Krach unterm Christbaum Weihnachten ist besser als sein Ruf

Viele Menschen können Weihnachten nicht leiden. Manche versinken zu dieser Zeit in Depressionen, die Suizidrate steigt, zu Hause gibt es Krach - das sind die gängigsten Klischees. Die Wahrheit ist erfreulicher.

Fröhliche Weihnachtsfeier
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Fröhliche Weihnachtsfeier

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"Versuchte man, anstelle von Beobachtung, logisch vorherzusagen, welche Jahreszeit den Suizid am ehesten begünstigt, könnte man denken, dass es jene mit dem dunkelsten Himmel, den niedrigsten Temperaturen und den meisten Niederschlägen ist."
Émile Durkheim, "Der Selbstmord" (1897, eigene Übersetzung)

Weihnachten hat, mal abgesehen vom Einzelhandel und Kindern, bei vielen Menschen einen eher schlechten Ruf. Das Klischee will, dass zu diesem Fest besonders schlechte Laune vorherrscht, dass sich Familien in die Haare kriegen, Depressive noch tiefer in der Dunkelheit verschwinden und Einsame sich noch einsamer fühlen.

Dass all das Gefeiere und Geschenke, die erzwungene Andacht und Fröhlichkeit, bizarre Bräuche oder auch einfach nur Whams allgegenwärtiges "Last Christmas" manche Menschen in den Wahnsinn treibt, und andere in den Selbstmord.

"Wenn die Natur lächelt"

Von einer eher winterfeindlichen Prämisse ging auch der Soziologe Émile Durkheim in seiner berühmten Studie über den Selbstmord aus. Und schon Durkheim kam, auf Basis statistischer Daten aus diversen Quellen, zu einem völlig anderen Ergebnis: Nicht im Winter und auch nicht im Herbst brachten sich Durkheim zufolge besonders viele Menschen um, sondern "während der schönen Jahreszeit, wenn die Natur lächelt und die Temperatur am süßesten ist".

Tatsächlich haben Studien sowohl in Nordamerika als auch in europäischen Ländern seither immer wieder gezeigt: Wenn es eine Saison für Suizide gibt, dann ist es der Frühling.

Im US-Staat North Caroline stellte man schon in den Siebzigern fest, dass bei einer lokalen psychiatrischen Klinik im Verlauf mehrerer Jahre an "besonderen Festtagen" nicht mehr Suizide verzeichnet wurden. Man identifizierte allerdings einen Wochentag, an dem das Risiko von Selbsttötungen im Schnitt erhöht war: Montag.

Weihnachten ist total happy - sagt Facebook

In den Achtzigern ergab eine weitere Studie derselben Hochschule auf Basis von Daten aus einer psychiatrischen Notfallambulanz, dass dort in den Tagen vor Weihnachten und an Weihnachten selbst weniger los war, dafür nach Weihnachten aber umso mehr.

Und Forscher von der Universität Groningen in den Niederlanden kamen 1997 mithilfe von Daten aus der dortigen Psychiatrie zu dem Schluss, dass ein Großteil psychiatrischer Auffälligkeiten im Dezember eher seltener zutage tritt als in anderen Monaten - was allerdings möglicherweise unter anderem auf einen "Holiday Effect" zurückzuführen sei. Das ist die Vermutung, dass Menschen es sich an hohen Feiertagen zweimal überlegen, ob sie ausgerechnet jetzt ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen wollen.

Fröhlichkeitswert?

Glaubt man Daten, die Facebooks hauseigene Forscher vor einigen Jahren mithilfe sogenannter Sentiment-Analysen erhoben haben, sind Menschen in den USA, Kanada, Australien und Großbritannien an Weihnachten sogar besonders fröhlich. Solche Analysen basieren auf der Auswertung von Worthäufigkeiten in Facebook-Posts - mehr fröhliche Wörter ergeben einen höheren Fröhlichkeitswert - und sind deshalb mit Vorsicht zu behandeln. Denn wer vertraut seinen Facebook-Freuden schon schriftlich seine Festtagsdepression an? Der zweite Tag, der den Facebook-Forschern zufolge besonders glückliche Gemütslagen hervorruft, ist der Valentinstag. Das macht doch misstrauisch.

Außerdem dürften allein all die stereotypen "Happy Holidays!"-Wünsche den hauseigenen Glücklichkeitsindex, für den ja Wörter gezählt werden, schon kräftig in die Höhe treiben. Große Datenmengen ergeben eben nicht automatisch große Wissenschaft.

Einen wertvollen Tipp fürs friedliche Feiern gibt es

Apropos soziale Erwünschtheit - oder stimmt das vielleicht tatsächlich? Einer Umfrage zufolge, die eine Agentur für eine deutsche Datingplattform durchgeführt hat, mögen über 73 Prozent von 901 Befragten Verwandtenbesuche zu Weihnachten gern, nur 27 Prozent können sie nicht leiden.

Einen Hinweis darauf, dass ein Christbaumkrachpotenzial von knapp 30 Prozent tatsächlich eine realistische Einschätzung sein könnte, gibt eine weitere Studie. Diese stammt von YouGov, und es wurden immerhin über 2000 Erwachsene befragt: 29 Prozent erinnern sich demnach an mindestens einen "großen Familienstreit" zu Weihnachten, knapp zwei Drittel tun das aber nicht.

Woher kommt dann eigentlich der Eindruck, dass es an Weihnachten in besonders vielen Familien besonders heftig kracht? Möglicherweise hat es wieder einmal mit der Verfügbarkeitsheuristik zu tun: Ein kräftig, womöglich gewalttätig eskalierter Familienkrach schafft es an Weihnachten mit höherer Wahrscheinlichkeit in die Medien, man erinnert sich an solche Berichte und hält deshalb gar nicht allzu häufige Ereignisse für wahrscheinlicher.

Mehr Gewalt an Silvester

Denn auch das Klischee, dass Familienstreitigkeiten dann an Weihnachten besonders häufig in Gewalt ausarten, scheint nicht so recht zu stimmen. Anrufe bei US-Hotlines für Opfer häuslicher Gewalt werden an den Feiertagen deutlich seltener.

Einer Studie aus dem eher ländlichen US-Staat Idaho zufolge etwa liegen die Meldezahlen für häusliche Gewalt an Weihnachten sogar leicht unter dem Durchschnitt für Nichtfeiertage. Anders ist das an Silvester: Da steigen die Zahlen für Gewalttaten kräftig an. Ähnliches gilt für den amerikanischen Unabhängigkeitstag und das Austragungsdatum des Superbowls. Mit anderen Worten: für Tage, an denen in den USA besonders viel Alkohol getrunken wird.

Der vielleicht beste Tipp für tatsächlich fröhliche und friedliche Weihnachten ist am Ende deshalb wohl dieser hier: Übertreiben Sie es nicht mit Prosecco, Wein und Kirschwasser, besonders dann, wenn Sie Ihre Familie als Teil der gefährdeten 30 Prozent kennen. Servieren Sie lieber noch ein Stück Gans oder Karpfen extra. Wer einen vollen Bauch hat, den plagt vielleicht ein schlechtes Gewissen, aber er ist im Zweifel zu satt zum Streiten.

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insgesamt 24 Beiträge
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i.dietz 24.12.2017
1. Weihnachten
ein Fest für die Kinder - wegen der Geschenke - und ein Fest für die Geschenkindustrie ! Ich entziehe mich seit Jahrzehnten diesem Gedöns - brauche keine unnötigen Geschenke zu kaufen - bekomme keine unnötigen Geschenke - gehe jedem Trubel aus dem Weg. Aber jedem das seine - in diesem Sinne schönen Abend.
melnibone 24.12.2017
2. Weihnachten ist noch beschissener ...
und inhaltlich verbrauchter, als jener rote Teppich, der für diejenigen, die das Volk zu vertretenden Volksvertreter ist; gesellschaftlich ... auch ebenso beliebig und munter ausgerollt ... Roll over Beethoven. Die Evergreens dudeln munter weiter. Traditioneller Gesellschaftsduktus ... siehe Werte ´hofieren´, ohne die Wahrung und die Wahrnehmung eines Gesellschaftszusammenhaltes _ _ als Gesellschaft zu wollen. Weihnachten ist das Sahnehäubchen am Ende eines jeden Jahres. Boah. Die Fratzen sind alle noch ... im Geschäft. Oder bald bald in die Industrie oder halbstaatliche Unternehmen weggelobt. Danach ist ja dann GottseiDank Schluss ... mit 2017.
echoanswer 24.12.2017
3. Weihnachten...
ist nur noch eine Treibjagd des Handels auf den Kunden. Seit heute ist Valentinstag und Ostern. Weihnachten ist lange vergessen. Nur Kohle zählt.
frenchie3 24.12.2017
4. Wer mal eine Umfrage gemacht hat
was es an Weihnachten für Geschenke gab wird sich nicht wundern..... OK, genug geblödelt. Ich finde daß jemand der sich entschieden hat sich umzubringen eigentlich alles im Leben erreichen kann. Wer bereit ist solche Konsequenzen zu ertragen dem dürfte vor nix mehr grausen. Leute, statt Eure Feinde/Sorgen mit Eurem Ableben zu erfreuen verarscht sie besser bis zum Anschlag. Danach macht auch das Leben mehr Spaß
dasfred 24.12.2017
5. Alles subjektiv
Wenn man sich vorher selbst Stress macht mit Deko, Einkauf, Hausputz und allem gibt es dann hinterher das große Aufatmen, wenn alles vorbei ist. Weihnachten passiert nun mal jedes Jahr. Auch wenn man in Hektik verfällt, man weiß doch, dass es vorbeigeht. Irgendwas passiert auch immer, aber am Ende löst sich fast alles in Wohlgefallen auf. Und wer nicht mitspielen möchte, kann sich behaglich zurückziehen und sich nach Wunsch und Wollen der Vergangenheit oder dem hier und jetzt hingeben und sich wie jedes Jahr über das mega nervige Fernsehprogramm aufregen bevor um Mitternacht das Leben wieder in die Gaststätten einzieht.
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