Weibliche Übergriffe Die verdrängte Gewalt

Ist der Amoklauf von Sabine R. ein Ausnahmefall? Forscher und Polizei verzeichnen einen Anstieg der Zahl weiblicher Übergriffe - auch auf den eigenen Partner. Doch in der Öffentlichkeit gilt Frauengewalt als Tabuthema.

Von Alexandra Trudslev und Cinthia Briseño


Wieder einmal hatte es Ärger gegeben, und wieder einmal war sie handgreiflich geworden. Sie stand im Türrahmen - mit einem Messer in der Hand. Dann schrie sie ihn an: "Willst du mich loswerden oder soll ich mich umbringen?" Michael* berichtet von seiner letzten Beziehung. Regelmäßig habe ihn seine Freundin geschlagen, angegriffen, mit Gegenständen beworfen oder in den Arm gebissen.

Michael ist kein Einzelfall. Soziologischen Studien zufolge geht von Frauen mehr Gewalt aus, als gemeinhin angenommen wird. Zwar ist das Ausmaß der Tragödie in Lörrach, bei der es sich nach bisherigen Erkenntnissen vermutlich um eine Beziehungstat handelt, eine Ausnahme. In den seltensten Fällen gehen Frauen so weit wie Sabine R., die erst ihren Mann und ihren fünfjährigen Sohn tötete und anschließend Amok lief. Doch die Tat der 41-jährigen Rechtsanwältin ist Zündstoff für eine in den Hintergrund gerückte Debatte: Ist Gewalt in der Partnerschaft wirklich reine Männerdomäne?

Einige Statistiken sprechen dafür: In Berlin beispielsweise wurden 2009 insgesamt 16.285 Fälle häuslicher Gewalt registriert, 76 Prozent der Tatverdächtigen waren männlich. Eine aktuelle Erhebung des baden-württembergischen Innenministeriums hat aber auch ergeben, dass immer mehr Frauen gegen ihre Partner handgreiflich werden. Gab es 2005 noch 336 weibliche Tatverdächtige, stieg ihre Zahl 2009 auf 1038.

Zuvor verzeichnete auch das Bundeskriminalamt eine steigende Tendenz von Fällen, in denen Frauen vorsätzliche leichte Körperverletzungen verübt hatten - also zum Beispiel mit einem Gegenstand nach jemandem geworfen oder Tritte verteilt hatten. 1993 waren demnach 70 von 100.000 deutschen Frauen zwischen 21 und 23 Jahren wegen leichter Körperverletzung tatverdächtig. Im Jahr 2006 hatte sich die Quote mehr als verdreifacht.

Sind Frauen wirklich friedfertiger?

Fallzahlen aus den USA zeichnen ein ganz ähnliches Bild: Der Soziologe Murray Straus vom Family Research Laboratory an der University of New Hampshire etwa untersucht seit vielen Jahren innerpartnerschaftliche Gewalt und die geschlechterspezifische Neigung zu Aggression. 2006 präsentierte Straus die Daten einer großangelegten Beziehungsgewalt-Studie. Die Befragung von 13.601 Studenten aus 32 Nationen erbrachte ein selbst für die Wissenschaftler überraschendes Ergebnis: Fast ein Drittel der Frauen und Männer hatten ihre Partner innerhalb eines Jahres tätlich angegriffen. In den häufigsten Fällen ging die Gewalt von beiden gleichermaßen aus. Auf Platz zwei folgten jedoch Attacken, die nur von Frauen ausgingen.

"Es gibt immer mehr Belege dafür, dass Frauen genauso oft ihren Partner angreifen wie Männer", bilanzierte Straus seinerzeit auch mit Blick auf vorhergehende Untersuchungen.

Trotz solcher Erkenntnisse wird das Thema Frauengewalt häufig tabuisiert. Bastian Schwithal, Berliner Forscher in der Partnerschaftssoziologie, schildert in seinem 2005 erschienenen Buch "Weibliche Gewalt in Partnerschaften - Eine synontologische Untersuchung", dass es in Partnerschaften von beiden Seiten in gleichem Maße zu Gewalttätigkeiten kommt. Frauen würden häufiger mit Gegenständen werfen - genauso viele treten und schlagen. Insgesamt würden Frauen etwas häufiger verletzt als Männer.

"Das Thema ist nach wie vor ein No go", sagt Schwithal im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. In Kürze will er ein weiteres Buch über häusliche Gewalt veröffentlichen. "Von der Politik und von den staatlichen Institutionen wurde und wird das Thema häufig einseitig dargestellt", sagt der Soziologe. Dass die Fallzahlen häuslicher Gewalt durch Frauen erschreckend hoch sind, sei eine nicht populäre Erkenntnis. "Eine auf sachlichen Fakten basierende Diskussion ist mit vielen nicht möglich", sagt Schwithal.

Eine "Riesenproblematik"

Es gehe nicht darum, die beiden Themen gegeneinander auszuspielen. Die Existenz weiblicher Gewalt anzuerkennen, heiße keineswegs, die Bedeutung männlicher Gewalt zu verharmlosen. "Aber nur durch einen ehrlichen Vergleich können Strategien entwickelt werden, die angesichts der Riesenproblematik längst fällig wären", sagt Schwithal.

"Auf dem Gebiet bestand ein regelrechtes Forschungsverbot", behauptete auch der Geschlechterforscher Gerhard Amendt, der in seiner 2003 als Buch erschienenen Studie über Scheidungsväter ebenfalls auf massive weibliche Gewaltformen hinwies - und eine Kontroverse auslöste. Darin nimmt der Wissenschaftler kein Blatt vor den Mund, wenn es um 30 Jahre Geschlechterforschung in Deutschland geht. Es habe zwar Analysen über weibliche Gewalt gegeben, aber die Veröffentlichungen der Daten sei häufig unterdrückt worden.

Wohl aber sind in den vergangenen Jahren immer wieder Bücher und Abhandlungen dazu erschienen, mit Titeln wie "Gewalt hat kein Geschlecht: Männer als Gewaltbetroffene im Kontext von häuslicher Gewalt", "Frauen als Täterinnen" oder "Der geschlagene Mann, ein Tabu, weil sozial undenkbar". Demnach kann sich weibliche Gewalt gegen Kind, Mann oder auch Frau richten. Sie kann körperlich, aber auch psychisch sein. Einfach ist eine objektive Überprüfung der vorhandenen Daten nicht, denn weibliche Gewalt ist oft weniger offensichtlich.

Außerdem ist die Gewaltforschung ein komplexes Gebilde aus Statistikanalysen, soziologischen Befragungen, Auswertungen von Krankenhausakten und Selbstaussagen von Betroffenen. Kriminologen bewerten Gewalt zudem anders als Soziologen. In der Kategorie Gewaltkriminalität erfasst die Polizei zum Beispiel keine "leichten vorsätzlichen Körperverletzungen". Die fliegende Kaffeetasse, das Schubsen oder die Ohrfeige sind jedoch genau das, was die Soziologen als Gewalt einstufen und für ihre Thesen heranziehen.

Hinzu kommt die Tatsache, dass ein Mann aus Scham kaum seine Partnerin anzeigen würde, wenn er von ihr ein blaues Auge bekommen hat. Laut einer Pilotstudie des Bundesministeriums für Familie aus dem Jahr 2004 hat kein einziger Mann, der von seiner Partnerin geschlagen wurde, in Erwägung gezogen, zur Polizei zu gehen - auch wenn er der Meinung gewesen sei, die Partnerin hätte eine Anzeige verdient. Auch darin sehen Forscher einen Grund, warum Frauen als Gewalttäterinnen seltener in offiziellen Statistiken auftauchen.

Soziologen und Kriminologen beobachten zudem, dass sich nicht nur die Realität der Gewalt im häuslichen Rahmen anders darstellt als oft angenommen. Insbesondere bei jüngeren Frauen gebe es Tendenzen zu Gewalt im öffentlichen Raum. Nach Erkenntnissen von Forschern des Berliner Instituts für Gewaltprävention und angewandte Kriminologie hat die Gewalt von Mädchen zuletzt doppelt so stark zugenommen wie die von Jungen. Ein Grund dafür, so lautet die gängige Meinung vieler Psychologen: Die Rollenbilder von Jungs und Mädchen, Männern und Frauen gleichen sich zunehmend an - und mit ihnen die Gewaltbereitschaft.

*Name von der Redaktion geändert



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 425 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tetaro 22.09.2010
1. ..
Zitat von sysopIst der Amoklauf von Sabine R. ein Ausnahmefall? Forscher und Polizei verzeichnen einen Anstieg der Zahl weiblicher Übergriffe - auch auf den eigenen Partner. Doch in der Öffentlichkeit gilt Frauengewalt als Tabuthema. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,718585,00.html
In der Regel finden Frauen irgendwelche Kerle für die Drecksarbeit. Das wird dann oft liebevoll als "Gangsterbraut" oder romantische Abhängigkeit verklärt. Mental sind Fauen keinen Deut besser, außer dass sie mangels Testeron nicht so zu spontaner Gewalt neigen. Vor Gricht kommt ihnen sicherlich auch der Tränenfaktor zugute. Dass sie von einer Minute auf die andere ihren mentalen Zustand verändern können, wird dann im Allgemeinen als Reue fehlinterpretiert (was es für einige Minuten auch sein kann).
Heinzrüdiger, 22.09.2010
2. Und wehe ...
... der Mann setzt sich gegen Tritte und Schläge zur Wehr - auch durch bloßes Festhalten kann es leicht zu blauen Flecken bei der Frau kommen und schon kann sie einen wegen Männergewalt anzeigen, das passt dann wieder ins Raster
baudrillard 22.09.2010
3. Der Schlusssatz ist symptomatisch...
"Die Rollenbilder von Jungs und Mädchen, Männern und Frauen gleichen sich zunehmend an - und mit ihnen die Gewaltbereitschaft." Ein guter Artikel, mit einem schwachen Schlusssatz, der zu den Erkenntnissen des vorher geschriebenen nicht passt. Es ist nicht die Gewaltbereitschaft die sich angleicht, sondern die Formen des Ausdrucks männlicher und weiblicher Gewalt und insbesondere das Öffentliche an ihm. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich nur berichten, dass die Gewaltausbrüche einseitig, von meiner Freundin kamen. Es war nicht viel, 3-4 mal in 6 Jahren. Schwere Sachen werfen, Gesicht zerkratzen. Am brutalsten getroffen hat es mich jedoch, als 5 Jahre nach der Trennung meine ex-Dchwiegermutter-in-spe meine Mutter unterstellend fragte, ob ich meine Freundin während der Beziehung geschlagen habe.
zwickerbussi 22.09.2010
4. .
Zitat von sysopIst der Amoklauf von Sabine R. ein Ausnahmefall? Forscher und Polizei verzeichnen einen Anstieg der Zahl weiblicher Übergriffe - auch auf den eigenen Partner. Doch in der Öffentlichkeit gilt Frauengewalt als Tabuthema. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,718585,00.html
Eine abscheuliche Tat, von einer Frau begangen wird immer als besonders verwerflich empfunden. Das spricht für die Frauen. Ein Trend ist wohl nicht zu erwarten und ein Tabuthema ist es erst recht nicht, es gibt genügend Medien, die bis ins kleinste Detail darüber berichten.
eikfier 22.09.2010
5. ...hormonell
Zitat von baudrillard"Die Rollenbilder von Jungs und Mädchen, Männern und Frauen gleichen sich zunehmend an - und mit ihnen die Gewaltbereitschaft." Ein guter Artikel, mit einem schwachen Schlusssatz, der zu den Erkenntnissen des vorher geschriebenen nicht passt. Es ist nicht die Gewaltbereitschaft die sich angleicht, sondern die Formen des Ausdrucks männlicher und weiblicher Gewalt und insbesondere das Öffentliche an ihm. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich nur berichten, dass die Gewaltausbrüche einseitig, von meiner Freundin kamen. Es war nicht viel, 3-4 mal in 6 Jahren. Schwere Sachen werfen, Gesicht zerkratzen. Am brutalsten getroffen hat es mich jedoch, als 5 Jahre nach der Trennung meine ex-Dchwiegermutter-in-spe meine Mutter unterstellend fragte, ob ich meine Freundin während der Beziehung geschlagen habe.
...in dem Zusammenhang hätte mich nicht nur der soziologische Aspekt, sonder auch der medizinische Gesichtspunkt interessiert, weil doch die hormonelle Verhütung seit ca. Anfang 1960 mit ihrer hormonellen Nebenwirkung (Gestagenanteil!) ursächlich auch oder zumindest zusätzlich in Frage käme, denke ich...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.