Volk aus Südostasien Das Geheimnis der Supertaucher

Die Bajau sind für ihre außergewöhnlichen Tauchleistungen bekannt. Forscher haben nun entdeckt, warum die Asiaten bis zu 70 Meter tief tauchen können: Ein Organ in ihrem Körper hat sich angepasst.

Melissa Ilardo

Der Mensch kann außergewöhnliche Dinge vollbringen - das sehen wir beispielsweise immer dann, wenn im Sport neue Rekorde aufgestellt werden. Dass sich die Anpassungsfähigkeit des Körpers manchmal sogar im Erbgut manifestiert, konnten Forscher nun bei Tauchern nachweisen.

Dafür schauten sie sich bei den Bajau in Südostasien um. Das indigene Volk lebt auf dem Malaiischen Archipel - und viele Jahrhunderte nur auf dem Meer als Seenomaden. Sie sind dafür bekannt, außergewöhnliche Taucher hervorgebracht zu haben, die in Tiefen von 70 Metern Fische und Schalentiere sammeln. Eine Forschergruppe um Melissa Ilardo ist nun der Frage nachgegangen: Warum können die Bajau fast ohne Hilfsmittel nicht nur besonders tief, sondern auch sehr lange tauchen?

Das Ergebnis: Die Bajau haben sich genetisch an ihre Lebensweise angepasst und verfügen über eine überdurchschnittlich große Milz.

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Schon länger wurde vermutet, dass die Milz eine wichtige Rolle beim Tauchen spielt, erklären die Forscher im Fachmagazin "Cell". Details aber fehlten. "Es gibt nicht viele Informationen über die menschliche Milz in Bezug auf Physiologie und Genetik", erklärt Ilardo. "Doch wir wissen, dass tief tauchende Seehunde wie etwa die Weddellrobbe unverhältnismäßig große Milzen haben."

Das Organ spielt eine wichtige Rolle beim sogenannten Tauchreflex: Selbst beim kurzen Eintauchen in kaltes Wasser setzt dieser ein und bewirkt, dass sich der Herzschlag verlangsamt, die Blutgefäße in den Extremitäten verengen und die Milz zusammenzieht. Durch diese Kontraktion stößt das Organ sauerstoffreiche rote Blutkörperchen in den Blutkreislauf und sorgt so für einen Sauerstoff-Anstieg von bis zu neun Prozent, was die mögliche Tauchzeit verlängert.

Ilardo machte Ultraschallaufnahmen bei 59 auf der indonesischen Insel Sulawesi ansässigen Bajau sowie 34 Angehörigen der in der Nähe lebenden Saluan - einer ethnischen Minderheit, die nicht mit den Bajau verwandt ist und nicht taucht. Im Vergleich waren die Milzen der Bajau durchschnittlich doppelt so groß - und das sowohl bei den regelmäßig tauchenden Bajau als auch bei denen, die nicht tauchen. Das internationale Forschungsteam, geleitet von Wissenschaftlern der Universitäten von Kopenhagen, Cambridge und Berkeley, schloss daraus, dass die Ursache für das vergrößerte Organ tatsächlich eine genetische Anpassung ist.

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Via Speichelproben führten die Forscher Genanalysen durch und stellten fest, dass die Bajau über ein Gen mit der Bezeichnung PDE10A verfügen, die Saluan hingegen nicht. Es kontrolliert vermutlich den Spiegel des Schilddrüsenhormons T4. "Bei Mäusen wurde gezeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen Schilddrüsenhormonen und der Größe der Milz gibt", erklärt Ilardo. Mäusen, denen das Hormon T4 künstlich entzogen wurde, verfügten demnach über eine drastisch verkleinerte Milz.

Für die Wissenschaftler stellt die Studie den ersten Nachweis einer genetischen Anpassung des Menschen ans Tauchen dar - mit möglichen Folgen für die medizinische Forschung. So lasse sich der menschliche Tauchreflex mit den Symptomen einer akuten Hypoxie vergleichen. Dabei werden die Körperzellen mit zu wenig Sauerstoff versorgt, was vor allem in der Notfallmedizin für Komplikationen sorgt. Entsprechend seien die Fähigkeiten der Bajau ein Hypoxie-Experiment der Natur, das es erlaube, Menschen auf eine Weise zu untersuchen, die im Labor nicht möglich wäre, so einer der Studienautoren.

Auch das thailändische Seenomadenvolk der Moken und die südkoreanischen Taucherinnen der Haenyo sollten auf derartige genetische Anpassungen untersucht werden - solange dies noch möglich sei, wie Co-Autor Eske Willerslev, Genetiker an der Universität Kopenhagen, betont. "Viele dieser Völker sind bedroht und das ist nicht nur ein kultureller und sprachlicher Verlust, sondern auch einer für die Genetik, Medizin und Wissenschaft im Allgemeinen."

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Tauchstudie: Leben unter Wasser

Die Bajau, Sammelbegriff für eine mehrere Untergruppen umfassende indigene Ethnie, lebten wohl mehr als tausend Jahre lang als Seenomaden auf Hausbooten in Südostasien. Heutzutage verbringen sie selten ihr ganzes Leben auf dem Meer, die meisten Bajau leben in Siedlungen in Malaysia, Indonesien und den Philippinen.

Noch immer aber spielt sich ihr Leben hauptsächlich auf und an dem Meer ab, das auch wichtigster Nahrungslieferant ist. Viele Bajau verbringen acht Stunden täglich oder noch länger im Wasser, wo sie mit Speeren Jagd auf Fische und Oktopusse machen sowie Schalentiere und Seegurken sammeln. Dabei benutzen die Bajau lediglich ein paar Gewichte und eine hölzerne Schutzmaske.

"Ich denke, dass es faszinierend ist, wie außergewöhnlich die Bajau sind - fast wie Supermenschen, die mit ihren außerordentlichen Fähigkeiten unter uns leben", sagt Ilardo.

joe/dpa



insgesamt 4 Beiträge
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touri 20.04.2018
1.
Interessant wie (verhältnismäßig) schnell solche genetischen Anpassungen entstehen und sich durchsetzen können.
cindy2009 20.04.2018
2. Bedrohung
Dass diese Gruppe durch den modernen Fischfang in der Lebensweise eingeschränkt wird, bzw. durch Pseudo - Umweltschutz, finde ich beachtenswerter.
matijas 20.04.2018
3. Lamarck und/oder Darwin
Lamarck hatte behauptet, die Giraffen bekamen längere Hälse, weil sie diese immer stärker nach oben recken mussten, um noch an Futter zu kommen. Also hatte Lamarck eher Recht als Darwin? Was nicht benutzt wird, bildet sich zurück (in dunkler Höhle eingeschlossene Fische verlieren die Sehkraft), was stark beansprucht wird, erzeugt Impulse zur Verstärkung und Anpassung. Es wäre nicht in allem ein Widerspruch zu Darwin, die Selektion bleibt ja, aber der Ausgangspunkt wäre nicht mehr eine rätselhafterweise zufällig passende Mutation - mathematisch sehr umstritten -, sondern ein Entwicklungsimpuls, der durch die besondere Nutzung und Beanspruchung eines Organs oder einer Funktion gesetzt wird. Vielleicht über die epigenetische Schiene? Daher dann auch verstehbar die Entwicklung in teilweise "kurzen" Zeiträumen, in überschaubarer Zahl von Generationen.
lachina 21.04.2018
4. Trotzdem hat Darwin Recht
und nicht Lamarck. Man darf sich das nicht so vorstellen, dass vom Tauchen der Mensch eine größere Milz bekommt, die er weitervererbt, sondern dass diejenigen Menschen mit der größeren Milz die besseren Taucher sind, einen gleichwertigen Partner finden und gemeinsam das Erbgut weitergeben, bis das Volk aus solchen angepassten Individuen besteht.
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