News aus Boston Warum Demokraten den Begriff "Klimawandel" meiden

Schon vor Jahren wurde Florida hohe Flutgefahr prophezeit. Doch selbst nach Hurrikan "Irma" ignorieren einigen den Klimawandel. Außerdem in den Wissenschaftsnachrichten aus den USA: Schamottsteine und der Kampf um Amazon.

Straße Richtung Everglades City in Florida (USA)
DPA

Straße Richtung Everglades City in Florida (USA)

Aus Boston berichtet


  • DER SPIEGEL/ Rick Friedman
    Johann Grolle berichtet als Korrespondent für den SPIEGEL aus Boston. "Das ist die Welthauptstadt der Wissenschaft", sagt der langjährige Leiter des SPIEGEL-Ressorts Wissenschaft/Technik. An dieser Stelle schreibt er, was Forscher am MIT, der Harvard University und anderswo in den USA bewegt.

+++ Südflorida - Hotspot des Klimawandels +++

Aus gebotenem Anlass habe ich noch einmal nachgelesen, was die bekannte US-Journalistin Elizabeth Kolbert vor knapp zwei Jahren im "New Yorker" über die Flutgefahr in Florida berichtete. Angesichts von "Irma" liest sich ihr Text prophetisch - und zwar gerade deshalb, weil das Wort "Hurricane" gar nicht darin vorkommt.

Südflorida, schreibt Kolbert, ist ein Hotspot des Klimawandels. Das Land ist flach und die Küste dicht bebaut, deshalb leben, wenn der Meeresspiegel anschwillt, sehr viele Menschen in der Gefahrenzone. Aus noch ungeklärten Gründen steigt gerade hier das Wasser besonders rasch, derzeit um gut zwei Zentimeter pro Jahr - und damit fast zehnmal so schnell wie im Weltdurchschnitt. Obendrein ist ein Schutz vor dem Anstieg des Meeresspiegels kaum möglich: Florida ist auf Kalkstein gegründet, der von Hohlräumen durchzogen ist. Deiche zu bauen, hilft also nicht viel. Das Wasser kommt von unten.

Der Bundesstaat Florida fand trotzdem einen Weg, der Gefahr wirksam zu trotzen: Die Staatsdiener wurden angewiesen, den Begriff "Klimawandel" zu meiden. Klimaschutz mit verbalen Mitteln.

"Irma" wäre jetzt die Gelegenheit, Schluss zu machen mit der törichten Verleugnung. Stattdessen folgen nun auch viele Demokraten der offiziellen Sprachregelung. Sie haben Angst, jede Erwähnung der globalen Erwärmung werde die Bereitschaft der Republikaner mindern, Geld für die Sturm- und Flutopfer bereitzustellen.

+++ Alte Erfindung, neu entdeckt +++

Manchmal ist die Lösung eines Problems längst gefunden, nur dass es keiner gemerkt hat. Genau das sei im Falle eines Grunddilemmas regenerativer Energien der Fall, behauptet jetzt ein Team von MIT-Ingenieuren. Die Forscher glauben, eine Patentlösung gefunden zu haben - unter Rückgriff auf eine Jahrtausende alte Erfindung.

Es geht um ein Kardinalproblem der Strombranche: Sonne und Wind liefern ihre Energie nur unbeständig. Deshalb wächst, je mehr sich diese Energieformen durchsetzen, das Speicherproblem: Was tun mit dem vielen Strom an wolkenklaren Tagen, wenn obendrein der Wind kräftig bläst? Wie ihn speichern für Zeiten der Flaute, wenn er womöglich weit dringlicher benötigt wird? Geradezu trivial klingt, was jetzt die MIT-Leute als Lösung vorschlagen: Schamottsteine.

Steine könnten als Energiespeicher dienen.
Getty Images/ Bloomberg

Steine könnten als Energiespeicher dienen.

Schon vor 3500 Jahren mauerten die Hethiter ihre Öfen zur Eisenverhüttung mit Ziegelsteinen, die feuerfest bis zu Temperaturen von 1600 Grad waren. Eben solche Steine, meinen nun die MIT-Forscher, seien ideal, um Wärme zu speichern, die sie in Zeiten höheren Bedarfs wieder abgeben können. Die Uralttechnik sei mindestens zehnmal billiger als die Pumpspeicherkraftwerke, die normalerweise diesem Zweck dienen. Der erste Prototyp eines Hochtemperatur-Schamottspeichers, der modernen Ansprüchen genügt, soll im Jahr 2020 fertig sein. Ein ähnliches Konzept wird derzeit in Hamburg getestet.

+++ Besser lernen mit Stift und Papier +++

Und noch ein weiteres Lob des Lowtech: Professoren versuchen, den Siegeszug des Laptops im Hörsaal zu stoppen. In der Vorlesung sehen sie sich oft einem Wald aufgestellter Bildschirme gegenüber, auf denen die Studenten eifrig Notizen machen. Doch fördert das elektronische Hilfsmittel wirklich den Lernerfolg? Studien ziehen das in Zweifel.

Forscher in Princeton und Kalifornien gaben randomisiert elektronische Geräte an Probanden aus und testeten, ob diese den Inhalt einer Vorlesung anschließend besser wiedergeben konnten als Kommilitonen, die handschriftliche Notizen gemacht hatten. Das Ergebnis: Im Gegenteil, bei den Laptop-Nutzern blieb weniger hängen. Zwar hatten sie mitunter erstaunlich wortgetreue Transkripte angefertigt. Doch war der Stoff offenbar direkt vom Ohr in die Finger geflossen, ohne unterwegs Halt im Gehirn zu machen.

Zu Recht also fordern immer mehr Professoren: zurück zu Stift und Papier!

+++ Städte-Wettbewerb um neuen Amazon-Hauptsitz +++

"Amazon sollte nach Maryland kommen", findet die "Baltimore Sun". "Minnesota bewirbt sich um Amazon-Hauptquartier", heißt es in "Radio Minnesota". Und selbst der kanadische "Calgary Herald" verkündet: "Calgary steigt ein in den Bieterwettbewerb".

Amerikas Stadtplaner sind im Delirium. Sie wetteifern um eine Trophäe, wie es sie nicht oft zu gewinnen gibt: Das Online-Versandhaus Amazon will einen zweiten Hauptsitz gründen. Der Campus in Seattle platzt aus den Nähten. Nun sind Städte und Regionen in ganz Nordamerika aufgefordert, sich als Zweitwohnsitz für den Konzern zu bewerben. Es geht um eine Investition von mindestens fünf Milliarden Dollar und vor allem: um 50.000 Arbeitsplätze. Alles soll schnell gehen: Am 19. Oktober ist Einsendeschluss. 2019 sollen die Bagger kommen.

In Denver, Austin, Washington und Pittsburgh suchen nun die Strategen nach tauglichen Standorten und Argumenten. Natürlich rechnet sich auch Boston Chancen aus. Zwar ist die Stadt dicht bebaut, das Lohnniveau hoch und der Quadratmeterpreis teuer. Dafür lockt das Angebot an Fachkräften und die Nähe zu MIT und Harvard. Bürgermeister Marty Walsh und Gouverneur Charlie Baker werden gewiss ein verführerisches Konzept vorlegen. Einen spektakulären Erfolg haben sie ja bereits vorzuweisen: Gerade erst gelang es ihnen, mit einem Köder von 145 Millionen Dollar, den Elektronikgiganten General Electric aus Connecticut nach Boston zu locken.

insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Pless1 11.09.2017
1. Interessante Zusammenstellung!
Den Begriff Klimawandel sollte man wirklich meiden. Er ist ein Euphemismus. Klimawandel gab es immer, das ist was völlig normales. Das, was wir aber gerade auslösen ist eine Katastrophe. Wobei der Begriff Klimakatastrophe eigentlich auch falsch ist, denn dem Klima ist sein radikaler Wandel ja ebenfalls egal. Selbst für die Evolution bieten sich ja durchaus auch Chancen, wie sie sich nach anderen Massensterben ebenfalls aufgetan haben. Insofern ist die Klimakatastrophe eher eine Menschheitskatastrophe. Sie bedroht in erster Linie ganz konkret die menschliche Gesellschaft. Ob die richtige Quintessenz aus der Laptop-Studie die Rückkehr zu Stift und Papier ist? Es liegt wohl eher an den handschriftlichen Notizen anstatt zu tippen. Und handschriftliche Notizen kann auch auf Laptops machen. Sogar inklusive der kreativen Kritzeleien am Rand.
Worldwatch 11.09.2017
2. Gerade weil, wie Pless1 richtig aufzeigte ...
... der Klimawandel etwas Erdnatuerliches ist, wenn auch vmtl. nicht in dessen moderneren dominant-bewohner auslösenden Form (Anthropozaen-Emmissionen, Saurier-Pups?, aber sicherlich die frühen Sauerstoffproduzenten der Erdlebensfruehgeschichte), ist der Hinweis auf einen 'climate change' doch politisch korrekt. Selten ultrakonservative Bibel-& Kreationismusanhaenger müssen zugeben, dass zur Zeit Noah's Arche und biblischer Flutpruefung, wohl ein anderes Klima herrschte.
allessuper 11.09.2017
3. Klimakatastrophe passt schon, denn
Zitat von Pless1Den Begriff Klimawandel sollte man wirklich meiden. Er ist ein Euphemismus. Klimawandel gab es immer, das ist was völlig normales. Das, was wir aber gerade auslösen ist eine Katastrophe. Wobei der Begriff Klimakatastrophe eigentlich auch falsch ist, denn dem Klima ist sein radikaler Wandel ja ebenfalls egal. Selbst für die Evolution bieten sich ja durchaus auch Chancen, wie sie sich nach anderen Massensterben ebenfalls aufgetan haben. Insofern ist die Klimakatastrophe eher eine Menschheitskatastrophe. Sie bedroht in erster Linie ganz konkret die menschliche Gesellschaft. Ob die richtige Quintessenz aus der Laptop-Studie die Rückkehr zu Stift und Papier ist? Es liegt wohl eher an den handschriftlichen Notizen anstatt zu tippen. Und handschriftliche Notizen kann auch auf Laptops machen. Sogar inklusive der kreativen Kritzeleien am Rand.
der Mensch ist die Katastrophe vom Klima. Alles, außer Lebewesen, wird das überstehen. Und je mehr diese Lebewesen dem Menschen nahesind, desto mehr werden sie untergehen. Bis auf die Reichen natürlich, aber ab da zählen sie nicht mehr zu den Menschen, denn sie sind bereits Transhumane. #Oderso.
lupenreinerdemokrat 11.09.2017
4. Hochinteressante Info zum Thema Hurricanes:
"Diese Liste der atlantischen Kategorie-5-Hurrikane nennt alle Hurrikane im atlantischen Ozean, die seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen eine Intensität innerhalb der Kategorie 5 der Saffir-Simpson-Hurrikan-Skala erreicht haben. Ein Hurrikan der Kategorie 5 – der höchsten Stufe dieser Skala – verursacht die schwersten Schäden. Im statistischen Durchschnitt tritt ein solcher Sturm einmal innerhalb von drei Jahren auf. In nur vier Hurrikansaisons – 1960, 1961, 2005 und 2007 – wurde mehr als ein solcher Sturm verzeichnet. Nur 2005 bildeten sich mehr als zwei Hurrikane dieser Stärke, und nur 2007 gelangte mehr als ein Kategorie-5-Hurrikan in dieser Stärke über Land." https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_atlantischen_Kategorie-5-Hurrikane Die systematischen Aufzeichnungen wurden wohl Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts begonnen. Im statistischen Durchschnitt also alle 3 Jahre ein Kat-5 Hurricane wie im vorliegenden Fall von "Irma". Wenn man also, wie in Florida, in einem höchstwahrscheinlichen Überschwemmungsgebiet baut - und Florida ist extrem dicht an den Küsten besiedelt - werden die zu erwartenden Sturmschäden von Jahr zu Jahr gigantisch steigen. Nicht wegen der Schwere oder Häufigkeit der Stürme, sondern wegen der Dummheit, in bekannten Überschwemmungsgebieten mit immer neuen Gebäuden alles zu zersiedeln - Bodenversiegelung inclusive.
Nonvaio01 11.09.2017
5. nicht das wasser steigt
sondern der boden sinkt. Florida ist sumpfgebiet, Kalkstein ist kein Stein in dem sinne. Je mehr gebaut wird, desto schlimmer wird es. Es hat schon seinen grund warum man keine uhreinwohner in Florida antraf, die waren garnicht erst so bleod sich dort niederzulassen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.