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Weltdrogenbericht 2007: Afghanistan wird zur Heroinquelle der Welt

Fast die Hälfte der weltweiten Kokain-Produktion wird beschlagnahmt, meldet der Weltdrogenbericht. Doch die Studie gibt keinen Anlass zum Jubel: Die Mafia sucht neue Schmuggel-Wege durch Afrika - und das terrorgeplagte Afghanistan wird zum Drogen-Staat schlechthin.

"Bedeutende positive Veränderungen" meldet die Uno-Drogenbehörde UNODC in ihrem neuen Weltdrogenbericht. Es gebe "einigen Grund zu Optimismus", sagt Direktor Antonio Maria Costa, der die neuen Daten am heutigen Dienstag vorstellte: Der Trend zur Sucht werde global gebremst. "Für fast jede Droge - Kokain, Heroin, Cannabis und Amphetamine - gibt es Zeichen für pauschale Stabilität, gleich, ob wir über Produktion, Schmuggel oder Konsum sprechen." Der Bericht ist auch online verfügbar.

Das klingt nach guten Nachrichten aus der Weltdrogenbehörde - doch tatsächlich sind sie vergiftet: Die Schmuggler suchen neue Wege, und die Produktion hat gewaltige Verstärkung aus Afghanistan erhalten.

Die Ergebnisse im Einzelnen: Im großen Ganzen scheint die süchtige Welt tatsächlich stabil - wenn schon nicht im Gleichgewicht. Den Uno-Experten zufolge greifen weltweit die Maßnahmen gegen Anbau und Verkauf von illegalen Drogen. Besonders in Nordamerika geht die Menge beschlagnahmten Kokains zurück. Ähnliches gilt für beschlagnahmtes Heroin und Morphium in Europa.

In Deutschland stagniert der Koks-Konsum - doch schon bei einem großen Teil der europäischen Nachbarn stimmt das nicht mehr: In ganz Europa gibt es einen "alarmierenden Anstieg".

Südafghanistan - Heroinquelle der Welt

Vor allem Afghanistan besorgt die Suchtexperten. Der Anbau habe dort 2006 "dramatisch zugenommen" - und marginalisiere jene bemerkenswerten Fortschritte, die andernorts im Kampf gegen die Produktion von Rohopium errungen worden seien, namentlich in Südostasien. Wie sehr dieser Umstand Angebot und Preise beeinflusst, hatte die europäische Drogenbeobachtungsstelle (EBDD) schon im November besorgt betont: Das kriegsgebeutelte Afghanistan ist zum Quasi-Monopolisten der globalen Heroin-Produktion aufgestiegen.

In dem Land "ist Opium ein Sicherheits-, nicht nur ein Suchtproblem", sagte Costa. Die südliche Provinz Helmand, zugleich eine der instabilsten, entwickle sich zum weltgrößten Drogenlieferanten.

Viele andere Provinzen seien drogenfrei - doch der Mohn-Anbau und damit auch die Heroin-Produktion sei "total auf den Süden" konzentriert, sagt Richard Murphy von UNODC in Wien zu SPIEGEL ONLINE. Der illegale Anbau sei dort größer als im gesamten Rest des Landes und auch größer als in anderen Anbauländern wie Myanmar und sogar Kolumbien, stellen die Autoren des Uno-Berichts fest.

Attacke auf Afrika

Besonders Kolumbiens Drogenbarone sind offenbar erheblich unter Druck geraten. Die Uno sichtete Berichte über Beschlagnahmungen von Drogenlieferungen und verzeichnete, dass ihre Zahl global deutlich gestiegen ist. Mehr als 45 Prozent des weltweit produzierten Kokains würden mittlerweile von der Polizei entdeckt und aufgebracht - 1999 waren es noch 24 Prozent. Beim Heroin stieg diese Zahl innerhalb desselben Zeitraums von 15 Prozent auf rund ein Viertel.

Die Reaktion der Schmuggler: Sie weichen auf den schwächsten aller Kontinente aus. "Afrika wird von Kokainschmugglern aus dem Westen und Heroinschmugglern aus dem Osten attackiert", sagte Costa. Aus beiden Richtungen suchen demnach die Exporteure der Sucht einen neuen Zugang nach Europa.

"Kokain-Schmuggler aus Kolumbien in Afrika - das ist neu", sagt UNODC-Sprecher Murphy. Keine Weltgegend ist korrupter, anfälliger, durchlässiger als Afrika. Den Menschen dort könnte eine neue Tragödie drohen - die die guten Nachrichten der Statistik von heute schnell zu Makulatur machen könnte.

Anlass zum Jubeln gibt der neue Weltdrogenbericht ohnehin nicht. Denn allen Bemühungen zum Trotz - sicher ist: "Das Leben von wenigstens einem von 200 Menschen auf der Erde wird von Drogen bestimmt", sagt Costa.

Aussagen für den Drogenkonsum auf der ganzen Welt werden natürlich schnell hinterfragt: Kann man das so sagen? Woher weiß die Uno das genau? Ausführlich diskutieren die Autoren des Berichts daher die Methodik - und wie künftige Berichte präziser werden könnten.

Kokain-Konsum: Auf Basis von Flusswasseranalysen errechneten Nürnberger Forscher, wieviele Lines Kokain pro Tag je 1000 Einwohner in unterschiedlichen Städten (u.a. Köln, München) geschnupft werden
UNODC

Kokain-Konsum: Auf Basis von Flusswasseranalysen errechneten Nürnberger Forscher, wieviele Lines Kokain pro Tag je 1000 Einwohner in unterschiedlichen Städten (u.a. Köln, München) geschnupft werden

Ausdrücklich erwähnt wird dabei die Methode des Nürnberger Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP), aus Flusswasseranalysen Rückschlüsse auf den Kokainkonsum zu ziehen.

Im November 2005 hatte eine von SPIEGEL ONLINE initiierte Studie zur Konzentration von Benzoylecgonin in deutschen Flüssen für Aufsehen gesorgt, Tenor: Die Deutschen koksen ungeahnte Mengen. Ein Jahr später legte das Team um IBMP-Direktor Fritz Sörgel nach. An weltweit 50 Stellen analysierten die Forscher Flusswasser auf Benzoylecgonin (es entsteht, wenn Kokain in den Nieren abgebaut wird). New York ist die Kokainhauptstadt der Welt, fanden sie heraus.

Die Nürnberger Wissenschaftler stellten auch - im Widerspruch zum letzten World Drug Report - fest: Entweder gibt es in New York viel mehr Kokser, als von den Uno-Experten veranschlagt, oder der Durchschnittskonsum liegt drastisch höher. In der neuen Ausgabe loben nun die Autoren der Welt-Drogenbibel die IBMP-Untersuchung als "hoch innovativen Ansatz". Die ersten veröffentlichten Zahlen (siehe Grafik) zeigten vernünftige Größenordnungen für das Ausmaß des Kokain-Problems.

stx

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