Nachhaltigkeit Was wurde aus dem Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung?

Mehr als 80 Kilogramm Lebensmittel wirft jeder Deutsche pro Jahr weg. Das Problembewusstsein wächst, die Bundesregierung hat eine App gestartet. Initiativen geht das nicht weit genug: Ein Gesetz soll her.

Lebensmittel im Müll
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Lebensmittel im Müll

Von Nicola Korte


Es tut sich etwas im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung: Supermärkte werben mit "Krummen Dingern" und nehmen Obst und Gemüse mit Macken in ihr Sortiment auf. Tafeln in Deutschland, die überschüssige Lebensmittel an bedürftige Menschen verteilen, sind zu einer festen Institution geworden und verzeichnen seit zehn Jahren einen stetigen Zuwachs an Kooperationspartnern.

Und auch das Internet hat die Bewegung bereits erreicht: Start-ups wie "Too good to go", die gastronomische Betriebe mit Hilfe einer App mit Kunden vernetzen, um übrig gebliebene Gerichte zu Sonderpreisen zu verkaufen, entwickeln aus dem Kampf gegen die Verschwendung eigene Geschäftsmodelle.

"Ja, das Bewusstsein hat sich deutlich verbessert", bestätigt auch Jochen Brühl, Vorsitzender von Tafel Deutschland. "Die Tafeln setzen sich bereits seit rund 25 Jahren dafür ein, genießbare Lebensmittel zu retten. Aber selbst wenn jetzt ein Trend hin zu mehr Aufmerksamkeit im Umgang mit Lebensmitteln zu beobachten ist, unter dem Strich wird trotzdem immer noch viel zu viel weggeworfen."

Ein Drittel aller Lebensmittel landet im Müll

Die Zahlen hierzu sind erschreckend: Zwischen elf und 18 Millionen Tonnen Nahrungsmittel landen in Deutschland jedes Jahr im Müll. Allein die Privathaushalte kommen auf sechs bis sieben Millionen Tonnen, wie eine Studie der Uni Stuttgart ergab. Das sind pro Kopf etwa 85 Kilogramm.

Weltweit betrachtet geht es um unfassbare 1,3 Milliarden Tonnen essbarer Lebensmittel. Die Uno möchte diese Zahl bis zum Jahr 2030 zumindest halbieren.

"Ein Drittel der weltweit produzierten Lebensmittel geht verloren", sagt Anne-Catrin Hummel von der Deutschen Welthungerhilfe. Grund seien Schäden bei Herstellung oder Transport. Oder aber die Lebensmittel würden in Lagern, Läden und Haushalten verderben.

Hinzu kommen laut Hummel Tausende Tonnen, die in keine Statistik einflössen, weil sie ungenutzt auf den Äckern liegen blieben oder die sogenannten kosmetischen Standards der Supermärkte nicht erfüllten.

In den Entwicklungsländern bestünden die Probleme insoweit insbesondere in mangelhafter Lagerung oder Trocknung nach der Ernte. Klassische Lebensmittelverschwendung findet laut Hummel hingegen primär in den industrialisierten Ländern statt.

"Dass wir in den Industrie- und Schwellenländern billige Nahrungsmittel in großem Stil konsumieren und dazu auf Ressourcen aus armen Ländern zurückgreifen, in denen Menschen in Armut und Hunger leben, ist aus moralischer Sicht bereits fragwürdig", sagt Hummel. Palmöl beispielsweise stecke in Schokolade oder Margarine und stamme aus Indonesien, Malaysia oder Sierra Leone. "Wenn wir Lebensmittel dann aber auch noch in großen Mengen verschwenden, ist das ein Skandal."

Visual Story zu den Folgen des Palmölanbaus

Der Deutschen Welthungerhilfe geht es daher um eine Bewusstseinsänderung im Umgang mit Lebensmitteln. "Wenn ich in einen Apfel beiße und ihn dann wegschmeiße, dann ist es nicht nur der eine Apfel, der verschwendet wird", sagt Hummel. Dahinter stehe ein Prozess von der Ernte über den Transport bis hin zum Verkauf - samt aller kostbaren Ressourcen wie Energie, Wasser und andere Rohstoffe, die dabei verbraucht würden.

Wie Sie weniger Lebensmittel verschwenden

Die Welthungerhilfe gibt daher Tipps gegen Lebensmittelverschwendung im Alltag: Dazu gehört zunächst der Rat, bewusster einkaufen zu gehen, zum Beispiel mit einer Einkaufliste, oder, wenn das Gekaufte sowieso für den gleichen oder kommenden Tag gedacht ist, ruhig mal gezielt zu den Produkten mit kurzem Mindesthaltbarkeitsdatum zu greifen.

Weitere Tipps sind, Restepartys zu veranstalten oder auch, "besser zu schnippeln": "Der Stiel des Brokkoli zum Beispiel schmeckt genauso lecker wie die Röschen". Und schließlich natürlich der Tipp, bei Initiativen wie "Foodsharing" und "Essensretter" mitzumachen.

Tafel-Chef Brühl fordert in diesem Zusammenhang dazu auf, Mindesthaltbarkeitsdaten auf Lebensmittelverpackungen nicht fälschlich als Verfallsdaten zu interpretieren, sondern sich stattdessen wieder mehr auf die eigenen Sinne zu verlassen: "Man sollte einfach mal wieder riechen und schmecken, bevor man einfach etwas wegschmeißt."

Im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung zeigt auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) zunehmend Engagement. So hat es vor fünf Jahren die Initiative "Zu gut für die Tonne" ins Leben gerufen. Unter zugutfuerdietonne.de finden sich auch hier Tipps zu Lebensmittellagerung und -haltbarkeit, Fakten zur Lebensmittelverschwendung sowie Rezepte für "beste Reste".

Eine von der Initiative entwickelte sogenannte Beste-Reste-App gehört mit über 800.000 Downloads zu den erfolgreichsten der Bundesregierung. Sie enthält mittlerweile 340 Rezepte von Sterneköchen und prominenten Kochpaten wie Sarah Wiener, Johann Lafer, Daniel Brühl und vielen Hobbyköchen. "Und mehr als 200 Gastronomen nutzen darüber hinaus unsere Best-Reste-Boxen zum Mitnehmen von Essensresten, die von unserer Kampagne und Greentable entwickelt wurden", teilt ein Sprecher mit.

Initiativen fordern Gesetz gegen Lebensmittelmüll

Vielen Hilfsorganisationen und Initiativen gegen Lebensmittelverschwendung geht dieses Engagement allerdings nicht weit genug. Die Organisation Foodwatch kritisiert, dass die Bundesregierung im Zusammenhang mit dem Thema Lebensmittelverschwendung und auch mit der Initiative "Zu gut für die Tonne" fast ausschließlich die Verbraucher im Fokus habe. Lebensmittelabfälle entstünden aber überall: in der Landwirtschaft, in der Lebensmittelindustrie, in Restaurants, Bäckereien und Kantinen, im Handel.

"Damit das Problem gelöst wird, müssen auch neue Regeln für Handel und Industrie geschaffen werden", sagt Dario Sarmadi, Pressesprecher bei Foodwatch. Nötig sei ein Gesetz zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen in der Lebensmittelwirtschaft.

Auch die Deutsche Welthungerhilfe fordert die Bundesregierung auf, einen verbindlichen Maßnahmen- und Aktionsplan zur Halbierung des Lebensmittelmülls bis 2030 zu verabschieden, und nicht nur den Verbraucher in die Verantwortung zu nehmen.

Alle Lebensmittelbranchen auf EU-Ebene müssten verpflichtet werden, ihre Abfallmenge zu dokumentieren, fordert Hummel. "Denn wie will die Bundesregierung am Ende sonst messen, ob sie das Ziel der Vereinten Nationen, die Halbierung des Lebensmittelmülls bis zum Jahr 2030, überhaupt erreicht hat?"

insgesamt 52 Beiträge
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Nordstadtbewohner 02.02.2018
1. Überhebliches "wir"
""Dass wir in den Industrie- und Schwellenländern billige Nahrungsmittel in großem Stil konsumieren und dazu auf Ressourcen aus armen Ländern zurückgreifen, in denen Menschen in Armut und Hunger leben, ist aus moralischer Sicht bereits fragwürdig", sagt Hummel." Ich denke, Herr Hummel lehnt sich sehr weit aus dem Fenster, wenn er meint, er dürfe für Menschen in Deutschland, in Industrieländern und Schwellen sprechen. Dieses "wir" ist diesbezüglich einfach nur deplatziert und übel. Er suggeriert damit, dass alle Menschen in dieser Form leben, die er so kritisiert und als "moralisch fragwürdig" bezeichnet. Ich werfe definitiv keine 85 kg jährlich an Lebensmitteln weg, gleiches gilt auch für meine Familie. Hummel und seine Initiativen eint vor allem eines: Anderen Menschen vorschreiben zu wollen, wie sie zu leben haben. Das wird nicht funktionieren.
grommeck 02.02.2018
2. Falsch! Nicht jeder Deutsche!
Ich schmeiße keine 2kg im Jahr weg. Diese 80kg werden größtenteils von Unternehmen entsorgt.
dragondeal 02.02.2018
3. Genau,
Ein Gesetz muss her. Besser zwei oder drei. Und eine Behörde, die die Daten auswertet. Die von staatlichen geprüften Lebensmittelverschwendungsprüfern gesammelt werden. Am besten muss sowieso jeder ab 18 einen Lebensmittelführerschein machen. Wer zuviel werwirft, bekommt Punkte und wer zuviele hat, muss zuerst eine Nachschulung machen. Bei wiederholten Verstößen wird kalorienmäßig sanktioniert.
larsmach 02.02.2018
4. Was ist mit Möbeln, Reifen, Treibstoffen usw. usw. usw.!??
Wir stehen nicht mehr Schlange, und in den Regalen ist die Auswahl an Joghurtsorten gewaltig. Möbel werden im Schnellverfahren herstellt - meist nicht aus massivem Holz, sondern aus Spanplatten... Wenn wir Reifen kaufen, nehmen wir monatelange Wartezeiten ("Produktion nach Bestellung") nicht in Kauf: Wir wollen selbst exotische Modelle sofort. Und (Spoiler-Alarm!!!) ein Teil dieser Produktion wird nicht abverkauft und landet bestenfalls auf der Resterampe, wo das Zeug beim "Schnäppchenjäger" meist eher auf "wilder Halde" steht statt echten Bedarf zu decken. Das ist wie mit Parkbänken aus Mischkunststoff-Abfall, den man in Wahrheit nicht wieder(!)verwendet, sondern eine dislozierte "Müllhalde" über etliche Parks verstreut geschaffen hat. Wir fahren aus Spaß mit Autos, Zügen oder Bussen von der Stadt, in der wir wohnen, in eine andere Stadt... ...und nur bei Nahrungsmitteln machen wir ein großes Geschrei, wenn überproduziert wird! Das ist der alte Reflex: "Ich muss mich beim Duschen schlecht fühlen, weil es anderswo Probleme mit der Wasserversorgung gibt." Tipp: Dort, wo heute gehungert wird, muss nicht gehungert werden - und unsere Produktionsmengen und die Vielfalt bei Joghurt-Sorten haben herzlich wenig Einfluss darauf! Natürlich kann man auf die Idee kommen, Teile von Völkern mit unseren Lebensmitteln mitzuernähren - ganz so wie unmündige Kinder, die sie wohl letztendlich bleiben werden, wenn man sich auf dieses Konzept (das auch bei Kleidung, alte Kühlschränke usw. miteinbezieht) versteift hat. Ich rate daher, Enthusiasmus und Energie auf den Anbau von Lebensmitteln zu konzentrieren, wo aberwitzige Flächen aus manigfaltigen (meist politischen) Gründen brach liegen und wo ständig lehrmeisterhaft von "Überbevölkerung" geschwätzt wird, nur weil dort die Geburtenraten so hoch sind wie sie vor 150 Jahren noch bei uns in vielen Provinzen waren - bevor dort das Wohlstandsniveau anstieg ...und schließlich zahlreiche Joghurtsorten den Frühstückstisch erobert haben.
unzensierbar 02.02.2018
5. Verschwendung
Wo hier angesetzt werden müsste ist bei den Herstellen, nicht den Verbrauchern. Will ich mir was kaufen, dass ich zu essen machen kann, gibt's das meist nur im Übermaß. Beispielsweise 400g Spaghetti, obwohl ich selbst nie so viel auf einmal essen würden (gut in diesem Fall kann man die angerissenen Spaghetti auch noch aufheben). Oder beispielsweise ein Steak. Da fangen die abgepackten aus dem Supermarkt ohne Metzger erst bei 3-4 pro Packung an.
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