Sicherheitsdebatte Warum Terrorangst Unsinn ist

Es ist höchst unwahrscheinlich, selbst jemals zum Opfer von Terror zu werden. Warum beherrscht die Angst davor die Gemütslage der Deutschen?

Spezialkräfte der Polizei nach dem Anschlag in Ansbach (Bayern)
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Spezialkräfte der Polizei nach dem Anschlag in Ansbach (Bayern)

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Die schlechte Nachricht zuerst: Wir werden alle sterben. Ausnahmslos. Sorry.

Die gute Nachricht ist: Todesursache wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Terrorakt oder eine andere Gewalttat sein. In Deutschland wird nach wie vor besonders gern an Herz-Kreislauf-Erkrankungen (338.000-mal im Jahr 2014) und an Krebs (knapp 224.000-mal) gestorben. Fun fact: Ein Viertel aller Deutschen über 15 Jahren sind Raucher.

Auch tödliche Gewalt üben Deutsche, wenn überhaupt, am liebsten gegen sich selbst aus. 2014 gab es wieder einmal über 10.000 Suizide. Mord und Totschlag dagegen sind - noch eine gute Nachricht! - über die Jahre rückläufig. Es sterben, trotz Gurtpflicht und Airbags, noch immer viel mehr Menschen im deutschen Straßenverkehr - 2015 waren es 3459, gut ein Drittel davon wegen überhöhter Geschwindigkeit - als an Gewalttaten (2015 waren es 589). In ganz Westeuropa sind seit 1989 bis heute in keinem Jahr mehr als 200 Menschen Terroranschlägen zum Opfer gefallen.

Trotzdem fürchten sich die Deutschen weniger vor Herzinfarkt, Lungenkrebs, Rasern und Depression als vor dem bösen Muslim mit dem Bombengürtel. Könnte man meinen. Einer Allensbach-Studie zufolge, über die SPIEGEL ONLINE kürzlich berichtete, sorgen sich hierzulande 82 Prozent, dass "Gewalt und Kriminalität zunehmen", 74 Prozent befürchten einen Terroranschlag in Deutschland. Der Klimawandel dagegen macht nur 47 Prozent Sorgen, und die Gefahr, dass Deutschland "im Wettbewerb mit anderen Ländern abgehängt wird", nur 16 Prozent.

Tatsächlich geht es uns gut wie kaum je zuvor, die Arbeitslosigkeit liegt auf Rekordtief, 54 Prozent der Deutschen stufen ihre eigene wirtschaftliche Lage als "sehr gut" ein, und diese Zahl steigt seit Jahren.

Muss man sich den Deutschen also als jemanden vorstellen, der, die Taschen voller Geld, eine Zigarette lässig im Mundwinkel, mit 140 auf der Landstraße unterwegs ist und sich dabei vor einem Terroristen fürchtet, der hinter der nächsten Kurve lauern könnte? Nein, muss man nicht.

Terrorangst ist gleich in doppelter Hinsicht ein Hirngespinst

Ich war diesen Sommer in ganz Deutschland unterwegs, und ich habe nirgends Menschen gesehen, die sich ängstlich umschauen, ob irgendwo ein Bärtiger mit Kalaschnikow auftaucht. Ob am Ostseestrand, in der fränkischen Provinz oder im Berliner Regierungsviertel: Überall scheinen die Leute ganz normal ihr Leben zu leben, sie sitzen in Cafés, lachen und schieben ihre Kinderwagen herum, obwohl sie sich doch angeblich so fürchten! Sogar in Mecklenburg-Vorpommern soll das bis heute so sein.

Tatsächlich ist die Terrorangst gleich in doppelter Hinsicht ein Hirngespinst: Es ist nicht nur fast ausgeschlossen, dass man tatsächlich selbst zum Opfer eines Terroristen wird, Terror wird in Wahrheit auch eher als etwas wahrgenommen, das anderen zustößt, nicht einem selbst. Wie Lungenkrebs oder tödliche Autounfälle. "Sorge vor einem Terrorakt in Deutschland" ist etwas anderes als Angst davor, selbst zum Anschlagsopfer zu werden.

Trotzdem ist der Satz, man müsse "die Ängste der Bürger ernst nehmen" in den vergangenen zwölf Monaten zu einem politischen Mantra geworden, das jede andere politische Motivation zu überstrahlen scheint. Anstatt sich um die - leider sehr reale! - Gefahr zu kümmern, dass das Digitalisierungs-Entwicklungsland Deutschland "im Wettbewerb mit anderen Ländern abgehängt wird", statt sich für Depressions-Prävention oder Tempolimits einzusetzen, macht die deutsche Politik lieber originelle Vorschläge zur Bekämpfung der von ihr selbst so ausdauernd beschworenen Gefahr. Stichwort Burkaverbot.

Lieber beschäftigt man sich tage- und wochenlang mit einem Kleidungsstück, das die meisten Deutschen noch nie in freier Wildbahn zu Gesicht bekommen haben, als mit tatsächlich relevanten Risiken.

Es geht nicht um "Sicherheit", sondern um die Pflege von Ressentiments

In diesem konkreten Fall ist die Erklärung übrigens einfach: Es geht in Wahrheit gar nicht um "Sicherheit", wie etwa Horst Seehofer ständig betont, sondern um die Pflege von Ressentiments. Es scheint politisch erfolgversprechender zu sein, sich öffentlichkeitswirksam vor dem Islam zu fürchten als vor relevanteren Bedrohungen. Tipp für einen Selbstversuch: Ersetzen Sie einmal in Äußerungen von Seehofer oder Markus Söder das Wort "Sicherheit" jeweils durch das Wort "Ressentiments" - das funktioniert erstaunlich gut.

Anderswo werden alte fixe Ideen konservativer "Sicherheits"-Politik wiederbelebt, Stichwort Einsatz der Bundeswehr im Inneren. So mancher in der Union wünscht sich eben bis heute einen so richtig schön starken Staat, einen, der so stark ist, dass er dem eigenen Bürger zur Not auch mal in Gestalt eines "Leopard-2"-Panzers entgegentreten kann. Eine Maßnahme übrigens, die das wohlig gruselige Unsicherheitsgefühl, das Seehofer und Co. ständig beschwören, zweifellos aufs Effizienteste verstärken würde.

Die deutsche Politik verhält sich wie ein Raucher mit Flugangst: Sehr besorgt, was kaum veränderliche, aber vernachlässigbare Risiken angeht, aber reale, durchaus kontrollierbare Risiken aktiv ignorierend.

Es wird Zeit, die Zigarette wegzulegen und sich zu überlegen, wohin die Reise eigentlich gehen soll.

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insgesamt 270 Beiträge
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Seite 1
Pfaffenwinkel 18.09.2016
1. Natürlich ist die Terror-Angst nicht real
Sie wird vielmehr von den Politikern und - Sorry - auch von den Medien geschürt.
thomas.meyer 18.09.2016
2. Eindimensionaler Kommentar
Den Kommetar kann man eignetlich nciht erst nehmen. Genausogut könnte man die Behauptung aufstellen, daß Angst vor Atomkraft Unsinn ist. Die Wahrscheinlichkeit, in D von einem Atomkraftwerk getötet zu werden ist noch geringer als alle anderen angefügten Todesarten. Merkwürdigeweise werden Ängste vor Atomkraft als vernünftig eingestuft, Ängste vor Terror aber als Ausfluss psychisch labiler Menschen dargestellt. Je nachdem, wer die Ängste schürt. Dem Kommentar fehlt jede Sustanz
rolli 18.09.2016
3.
Der Staat zeigt sich weitgehend handlungsunfähig oder handlungsunwillig. Die Menschen stellen sich die Frage, wie bin ich eigentlich geschützt und da kommt denn das Potemkin'sche Dorf Bundesrepublik exakt zum Vorschein. Nichts und niemand schützt mich und auch gegen keine Bedrohung. Sei es gegen betrügerische Wirtschaft oder Terroristen oder allgemeine Lebensbelange. Ja, und das macht Angst. Unsinnige Angst dazu zu sagen ist sehr unsinnig, denn wenn die Bürger sehen, wie der Staat versagt, dann muss man das Versagen nicht auch noch sinnig bezeichnen. rolli
pansatyr 18.09.2016
4. ja aber
dann gäbe es ja gar keinen Grund, die AfD zu wählen.
polarity 18.09.2016
5. Einverstanden
Die Angst vor Terroristen ist hysterisch. Wie überhaupt die allermeisten Aengste vor irgendwelchen Gefahren. Interessanterweise haben die meisten Menschen keine Angst vor ihrem Lebensstil (Stress und Angst, Essverhalten, wenig Bewegung, Alkoholmissbrauch, Rauchen) - dabei ist dies das grösste Risiko, sollte man ein möglichst langes Leben anstreben. Viele Menschen lieben insgeheim die Gefahren, die sie nicht beeinflussen können - sie projizieren ihre Lebensängste darauf. Selbst sind sie dann aus dem Schneider, da es sich bei diesen Gefahren um höhere Mächte handelt.
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