Wechseljahrbeschwerden Neuer Anlauf für umstrittene Hormon-Ersatztherapie

Es ist ein Milliardenmarkt: Millionen Frauen haben in den Wechseljahren Hormone geschluckt, bis die Behandlung 2002 wegen erhöhter Gesundheitsrisiken in Verruf geriet. Jetzt fordern Mediziner einen Neuanfang: Für gesunde Frauen unter 60 sei die Hormongabe durchaus zu empfehlen.

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Der Einbruch war geradezu desaströs: Im Jahr 1999 wurden in Deutschland noch 1,1 Milliarden Östrogen-Tagesdosen an gesetzlich versicherte Patientinnen verschrieben. Sieben Jahre später, 2006, waren es 61 Prozent weniger, nämlich nur noch 448 Millionen, was einer täglichen Behandlung von 1,2 Millionen Frauen entspricht.

Mammographie-Screening (Archivbild): Neue Diskussion um Nutzen und Risiken der Hormontherapie
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Mammographie-Screening (Archivbild): Neue Diskussion um Nutzen und Risiken der Hormontherapie

Auslöser des Einbruchs war die amerikanische Langzeitstudie "Women’s Health Initiative" (WHI). Die Untersuchung mit 17.000 Teilnehmerinnen musste im Jahr 2002 abgebrochen werden, weil sich die Risiken der Hormongabe an gesunden Frauen in der Menopause als höher herausstellten als der medizinische Nutzen. Die untersuchten Hormonpräparate erhöhten das Risiko für Brustkrebs, Herzinfarkt und Schlaganfall deutlich. Behörden für Arzneimittelsicherheit weltweit empfehlen die Therapie seitdem nur noch bei schweren Wechseljahrsbeschwerden und in Ausnahmefällen, etwa bei Osteoporose.

Mancher Frauenarzt fühlte sich nach der WHI-Studie eines wichtigen Medikaments beraubt. Als Jungbrunnen in Pillenform wurde die Hormontherapie für die Wechseljahre einst gefeiert. Die positive Wirkung gegen typische Wechseljahrsbeschwerden ist unbestritten. Doch immer weniger Frauen wollten zu den Hormonen greifen - aus Angst vor Tumoren oder Herzkrankheiten.

Jetzt hat die International Menopause Society ein neues Thesenpapier zu Hormontherapien veröffentlicht - und behauptet darin, dass die Behandlung sicher sei, solange die Frauen gesund und jünger als 60 Jahre sind. Bei der WHI-Studie seien Teilnehmerinnen im Durchschnitt 63 Jahre alt gewesen, was zehn Jahre oberhalb des Alters liege, in dem Frauen mit der Behandlung begännen, heißt es.

Zudem hätten überdurchschnittlich viele der untersuchten Frauen Risikogruppen angehört. Sie hatten Bluthochdruck (36 Prozent), waren aktive oder ehemalige Raucherinnen (49 Prozent) oder galten als fettsüchtig (34 Prozent). Diese Faktoren hätten die Risiken erhöht. Wer in den ersten Jahren der Wechseljahre Hormone nehme, um die typischen Beschwerden wie Hitzewallungen, Schlafstörungen und Gelenkschmerzen zu lindern, müsse sich keine Sorgen machen, sagte Roger Lobo von der Columbia University in New York.

"Eine gute und sichere Option"

Das Papier der International Menopause Society, die derzeit in Madrid tagt, ist eine Art Argumentationshilfe für die Hormonersatztherapie. Sie bleibe die beste und effektivste Behandlung der Menopause-Symptome, heißt es in dem zwölfseitigen Dokument. Es gebe viele Missverständnisse, und dabei spielten auch Medien und das Internet eine Rolle. "Aktuelle wissenschaftliche Fakten und Daten werden von den Massenmedien vereinfacht", beklagen die Autoren, zu denen auch Amos Pines vom Ichilov Medical Center Tel Aviv gehört, zugleich Präsident der International Menopause Society. Berichte zum Thema seien mit weniger journalistischer Sorgfalt verfasst worden als sonst üblich.

Was dann folgt, ist eine Auflistung von Studien, die belegen sollen, dass die Hormonersatztherapie ganz anders wirkt als in den Medien dargestellt: Das Risiko für koronare Herzkrankheiten sinke (für Frauen unter 60), das Brustkrebsrisiko könne bei einigen Behandlungsarten zwar geringfügig steigen, dieser Anstieg sei im Vergleich zu sonstigen Risikofaktoren jedoch minimal. "Für die meisten Frauen, die in die Wechseljahre kommen, ist die Hormonersatztherapie eine gute und sichere Option", sagte Pines.

Die Argumente der Mediziner sind freilich nicht neu - und werden von anderen Wissenschaftlern immer wieder in Frage gestellt. Die Hormonersatztherapie sei präventiv zur Vermeidung von Herzinfarkten, Schlaganfällen, Demenz und Alterung generell empfohlen worden, sagte Norbert Schmacke im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Für die behaupteten positiven Effekte der Hormonbehandlung "gibt es bis heute keine angemessenen Belege, wohl aber die bekannte ungünstige Nutzen-Schaden-Bilanz", sagte der Leiter der Arbeits- und Koordinierungsstelle Gesundheitsversorgungsforschung in Bremen.

1000 zusätzliche Todesfälle

Bernd Hinney von der Universität Göttingen schätzt die Lage ganz ähnlich ein. Es sei eindeutig dokumentiert, dass Östrogene des Brustkrebsrisiko erhöhten, schreibt er in einem Kommentar für das "Deutsche Ärzteblatt". Zudem steigere die Behandlung das Risiko für Schlaganfall und Herzkrankheiten in höherem Alter nachweislich. Hinney verweist zudem auf eine Analyse der britischen sogenannten "Million Women Study". Seit 1991 hätte die Hormontherapie in Großbritannien zu 1300 zusätzlichen Eierstockkrebs-Fällen geführt - und zu 1000 zusätzlichen Todesfällen. Das Fazit des Göttinger Gynäkologie-Professors: Es gebe keinen Grund, von den derzeitigen Empfehlungen abzuweichen, die Hormontherapie nur zur Linderung ausgeprägter Wechseljahresbeschwerden zu verordnen.

Bei der Debatte über Nutzen und Risiko der Hormonbehandlung geht es auch um eine Menge Geld - für die Hersteller der Medikamente. Pro Jahr und behandelte Frau gaben die gesetzlichen Kassen 2006 in Deutschland je nach Präparat zwischen 120 und 150 Euro aus. Umgerechnet auf 1,2 Millionen Frauen, welche die Therapie 2006 erhielten, entspricht das Summen von 144 bis 180 Millionen Euro. Hinzu kommen die ärztlichen Behandlungskosten.

Ein Teil der Milliarden, die Pharmakonzerne weltweit verdienen, kommt auch der International Menopause Society zugute, die jetzt so massiv für den Hormoneinsatz trommelt. Zu den Sponsoren des Verbandskongresses in Madrid gehören Bayer Schering, der US-Pharmakonzern Wyeth sowie Procter & Gamble Pharmaceuticals. Für fragwürdig halten das die Gynäkologen nicht: Der Verhaltenskodex der Menopause Society erlaubt ausdrücklich ein solches Sponsoring, solange es transparent erfolgt. Und so diskutierten die Mediziner am heutigen Dienstag in Madrid über die Prävention von Herzerkrankungen durch den Gynäkologen - mit freundlicher Unterstützung von Bayer Schering.



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