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Weltbevölkerung im Jahr 2100: Wir werden bis zu 13 Milliarden sein

Von Timo Stukenberg

    Nigeria: Die Bevölkerung des Landes wird sich bis 2100 wahrscheinlich verfünffachen und braucht mehr Schulen    Zur Großansicht
AP

Nigeria: Die Bevölkerung des Landes wird sich bis 2100 wahrscheinlich verfünffachen und braucht mehr Schulen

Die Vereinten Nationen passen ihre Prognose für die Weltbevölkerung an, auf bis zu 13,2 Milliarden Menschen im Jahr 2100. Doch ihre Zählmethode ist umstritten.

Die Weltbevölkerung könnte gleichzeitig 18.000 Woodstock-Festivals feiern, 100.000 Münchner Allianz-Arenen füllen oder rund vier Millionen Vorstellungen in der Deutschen Oper in Berlin besuchen. 7,2 Milliarden Menschen gibt es weltweit und die Zahl wächst weiter - bis zur Mitte oder sogar bis zum Ende des Jahrhunderts. Je nachdem, wem man glaubt.

Sieben Jahre lang haben der Statistikprofessor Adrian Raftery von der Universität Washington in Seattle, USA, und Patrick Gerland von den Vereinten Nationen geforscht. Ihr Ergebnis: "Wahrscheinlich wird die Weltbevölkerung bis zum Ende des Jahrhunderts weiter wachsen", sagt Raftery.

Diese Wahrscheinlichkeit beträgt 95 Prozent, erklären der Statistiker und seine Kollegen in ihrer Studie. Anders ausgedrückt heißt das, wenn 20 Statistiker rechnen, kommen 19 davon auf einen Wert zwischen neun und 13 Milliarden für das Jahr 2100.

Die Forscher nutzten erstmals die Daten der überarbeiteten Uno-Weltbevölkerungsprognose 2012. In ihre Berechnung flossen Daten der Jahre 1950 bis 2010 für die Geburtenrate und die Lebenserwartung der einzelnen Länder ein. Diese kombinierten sie mit im vergangenen Juli erschienenen Hochrechnungen für die Jahre 2010 bis 2100: unter anderem für die Geschlechterverteilung bei der Geburt, Zu- und Abwanderungsbewegungen und den Einfluss von HIV und Aids auf die Sterblichkeit.

Die Uno hatte in den vergangenen Jahren immer wieder ihre Bevölkerungsprognose nach oben korrigiert. Gingen die Statistiker 2003 noch davon aus, dass die Weltbevölkerung ab dem Jahr 2040 wieder zurückgehe, gehen sie jetzt von einem stetigen Wachstum bis zum Ende dieses Jahrhunderts aus. Der Treiber hinter der Entwicklung ist der afrikanische Kontinent. "Die Bevölkerungsdichte Afrikas wird in etwa auf die des heutigen Chinas ansteigen", schreiben die Autoren der Studie. Grund dafür ist die Geburtenrate in Afrika. Sie sinkt weniger stark als angenommen.

"Blindes statistisches Verfahren"

Die Methode der Vereinten Nationen ist jedoch umstritten. Die Organisation wende ein "blindes statistisches Verfahren mit vielen methodischen Fragezeichen" an, kritisiert der Leiter des Weltbevölkerungsprogramm am International Institute for Applied Systems Analysis (Iiasa), Wolfgang Lutz. Er bemängelt, dass die Uno-Prognose lediglich Daten aus der Vergangenheit in die Zukunft fortschreibt. "Wir haben eine 60-jährige Erfahrung und wollen auf dieser Grundlage 90 Jahre in die Zukunft blicken", sagt er.

Immerhin in einem Punkt sind sich Raftery und Lutz einig: Bildung entscheidet über die Entwicklung der Geburtenrate und damit auch über die Entwicklung der Weltbevölkerungszahl. Lutz zitiert ein Beispiel: Im Durchschnitt bekomme eine äthiopische Frau rund sechs Kinder. Geht sie allerdings bis zu ihrem 15. Lebensjahr in die Schule, bekommt sie lediglich zwei Kinder.

Von Rückgang bis Explosion

Mithilfe von Expertenmeinungen entwickelten Lutz und seine Kollegen drei Szenarien in Abhängigkeit vom jeweiligen Bildungsstand: von Bevölkerungsrückgang bis -explosion. Ihre Ergebnisse veröffentlichen sie Anfang September. In die Uno-Prognose findet der Indikator Bildung keinen Eingang.

In der folgenden Grafik finden Sie die Prognosen aus Rafterys Studie. Im Vergleich dazu sehen Sie das bevölkerungsreichste und -ärmste Szenario aus dem neuen Buch von Lutz. Je nachdem, wen man fragt, schwankt die Prognose für das Jahr 2100 zwischen 7,1 Milliarden und bis zu 13 Milliarden Menschen. Doch was sagt uns diese Zahl?

"Nicht sehr aussagekräftig"

Zur Berechnung von Klimaprognosen mag diese Zahl noch sinnvoll sein. Darüber hinaus, verschleiert die Weltbevölkerungszahl allerdings eher Probleme. "Die nackte Zahl der Köpfe ist nicht sehr aussagekräftig. Der sogenannte Weltbürger ist keine sinnvolle Kategorie", sagt Lutz. "Wann das Bevölkerungswachstum seinen Gipfel erreicht, ist eine symbolische Debatte." Tatsächlich sind die Situationen in den einzelnen Nationen sehr unterschiedlich.

Während sich deutsche Politiker Sorgen um die Renten machen, hat Nigeria ein Problem mit immer mehr Jugendlichen. Das afrikanische Land mit der höchsten Bevölkerungszahl des Kontinents werde die Zahl seiner Einwohner bis 2100 verfünffachen, so die Prognose von Raftery und seinen Kollegen. "Nigeria steht auf der Kippe", sagt Demograf Lutz. Schaffe es das Land nicht, ausreichend Schulen zu bauen, habe das verheerende Konsequenzen.

Leben retten gegen Überbevölkerung

Aus einer stetig wachsenden Bevölkerung können nach Aussage der Studienautoren massive Probleme entstehen: Armut, Umweltverschmutzung, hohe Kindersterblichkeit, soziale Konflikte und Unruhen.

Der schwedische Statistiker Hans Rosling zeigt, dass es so weit nicht kommen muss. Er hat eine verblüffende Lösung gegen das Problem einer stetig wachsenden Weltbevölkerung: Menschenleben retten.

Hinweis: Die Überschrift dieses Artikels wurde präzisiert. Ursprünglich lautete sie "Wir werden 13 Milliarden sein". 13 Milliarden ist jedoch die Obergrenze der Weltbevölkerung, die Prognosen liegen zwischen 9 und 13 Milliarden.

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insgesamt 76 Beiträge
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1. Aha
tiehrhawtreisnezlegeips 18.09.2014
Das ist die Eughenik-Agenda. Alles Lüge, es ist genug Nahrung und Platz da, auch für 100 Milliarden!
2. bis dahin hat sich das erledigt
auf_dem_Holzweg? 18.09.2014
Ebola oder der Mensch selbst - wir machen das schon! da dürfen wir ganz zuversichtlich sein! Schaut Euch doch mal um in der Welt - es war lange nicht mehr so schlimm wie momentan. Und wir sind "grade mal" 7,2. Mrd Menschen... Aber wie in jedem Biotop erledigt sich das früher oder später allein
3.
HighFrequency 18.09.2014
"Wir werden 13 Milliarden sein" - glaube ich nicht. Der Menschheit werden genügend Mittel zur Begrenzung der Population einfallen, auch wenn es nicht immer die angenehmsten sind.
4.
sebastian.teichert 18.09.2014
Dadurch das wir noch mehr Leben retten wird die Bevölkerung weniger? Das ist eine Logik die sich mir noch etwas entzieht. Aber gut. Dann bin ich schon tot und nicht mehr mein Problem.
5. Wir?
syracusa 18.09.2014
"Wir werden 13 Milliarden sein" Nein, dieses "wir" gilt für die allermeisten von uns nicht. Die sind dann schon lange tot. Und da der Mensch gerne nach dem Motto "nach mir die Sintflut" lebt, können Sie von den meisten von "uns" nicht erwarten, dass wir uns große Sorgen um die Weltbevölkerung des Jahres 2100 machen. Leider.
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