Wellen und Gezeiten - Poseidons Geschenk

Die dynamischen Ozeane sind eine so gut wie ungenutzte Energiequelle.


Unaufhörlich branden Wellen an Meeresstrände, hebt und senkt sich der Wasserspiegel im Rhythmus der Gezeiten. Doch obgleich diese Bewegungen an allen Küsten dieser Welt zu beobachten sind, werden sie kaum zur Energiegewinnung genutzt. "Wir hängen der Windenergie um zwanzig Jahren hinterher", bekennt Roger Bedard, Leiter der Abteilung Ozeanenergie am Electric Power Research Institute, einem unabhängigen Forschungsverbund mit Hauptsitzen in Palo Alto (US-Bundesstaat Kalifornien) und Charlotte (US-Bundesstaat North Carolina). Doch Bedard fährt fort: "Aber wir benötigen keine zwanzig Jahre, um aufzuholen."

Während der 1980er und 1990er Jahre konnten die Verfechter von Gezeiten- und Wellenkraft ausschließlich auf zwei kommerzielle Erfolge verweisen: ein 240-Megawatt-Tidehubkraftwerk in Frankreich und eine 20-Megawatt-Tidestation in Nova Scotia (Kanada). Inzwischen aber ging China mit einer 40-Kilowatt-Anlage in Daishan ins Rennen. Sechs Turbinen für jeweils 36 Kilowatt beginnen sich bald am East River in New York City zu drehen und in Portugal ging die erste kommerzielle Wellenfarm in Betrieb.

Schon sind Großprojekte geplant. Analysten behaupten, Meereskraft könnte ein Fünftel der gesamten Elektrizität Großbritanniens erzeugen und so helfen, dessen Verpflichtungen zur Kohlendioxidreduktion gemäß dem Kioto-Protokoll zu erfüllen. Besonders viel versprechend wäre ein Gezeitenkraftwerk in der Mündung des Severn an der Hudsonbai, denn dort gibt es den zweithöchsten Tidenhub der Welt. Einer Studie zufolge käme der benötigte 16 Kilometer lange Damm zwar fast 25 Milliarden Euro teuer, würde aber während des Gezeitenwechsels 8,6 Gigawatt leisten. Befürworter glauben, ein solches Kraftwerk könne hundert Jahre oder länger arbeiten.

Umweltgruppen warnen jedoch vor einer Zerstörung des Ökosystems der Flussmündung. Besser als ein Damm, argumentiert Peter Fraenkel von Marine Current Turbines, wären Felder der von seinem Unternehmen entwickelten SeaGen-Turbinen vor der Küste. Die ähneln Windgeneratoren, nur dass die Rotoren und Masten unter Wasser ihren Dienst tun. "Gezeitenfarmen" könnten beinahe so viel Elektrizität liefern wie der Severndamm, und das mit deutlich geringerer Beeinträchtigung der Umwelt. Zudem wären sie günstiger und würden obendrein gleichmäßiger Strom liefern. Die Firma plant einen Praxistest mit einer 540-Kilowatt-Anlage vor der nordirischen Küste in Strangford Lough.

"Der größte Vorteil der Gezeitenkraft ist ihre sichere Vorhersagbarkeit ", versichert Bedard. "Global gesehen wird sie aber niemals sehr bedeutend sein." Es gibt zu wenig Orte, an denen der Meeresspiegel schnell genug steigt und fällt.

Kräftige Wellen sind zwar unberechenbarer, dafür aber weit verbreitet anzutreffen. Vier Unternehmen haben kürzlich Probeläufe von Wellenkonversionsanlagen auf See abgeschlossen. Eine von ihnen, Ocean Power Delivery, will bald vor der Küste Portugals mit drei jeweils 120 Meter langen Maschinen 2,25 Megawatt ernten. Wenn alles nach Plan verläuft, sind weitere dreißig Anlagen geplant.

Gezeiten- und Wellenenergie-Projekte im Entstehen

  • Rhode Island: 500 kW

  • Nordirland: 1 MW

  • Cantabrien, Spanien: 1,25 MW bis zum Jahr 2007

  • Nordportugal: 24 MW bis zum Jahr 2007

  • Cornwall, England: 5 MW bis zum Jahr 2008

  • Northern Devon, England: 10 MW bis zum Jahr 2010

  • Daishan, China: 120 bis 150 kW; kein Datum bekannt

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