroop-Aufgabe üblich, sollten die Probanden sich nicht auf die Bedeutung der Wörter, sondern nur auf die Schriftfarbe konzentrieren und eine gleichfarbige Taste drücken. Gelegentlich jedoch bekamen sie, bevor eine neue Runde begann, einen Befehl, der die vorher unter Hypnose erhaltenen Anweisungen aktivierte: Die Symbole als sinnlose Zeichenketten zu betrachten nämlich. Während dieses Experiments maßen die Forscher mit Hilfe von funktionaler Magnetresonanztomografie (fMRI) und Elektroenzephalogramm (EEG) die Aktivität bestimmter Hirnregionen.

Gut Hypnotisierbare verlernen das Lesen

Nur die gut hypnotisierbaren Probanden reagierten auf die Suggestion nach der Hypnose. Der Stroop-Effekt war bei diesen acht Versuchspersonen nicht mehr nachweisbar: Sie reagierten schneller und konnten die Schriftfarben häufiger richtig benennen als die weniger gut Hypnotisierbaren. Zudem wiesen sie sowohl im sogenannten cingulären Cortex als auch in den visuellen Hirnarealen im Hinterkopf eine reduzierte Aktivität auf, ergaben die EEG- und fMRI-Messungen. Raz und seine Kollegen glauben, dass dieser direkte Einfluss von Hypnose auf die Hirnaktivität ein neues Licht auf Verarbeitungsprozesse wirft: Bislang war das Lesen von Worten als automatischer, nicht durch bewusste Kontrolle zu stoppender Prozess betrachtet worden. Nun zeigt sich, dass die automatische Verarbeitung im Gehirn durch Suggestion verändert werden kann.

Der Hamburger Psychologe Kunde allerdings mahnt zur Vorsicht: "Die Frage ist - könnte man durch andere Manupulationen ähnliche Effekte finden?" Die Hypnose könnte beispielsweise nur zur Folge haben, dass die Versuchspersonen in den entsprechenden Durchgängen ihren Blick unscharf stellten und dadurch die Wörter nicht mehr richtig lesen könnten. Wäre das der Grund für den reduzierten Stroop-Effekt, könnte man das gleiche Ergebnis beispielsweise auch mit einer entsprechend verzerrenden Brille erzielen. Das, meint Kunde, sollte überprüft werden.

Dennoch hält der Psychologe das Resultat von Raz und Kollegen für interessant, denn das Stroop-Phänomen galt lange Zeit als kaum zu beeinflussen. In jüngerer Zeit bekam seine Robustheit jedoch erste Risse: Auch die Stimmungslage wirkt sich darauf aus, wie stark sich die Worte in den Vordergrund drängen, zeigte eine andere Forschergruppe kürzlich. Wer gut gelaunt ist, lässt sich weniger leicht von den Buchstaben ablenken.

Raz und sein Team glauben, ihre Ergebnisse könnten auch zum Verständnis anderer Prozesse beitragen, die auf Suggestion beruhen. Dazu zählen sie nicht nur Hypnose, sondern beispielsweise auch die Wirkung von Placebo-Medikamenten. Was deren Effekt tatsächlich ausmacht, ist nach wie vor umstritten. Möglicherweise, spekulieren die Forscher, basiert die Wirkung von Scheinmedikamenten auf ähnlichen Prozessen wie die Hypnose. Ebenso, wie in ihrem Experiment die Wahrnehmung der Worte durch Suggestion gestört wurde, so die Vermutung, könnte etwa bei Schmerzpatienten durch ein Placebo die Schmerzwahrnehmung gedämpft werden.

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