Fotos aus Forscherlabors "Keine Ahnung, was die da machen"

Für seine Bilderserie "Ways of knowing" hat der Fotograf Daniel Stier Forscher in ihren Labors besucht. Die Aufnahmen zeigen Experimente mit der Ästhetik selbst gebauter Foltermaschinen.

Daniel Stier

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Zur Person
  • Der Fotograf Daniel Stier (49) wurde in Darmstadt geboren und lebt seit knapp 20 Jahren in London. Nach dem Studium der Fotografie in Dortmund hat er für zahlreiche Zeitungen und Magazine gearbeitet, darunter "Wallpaper", "The New York Times Magazine" oder "The Guardian". In seinem neuen Bildband "Ways of knowing" zeigt er Versuchsanordnungen aus wissenschaftlichen Labors und Forschungsstätten.
SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Forschungseinrichtungen zu fotografieren?

Stier: Durch meine Arbeit komme ich immer wieder an ungewöhnliche Orte, zu denen wenige Menschen Zugang haben. Fabriken mit Fließbändern, Baustellen oder das russische Kosmonautenausbildungszentrum nahe Moskau. Irgendwann habe ich auch mal Porträts von Wissenschaftlern gemacht. Da lag der Schritt nahe, die Forscher in ihren Labors zu besuchen.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Sie denn gerne hereingelassen?

Stier: Nein. Ich habe bei einigen Labors angefragt, die auch für das britische Verteidigungsministerium forschen und sehr viel Geld zur Verfügung haben. Keine Chance, da reinzukommen. An den Universitäten war es einfacher. Aber mich haben auch nicht alle Labors interessiert, die mir für meine Fotos angeboten wurden.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Stier: Weil dort die Menschen gefehlt haben - da wurde etwa an neuer Technik geforscht. Aber für meine Serie sollte der Mensch im Mittelpunkt der Versuchsapparaturen stehen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist so spannend daran?

Stier: Auf den Bildern wirkt der menschliche Körper oft sehr zerbrechlich. Ich fand es spannend zu zeigen, dass Forschung auch Entbehrung bedeutet. Viele Betrachter haben mir gesagt: In den Labors sieht es aus wie in einer Folterkammer. Die Versuchsaufbauten haben zudem manchmal etwas Skulpturales - fast wie in der Kunst.

SPIEGEL ONLINE: Wer sind denn die Menschen auf Ihren Bildern?

Stier: Das sind meist die Wissenschaftler selbst. Manchmal war denen richtig anzusehen, wie stolz sie auf ihre Versuchsapparaturen waren. Aber vielen waren ihre Labors eher peinlich.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Stier: Vielen Universitäten und Instituten fehlt das Geld, die Wissenschaftler forschen irgendwo im Keller. In den Labors wird gebastelt und improvisiert. Es ist nicht so clean, wie man vielleicht erwartet. Mit Hightech hat das nichts zu tun. Da produziert der Wissenschaftsjournalismus oft ein falsches Bild.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie denn darauf?

Stier: Ich glaube, das Interesse an Forschung ist gewachsen. Und damit auch der Wettbewerb unter Forschern um Aufmerksamkeit und Fördergelder. Wissenschaftsjournalismus produziert aber oft Bilder einer glatten Oberfläche. Das entspricht häufig nicht der Wirklichkeit. Ich wurde mehrfach gefragt, warum meine Bilder so einen Retrolook haben. Aber so sehen die Labors eben aus. Da ist nichts nachbearbeitet.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch ziehen Sie Parallelen zwischen Künstlern und Wissenschaftlern. Dieser Vergleich leuchtet nicht unbedingt ein.

Stier: Doch. Manchmal habe ich gedacht, dass ich ein Künstleratelier betrete - dasselbe Chaos. Und im Gespräch mit den Forschern stellte sich heraus: Auch die Arbeitsweise ist manchmal ähnlich. Künstler experimentieren ständig - man weiß nie, was später dabei herauskommt. Manchmal scheitert man auch. Das tun auch Forscher. Bei den Versuchen ist auch ganz simple handwerkliche Arbeit gefragt - selbst wenn komplizierte Theorien dahinterstecken. Und sowohl Künstler als auch Forscher streben nach Schönheit.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nicht besonders naheliegend.

Stier: Vielleicht nicht auf den ersten Blick. Aber der Astrophysiker und Oxford-Professor Pedro Ferreira machte mich auf diesen Aspekt aufmerksam. Er verstehe sich als jemand, der nach Schönheit in den Gesetzen der Natur sucht. Für ihn können Gleichungen und Formeln Eleganz ausstrahlen. So gehe es vielen Forschern, sagte er mir.

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie die Begeisterung der Forscher für ihre Forschungsobjekte nachvollziehen?

Stier: Ich fand die Einblicke immer sehr interessant. Und die Professoren und Doktoren waren sehr gut darin, mir anschaulich zu erklären, was sie da tun. Zumindest bis zu einem bestimmten Punkt. Irgendwann wurde es aber schwer für mich, die Begeisterung zu teilen.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit dem Klischee vom Wissenschaftler als verschrobenem Nerd? Hat sich das bestätigt?

Stier: In den Labors stehen schon spezielle Typen. Diese hohe Spezialisierung und die Obsession - das merkt man den Leuten an. Es entsteht eine gewisse Weltfremdheit. Außer den Forschern selbst versteht ja auch kaum einer, was sie tun. Aber das ist in der modernen Kunst genauso. Das Bild vom verrückten Professor habe ich jedenfalls nicht gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie immer verstanden, was Sie da fotografiert haben?

Stier: Natürlich nicht - keine Ahnung, was die da machen. Deshalb könnte ich gar nicht sagen, was diese Bilder zeigen. Und es ist gut so, dass es nicht eindeutig ist. Heute will ja alles erklärt werden. Egal ob Wissenschaft oder Kunst.



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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Bueckstueck 25.12.2015
1. Fünf Fotos aus deutschen Denkschulen
Und auf dreien davon geht es um Auto, Sport und Arbeit. Wer hätte das gedacht? :P
Zitrone! 25.12.2015
2.
Die Haltung des Fotografen ist mir sympathisch. Er muss ja gar nicht alles verstehen, was da erforscht wird. Aber netterweise widerspricht er dem Bild vom Wissenschaftler als menschenfeindlichem Spinner, das sich gerade in den letzten Jahren wie eine Epidemie verbreitet hat.
Pipa Po 25.12.2015
3. Johns Hopkins
University ist in Baltimore, nicht in Philadelphia.
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