Welt-Tabak-Bericht Zigaretten töten im Sekundentakt

Alle sechs Sekunden tötet das Rauchen einen Menschen, im 20. Jahrhundert gab es 100 Millionen Todesopfer, heißt es im Welt-Tabak-Bericht der WHO. Tabakkonsum ist damit die führende vermeidbare Todesursache. Deutschland gehört zu den zehn Ländern mit den meisten Rauchern.


New York - Die Zahlen, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Donnerstag vorgelegt hat, sind erschreckend: Jährlich sterben 5,4 Millionen Menschen an den Folgen des Tabakkonsums - das ist einer alle sechs Sekunden. Während des 20. Jahrhunderts hat der Konsum von Tabak demnach insgesamt 100 Millionen Menschenleben gekostet. Und im 21. Jahrhundert könnten es noch viel mehr werden: Ohne Eindämmung des zunehmenden Tabakkonsums befürchtet die WHO bis zum Jahr 2100 eine Milliarde Tote durch Rauchen. Deutschland zählt dem Bericht zufolge zu den zehn Ländern mit den in absoluten Zahlen meisten Rauchern weltweit.

Raucher: In Deutschland raucht ein Viertel der Erwachsenen
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Raucher: In Deutschland raucht ein Viertel der Erwachsenen

Für den Welt-Tabak-Bericht hat die WHO Daten aus 179 ihrer Mitgliedsstaaten zusammengetragen, die Zahlen erfassen 99 Prozent der Weltbevölkerung. Weltweit gibt es demnach mehr als eine Milliarde Raucher, zwei Drittel davon leben in nur zehn Ländern - darunter Deutschland, Japan und die USA. In Deutschland raucht dem Bericht zufolge rund ein Viertel der Erwachsenen, jeder dritte Mann und jede vierte bis fünfte Frau - insgesamt knapp 20 Millionen Menschen.

Während jedoch in den Industrieländern die Tendenz zum Rauchen nachlasse, griffen in den Entwicklungsländern immer mehr Menschen zum Glimmstängel. Die Werbung ziele dort besonders auf Jugendliche und junge Frauen. Rund 80 Prozent der Raucher kommen demnach bereits heute aus Schwellen- und Entwicklungsländern.

Regierungen und Gesellschaften sind gefordert

Die WHO präsentierte sechs Maßnahmen, wie man die Ausbreitung des Tabakkonsums eindämmen könnte. Preise und Steuern von Zigaretten sollen erhöht, jegliche Form von Tabakwerbung soll verboten werden, und die Menschen sollen adäquat vor den Gesundheitsrisiken gewarnt werden. Darüber hinaus fordert die WHO den Schutz von Passivrauchern und Programme zur Unterstützung von Rauchern, die bereit sind, vom Tabak zu lassen.

"Obwohl es immer mehr Kampagnen gegen das Rauchen gibt, kann jedes Land der Erde mehr tun. Diese sechs Maßnahmen sind für alle umsetzbar, für arme wie für reiche Länder", sagte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan laut einer Mitteilung.

Die Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum, Martina Pötschke-Langer, sprach sich ebenfalls für weitere Erhöhungen der Tabaksteuer aus. "Wenn der Preis ansteigt, verringert sich der Konsum", sagte die Heidelberger Medizinerin im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

"Dank der fünf kleinen Anhebungen in den Jahren 2002 bis 2005 ist der Zigarettenmarkt eingebrochen", sagte Pötschke-Langer. Das zeige sich etwa bei Jugendlichen: "Nach einem deutlichen Anstieg in den neunziger Jahren ist das Rauchverhalten bei Kindern und Jugendlichen inzwischen drastisch zurückgegangen - von 28 Prozent im Jahr 2001 auf 18 Prozent im vergangenen Jahr."

Das Heilmittel gegen diese vernichtende Seuche, so Chan, bedürfe keiner Medikamente oder Impfungen, sondern der konzertierten Aktion von Regierung und Zivilgesellschaft. Die Regierungen verdienen laut Bericht mit der Tabaksteuer weltweit 137 Milliarden Euro im Jahr. Aber nur 0,2 Prozent dieser Summe würden für Maßnahmen zur Eindämmung des Tabakkonsums ausgegeben. Die Motivation der Regierungen gegen das Rauchen vorzugehen könnte auch aus einem anderen Grund gedämpft sein: Erst kürzlich hatte eine niederländische Studie ergeben, dass Raucher die Gesundheitssysteme weniger belasteten als Gesunde.

WHO: Totales Werbeverbot am effektivsten

Einer der effektivsten Wege, Tabakkonsum zu bekämpfen ist der WHO zufolge ein totales Werbeverbot. Derzeit gibt die Tabakindustrie jährlich Milliarden Dollar aus, um neue Kunden in die Sucht zu treiben. Bislang gebe es jedoch nur in 20 von 179 untersuchten Ländern ein komplettes Werbeverbot, hieß es. Warnhinweise auf Zigarettenschachteln seien weltweit immer noch nicht Standard und zumeist auch zu wenig drastisch. Nur 15 Länder nutzen Fotos als Warnung, diese sind der WHO zufolge jedoch die wirksamste Abschreckung.

Vier von fünf Rauchern wollten von ihrer Sucht wegkommen, berichtet die WHO. Wichtig seien daher neben Aufklärung auch Hilfsangebote. Die deutsche Krebsforscherin Pötschke-Langer machte sich für Schockfotos etwa von Raucherlungen oder braunen Zahnstummeln auf Zigarettenpackungen stark. "Wer 20 Zigaretten pro Tag raucht, sieht diese Bilder 7000-mal im Jahr", sagte sie. Daneben müsse jedoch unbedingt eine Hotline-Nummer stehen, bei der sich Raucher Tipps für ein rauchfreies Leben holen könnten. "Man darf nicht nur schocken, sondern muss einen Ausweg zeigen." Die Bundesregierung will mit der am Mittwoch gestarteten Kampagne "Rauchfrei 2008" Rauchern helfen, vom Glimmstängel loszukommen.

Zigaretten töteten langfristig nahezu jeden zweiten Tabakkonsumenten, so der WHO-Bericht. Fast die Hälfte aller Kinder der Welt sei durch Passivrauchen belastet. Wegen des zeitlichen Verzugs zwischen Tabakkonsum und resultierenden Gesundheitsschäden habe die "Tabakepidemie" gerade erst begonnen, befürchtet die WHO.

lub/AP



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