Weltraumtourismus: Per Sachsen-Anhalter in die Galaxis

Aus Cochstedt berichtet

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dapd

Flughafen Cochstedt: "Einer der wenigen Flugplätze in Europa, die wir nutzen können"

Sie meinen es ernst - auch wenn es unglaublich klingt: Eine Firma aus Sachsen-Anhalt arbeitet an einem Raketenflugzeug für Weltraumtouristen, dessen Prototyp bereits in anderthalb Jahren abheben soll. Technologisch erscheint das Projekt solide, nun müssen Investoren begeistert werden.

Die Wolken sind zerrissen und hängen tief im Aprilhimmel. Man kann viele von ihnen sehen, denn das Land ist weit. Nichts stört die Ruhe in Cochstedt, rund 30 Kilometer südwestlich von Magdeburg. Eigentlich müssten hier Flugzeugmotoren röhren, doch stattdessen zwitschern die Vögel.

Cochstedt, diesen Namen verbinden Sachsen-Anhalts Politiker mit einer eher unappetitlichen Angelegenheit: Für rund 50 Millionen Euro hatte man den Flughafen (Internationaler Code: CSO) nach der Wende vom früheren russischen Militärlandeplatz zum veritablen Regionalairport ausgebaut. Doch niemand wollte auf der 2,5 Kilometer langen Piste irgendwo im Nirgendwo landen; die Betreiberfirma ging bankrott. Seitdem steht ein voll eingerichtetes Flughafengebäude als Investitionsruine in der Landschaft - inklusive Abfertigungsschalter, Röntgengerät zur Sicherheitskontrolle, Gepäckband und Feuerwehrfahrzeug.

Was für Steuerzahler ein Alptraum ist, könnte für Frank Marco Günzel, Peer Gehrmann und Andreas Hey zum Glücksfall werden. "Das ist einer der wenigen Flugplätze in Europa, die wir nutzen können", sagt Hey. Zusammen mit seinen beiden Kompagnons arbeitet er an einem Projekt, das beim ersten Hinhören wie Spinnerei klingt: die Konstruktion eines Raketenflugzeugs für Weltraumtouristen, dessen Prototyp bereits in anderthalb Jahren abheben soll.

Zahlreiche Firmen weltweit hoffen auf einen Millionenmarkt für Weltraumtourismus. In den USA hat die Firma Xcor unlängst mit dem "Lynx" ein ähnliches Raketenflieger-Projekt für Kurztrips an den Rand des Weltalls vorgestellt. Und die Privatraumfahrt-Ikonen Burt Rutan und Richard Branson werkeln bereits am "SpaceShipTwo", mit dessen Hilfe Bransons Firma Virgin Galactic Reisen ins All als Massenprodukt anbieten will.

Countdown zählt die Tage bis zum Start herunter

Gegen diese Konkurrenz wollen Günzel und Gehrmann - beide Sandkastenkumpel und Maschinenbauingenieure aus Schleswig-Holstein - nun antreten. Nach eigenem Bekunden arbeiten sie seit 2004 an ihrem Projekt. Mit Hey haben sie sich einen Experten für - wie er es ausdrückt - "Firmen in wirtschaftlichen Spezialsituationen" an Land geholt. Seit 2005 produziert Hey mit seiner Firma Xtreme-Air in Cochstedt Kunstflugzeuge. Für Günzel und Gehrmann hat Hey nun den Businessplan für den Raketenflieger aus Cochstedt entwickelt.

Eigentlich wollten die die Raumfahrt-Enthusiasten mit ihrem Projekt noch gar nicht an die Öffentlichkeit gehen, doch ein Mitarbeiter in Sachsen-Anhalts Wirtschaftsministerium verquasselte sich - und setzte die Kunde vom Raumgleiter aus Cochstedt in die Welt. Der Zeitplan des Projekts ist ambitioniert, denn schon im Spätsommer soll der Bau des ersten Prototyps beginnen: Eines von Heys Kunstflugzeugen wird dann mit einem Raketentriebwerk eines Schweizer Herstellers nachgerüstet, um über dem Flugfeld von Cochstedt erste Flugtests zu absolvieren.

Parallel dazu wollen Günzel, Gehrmann und Hey am Raketenflieger "Black Sky" werkeln, der in rund 580 Tagen zum ersten suborbitalen Flug abheben soll. Ein Countdown auf der Firmenwebsite zählt die Tage bis zum Start herunter. Sieben bis acht Millionen Euro soll das Flugzeug kosten, das drei Tonnen Startmasse auf die Wage bringen wird. Zwei Drittel des Gewichts entfallen allein auf den Treibstoff: Diesel und flüssiger Sauerstoff sollen den mit zwei Passagieren besetzten Raketenflieger in rund 40 Kilometer Höhe treiben.

Mit der "Enterprise" ins All

Doch auch dieses Modell soll nur eine Zwischenstufe auf dem Weg zu noch Größerem sein: Es geht um die "Enterprise". Dieses Fluggerät soll neun Meter lang werden und vier bis fünf Passagiere ins All bringen. Der Flieger soll mit Raketenkraft vom Boden abheben und nach kurzem waagerechtem Flug senkrecht in der Himmel schießen - mit bis zu dreifacher Schallgeschwindigkeit. Nach vier Minuten werden die Reisenden dann auf dem Scheitelpunkt des furiosen Raketenritts angekommen sein, in ungefähr 120 Kilometern Höhe. Drei Minuten lang sollen sie schwerelos sein, während die "Enterprise" wieder der Erde entgegenstürzt.

Nach nur 20 Minuten sollen die All-Touristen wieder auf dem Boden sein - und 150.000 Euro ärmer. Damit kostet der Trip von Cochstedt an den Rand des Weltraums etwa 125 Euro pro Sekunde. Ein Schnittchen von der kosmischen Stewardess ist darin noch nicht einmal enthalten. Andererseits dürften die Gäste eine Premium-Aussicht über Europa von Schottland bis zu den Alpen haben, zugleich funkeln die Sterne in der Schwärze des Alls.

Um die "Enterprise" zu bauen, brauchen Günzel, Gehrmann und Hey nach eigener Rechnung 80 bis 100 Millionen Euro. "Es ist uns klar, dass die nicht auf einen Schlag zusammenkommen", sagt Hey. Zunächst wollen die drei von 50 interessierten Geldgebern zwischen 50.000 und 200.000 Euro einsammeln - über eine speziell dafür in der Schweiz gegründete Aktiengesellschaft. "Diesen Pool an wohlhabenden Enthusiasten gibt es bereits", sagt Günzel.

"Cochstedt, wir haben ein Problem"

Wie realistisch diese Einschätzung ist, wird sich zeigen. Die wirtschaftliche Seite des Raumfahrtprojekts ist derzeit nur schwer einzuschätzen, technologisch macht das Vorhaben indes einen guten Eindruck. Die Raumflieger sollen mit derselben Technologie entstehen wie Heys Kunstflugzeuge: Der Rumpf wird aus mehreren Lagen Kohlefaser gefertigt.

Das grau schimmernde Gewebe liegt leicht in der Hand und fasert ein bisschen am Rand. Schwer vorstellbar, dass daraus ein Raumschiff entstehen kann. Doch bis zu 18 Lagen der Fasern werden an besonders stark beanspruchten Stellen des Rumpfes verklebt und mit weiteren Schichten zu einem hochfesten Material verbacken, das auch den Wiedereintritt in die Atmosphäre ohne Probleme wegstecken soll.

Wie belastungsfähig die Fasern (Quadratmeterpreis um 25 Euro) sind, zeigt sich, wenn man sich Heys Flugzeuge ansieht, die in der Cochstedter Werkhalle gefertigt werden. Bis zu 500 Quadratmeter Fasern werden für ein Kunstflugzeug verbaut. Dafür hält jede Maschine mindestens die zehnfache Erdbeschleunigung aus, normalerweise sogar noch deutlich mehr: "Das sind nur die offiziellen Werte, im Prinzip könnte man die Maschinen bis zur vierzigfachen Erdbeschleunigung belasten", erklärt Hey.

Hitzeschutz unnötig

In seinen Prognosen für eine Rückkehr aus dem All hat Peer Gehrmann ausgerechnet, dass nur ein Zehntel davon auf die "Enterprise" wirken dürfte. Aber wie verhält es sich mit dem Hitzeschutz beim Wiedereintritt in die Atmosphäre? "Den brauchen wir nicht", sagt Gehrmann. Weil die Geschwindigkeit bei der Rückkehr vergleichsweise niedrig sei, würden gerade einmal 60 bis 70 Grad Celsius auf den Rumpf wirken.

Bleibt ein wichtiger Punkt: "Das größte technologische Problem ist das heiße Raketentriebwerk in einem Flugzeug aus hochbrennbarem Material", sagt Günzel. Damit der Raketenflieger nicht den Satz "Cochstedt, wir haben ein Problem" funken muss, wird das Raketentriebwerk aus Flugzeugaluminium so gut wie möglich vom Passagierraum getrennt. Ungefährlich ist das Ganze trotzdem nicht: "Die ersten Passagiere werden vollkommen auf eigenes Risiko mitfliegen", sagt Günzel. Versicherungen für solche Reisen gebe es derzeit nicht.

Entspannt geben sich Günzel, Gehrmann und Hey, wenn man sie auf die Umweltbilanz ihrer geplanten Flüge anspricht. Offiziell wollen sie CO2-neutral fliegen, mit Bioethanol. Die drei rechnen vor, dass der Pro-Kopf-Treibstoffverbrauch für die Reise ins All in etwa dem eines Fluges von Frankfurt nach Sydney und zurück entspricht - jedenfalls wenn man die durchschnittliche Auslastung der Maschinen mit gut 60 Prozent ansetzt. "Unsere Maschinen", meint Günzel, "sind dagegen immer voll besetzt."

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