Glaubensfragen Wozu noch Weihnachten?

Nur noch ein Bruchteil der Deutschen glaubt tatsächlich an das, worum es an Weihnachten ursprünglich ging. Warum wird das Fest eigentlich noch gefeiert? Die Antwort kennt der Netflix-Algorithmus.

Netflix

Eine Kolumne von


Vergangenes Wochenende habe ich mir mit meinen Kindern den Netflix-Weihnachtsfilm angesehen, eine Art in fiktionale Form gegossene Bestandsaufnahme der aktuellen Bedeutung von Weihnachten. Netflix legt ja bekanntlich viel Wert darauf, Massen von Nutzungsdaten in die Gestaltung seiner Produkte einfließen zu lassen. Ein Netflix-Santa müsste also eine Art algorithmisch optimierter, perfekter Mainstream-Weihnachtsmann sein.

Gespielt wird er im aktuellen Werk "Christmas Chronicles" von Kurt Russell, was ich großartig finde: Die Klapperschlange kehrt nach Manhattan zurück, diesmal mit Rauschebart statt Augenklappe, rotem Ledermantel statt brauner Lederjacke und Witzen über Übergewicht. Interessant ist an dem Film aber vor allem, wie er Glauben und Frömmigkeit behandelt.

Weihnachtsstimmung ohne Geschenke? Wie soll das gehen?

Die Helden des Films sind zwei Kinder, die ihren Vater durch einen Unfall verloren haben. Sie versuchen, dem Weihnachtsmann eine Videokamerafalle zu stellen, mit Erfolg. Schon kurz darauf bringen die beiden als blinde Passagiere im skandinavischen Designerschlitten beinahe ein Passagierflugzeug zum Absturz. Die Rentiere machen sich fliegend davon, der Geschenkesack kommt abhanden. Keine Geschenke! Weihnachten droht auszufallen.

Kurt Russell muss, damit das nicht allzu krass konsumistisch wirkt, gelegentlich auf eine Spezialarmbanduhr schauen und besorgt warnen, dass die Weihnachtsstimmung jetzt nur noch bei 33 Prozent liege. Und die Menschen bräuchten diese Weihnachtstimmung doch so dringend. Aber wie soll das gehen, ohne Geschenke?

Der Kern des Weihnachtsglaubens: Believe in yourself!

Selbstverständlich müssen die beiden Kinder nun helfen. Dabei wird der ältere Junge geläutert, der auf die schiefe Bahn zu geraten drohte. Ein Rudel Weihnachtselfen, die sehr an Gremlins erinnern, tritt auf und vermöbelt Bösewichter. An einer Stelle blättert die pfiffige kleine Schwester in einem magischen, ledergebundenen Buch, in dem die Stammbäume aller "Gläubigen" aufgezeichnet sind. Erfreut stellt sie fest, dass alle Mitglieder ihrer Familie über Generationen hinweg aufgeführt sind - nur ihr Bruder nicht. Das schwarze Schaf.

Drei Viertel aller US-Amerikaner betrachten sich selbst als christlich. Knapp die Hälfte der Untergruppe, die sich selbst "sehr religiös" nennt, unterstützt den Ehebrecher und notorischen Lügner Donald Trump.

Woran all die "Gläubigen" im großen Nikolausbuch im Film aber eigentlich glauben, außer an den Weihnachtsmann, wird kein einziges Mal ausgesprochen. Jesus, Maria, Josef und das übrige Personal bleiben unerwähnt. Stattdessen erklärt der Nikolaus dem verwirrten Teenager irgendwann, dass es vor allem darum gehe, an sich selbst zu glauben.

Selbstwertgefühl und Wichte mit Kettensägen

Netflix hat die Zutaten der amerikanischen Weihnachtsfolklore also entkernt und statt des Christentums den amerikanischen Traum hineingesteckt: Believe in yourself!

Zwischendurch verwirrt der Weihnachtsmann einen unbotmäßigen Polizisten, indem er ihm die Weihnachtswünsche seiner Kindheit über den Tisch reicht, darunter eine "Star Wars"- und eine "G.I. Joe"-Actionfigur.

Das scheint, jedenfalls Neflix' Big-Data-Weltsicht zufolge, der maximal anschlussfähige Rest von Weihnachten zu sein: Der Bischof von Myra, der 300 Jahre nach Christus gelebt haben soll, jetzt im roten Ledermantel. Dazu ein gut sitzendes Selbstwertgefühl, niedliche Zwergwesen mit Kettensägen und Geschenke von Markenherstellern.

Zur Erinnerung: Eigentlich geht es bei diesem Fest um den angeblichen Geburtstag eines ohne Zeugungsakt gezeugten Kindes, das dann 30 Jahre später ans Kreuz genagelt wird, damit sein Vater uns unsere Sünden vergeben kann.

Wie es um den Weihnachtsglauben bei uns wirklich bestellt ist

Nun gehören beispielsweise in Deutschland überhaupt nur noch etwa 55 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Kirche an, die größte konfessionelle Gruppe ist schon seit Jahren die der "Konfessionslosen". Und von diesen 55 Prozent ist nur ein Bruchteil aus Überzeugung Christ.

Es gibt dazu eine Vielzahl von Studien, leider meist ohne Langzeitkonsistenz. Meine liebste wurde schon 1989 vom Institut für Demoskopie Allensbach durchgeführt. Den Befragten wurden sämtliche faktischen Aussagen aus dem christlichen Glaubensbekenntnis zur Beurteilung vorgelegt, das sich bei Katholiken und Protestanten bekanntlich kaum unterscheidet. Schon damals waren nur noch 65 Prozent der Katholiken und 52 Prozent der Protestanten mit dem Konzept "Jesus Sohn Gottes" einverstanden.

Religion kommt knapp hinter Privatfernsehen

Befragt wurden nur westdeutsche Mitglieder der jeweiligen Kirchen. Und das ist 30 Jahre her. Seitdem haben die Kirchen Millionen Mitglieder verloren. Für viele "Christen" in Deutschland ist das Christentum heute primär ein Abgrenzungsmerkmal gegenüber den anderen, vor allem Muslimen und Juden. Eher unchristlich, wenn Sie mich fragen.

Ein anderes interessantes Datum in diesem Zusammenhang: Einer Studie der BAT-Stiftung zufolge sagen heute noch 36 Prozent der Deutschen, Religion sei ihnen wichtig. Religion rangiert demnach in Sachen persönlicher Wichtigkeit jeweils 16 Prozentpunkte hinter den Werten "Markenvielfalt" und "Privatfernsehen". Das passt irgendwie zum Netflix-Weihnachtsmann.

Mit anderen Worten: Weihnachten ist für den weit überwiegenden Teil der Bevölkerung schon lange kein "christliches" Fest im engeren Sinne mehr. Es ist ein, wahlweise oder in beliebiger Kombination, heidnisches, traditionelles, kommerzielles oder einfach familiäres Ritual, ausgerichtet dem Markt, dem Magen und den Kindern zuliebe. Wie der Karneval. Stichwort "Weihnachtsstimmung".

Das sollte man sich zumindest eingestehen. Ich persönlich finde das übrigens gar nicht schlimm - aber ich mag ja auch Halloween.

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insgesamt 97 Beiträge
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Seite 1
zeichenkette 16.12.2018
1. Naja, an irgendwas muss man halt glauben
Weihnachten ist eher so eine Art Jahreszeit: Es wird kalt und dunkel und die vielen schönen Lichter und der Glühwein lenken einen davon ab, dann wird gefressen und geschenkt und dann ist man froh, den Streß hinter sich zu haben und man arbeitet ein paar Tage minimal, ist eh keiner da, dann kommt Silvester und Neujahr und man feiert und dann geht man erleichtert in das neue Jahr, weil das alte endlich rum ist, der überflüssigste aller Monate (der Januar) ist irgendwann auch rum, dann kommt der mit gutem Grund eher kurze Februar, den man irgendwie auch klein kriegt, dann kommt der März und man fängt wieder an zu leben. Das ist eigentlich schon alles. Aber irgendwas braucht man in dieser Zeit und ob man das Weihnachten nennt oder Samhain oder dem kürzesten und dunkelsten Tag des Jahres einfach ganz viel Licht und Essen entgegensetzt, ist da eigentlich völlig egal. Das ganze Zubehör ist nur Vorwand, aber man braucht halt irgendwas, um sich über diese Zeit zu retten. Mir ist das alles völlig schnuppe, aber mir ist jeder Vorwand recht.
bauklotzstauner 16.12.2018
2.
"Nur noch ein Bruchteil der Deutschen glaubt tatsächlich an das, worum es an Weihnachten ursprünglich ging." Aha.... Eine Frage, Herr Stöcker: WORUM ging es denn bei diesem Fest URSPRÜNGLICH? Wissen SIE es denn? Miiieeep: Nein, die Geburt eines gewissen Jesus von Nazareth, für dessen tatsächliche Existenz keine wirklichen Beweise existieren, ging es eben NICHT! Jedenfalls nicht urprünglich. Denn ursprünglich werden auf der Nordhalbkugel dieser Erde und in allen Kulturen immer Feste zur Wintersonnenwende gefeiert. Man feiert den kürzesten Tag des Jahres als Beginn eines neuen Lebenszyklus, der mit dem Frühjahr und diversen Frühlings- und Fruchtbarkeitsfesten (im Christenrum zu "Ostern" umgedeutet) dann auch noch einmal feierlich begangen wird. Denn leider folgen auf die Wintersonnenwende noch die härtesten Monate des Jahres - die Wintermonate. Zum Zeitpunkt der Sonnenwende allerdings sind die Scheuer noch gut gefüllt (Herbst und damit Erntezeit war ja erst), uind so feiert man diesen von den Astronomen (früher Schamanen und anderen Heiligen Männern) ermittelten astronomischen Wendepunkt mit besonderen Festen. So taten das übrigens auch die Römer. Zur Zeit von Jesus angeblicher Geburt die Herrscher über das "Heilige Land", das wir heute als Israel bzw. Palästina kennen. Wohl aufgrund eines Fehlers bei der Einführung des Julianischen Kalenders feierten diese ihr "Fest des unsterblichen Sonnengottes" am 25. Dezember. Ein typisches Fest der Wintersonnenwende. Noch Fragen, warum jener "Jesus" ausgerechnet in der Nacht vor jenem 25. Dezember "geboren wurde"?
orca20095 16.12.2018
3. Jedes Jahr dasselbe Thema,
und nichts Neues, außer einer Film-Rezension, die nun mit dem Thema nicht wirklich was zu tun hat. Würden Sie mit der „Sissi“-Trilogie die Geschichte von Österreich-Ungarn erklären wollen? Also lassen Sie doch jedem einfach sein persönliches Weihnachten.
diorder 16.12.2018
4. Weihnachten ein jesusfeindliches Christenfest
Mit dem Kern der schwierig zu rekonstruierenden Botschaft Jesu von Nazareth haben die sich christlichen nennenden Länder kaum etwas gemein. Auch ich als Christ kaum. Er glaubte an die Machtübernahme Gottes und das Eintreffen von Frieden, Gerechtigkeit, Teilhabe aller am Reichtum den Früchten der Natur und der Menschlichkeit untereinander. Was kam, waren die Kirchen. Uns an solche Hoffnung auf eine andere Welt zu erinnern , ist für mich der Sinn von Weihnachten mit dem Symbol des Säuglings im Viehstall als Opfer einer Volkszählung einer Weltmacht.
adieu2000 16.12.2018
5. Tja, das ist kultureller Wandel
und irgendwie hat Weihnachten etwas Faszinierendes für Antisemiten und Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes. Es scheint zu spalten wie der deutsche Nationalstolz schlecht hin. Wenn die AfD Weihnachten feiert, dann sollte man sich Gedanken über die Zukunft dieser Traditionen machen.
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