Weltsprachen Goodbye English

Die anglo-amerikanische Übermacht geht ihrem Ende entgegen, zumindest wenn es um die Sprache geht. Die Bedeutung des Englischen wird schwinden, prophezeien Sprachforscher. Stattdessen müssen Manager und Wissenschaftler Chinesisch, Urdu oder Hindi lernen.


China-Besucher Schröder: In Zukunft ohne Dolmetscher?
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China-Besucher Schröder: In Zukunft ohne Dolmetscher?

Wer international Erfolg haben will, spricht englisch. Noch. In einigen Jahrzehnten allerdings dürfte das ganz anders aussehen. Denn die wachsende Dominanz der englischen Sprache, oft beschworen, wird es nicht geben. Davon jedenfalls ist der britische Sprachforscher David Graddol von der auf Sprachunterricht spezialisierten "English Company" überzeugt.

"Das weltweite System der Sprachen hat einen kritischen Punkt erreicht", schreibt Graddol im Fachmagazin "Science". "Nach mehreren Jahrhunderten geradliniger Entwicklung kommt es derzeit gehörig durcheinander." Schuld daran ist vor allem die weltweite Geburtenentwicklung. Gerade in den asiatischen Staaten legen die Bevölkerungszahlen stark zu - und setzen dadurch die englische Sprache unter Druck. Die Idee, Englisch würde sich auf Kosten aller anderen Sprache zum globalen Dialekt entwickeln, habe ihr Haltbarkeitsdatum längst überschritten, meint Graddol.

China liegt in Führung

Schon heute liegt die englische Sprache, gemessen an der Zahl der Muttersprachler, nur noch auf Rang zwei. Der Spitzenplatz geht an China. Unangefochten: Über 1,1 Milliarden Menschen wachsen heutzutage mit der chinesischen Sprache in all ihren Variationen auf - dreimal mehr als die englischen Muttersprachler.

Im Jahr 2050 reicht es für die englischsprachige Welt, so Graddol, sogar nur noch für Platz drei - überholt von den beiden indoeuropäischen Sprachen Hindi und Urdu, die in Asien weit verbreitet sind und von Katar bis Nepal gesprochen werden. Englisch sprechen dann nur noch fünf Prozent der Weltbevölkerung - 100 Jahre zuvor waren es noch neun Prozent. Auch Spanisch und Arabisch werden bis 2050 aufgeholt haben und nur noch knapp hinter Englisch liegen.

Noch stärker wachsen die Sprachen aus der zweiten Reihe: Bengalisch, Malaiisch und Tamil werden überdurchschnittlich zulegen. Deutsch, mit 102 Millionen Muttersprachlern bei der letzten Erhebung noch auf Rang zehn, wird aus den Top Ten herausfallen.

Deutsch fällt zurück

Doch es hätte schlimmer kommen können: Graddol schätzt, dass von den derzeit 6000 Sprachen auf der Welt rund 90 Prozent die nächsten Jahrhunderte nicht überleben werden. "Schon heute könnten wir pro Tag eine Sprache verlieren", schreibt der Linguist. Doch während vor allem ländlich geprägte Sprachen aussterben, entwickeln sich in den Städten ganz neue Sprachen, Mischformen aus den unterschiedlichen Idiomen der dort lebenden Menschen.

Und auch für Englisch wird in der neusprachlichen Weltordnung noch Platz sein - wenn auch nur als erste Fremdsprache. Denn in Zukunft, davon ist der Sprachforscher überzeugt, wird ein immer größerer Anteil der Menschen mehr als eine Sprache sprechen. Englisch wird oftmals eine davon sein, doch der Dialekt, um den im nächsten Jahrzehnt vor allem in Asien niemand mehr herumkommen wird, ist Mandarin. "Wer dagegen", so Graddol, "in Zukunft einzig und allein Englisch spricht, dürfte in einer mehrsprachigen Gesellschaft so seine Probleme bekommen."



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