Weniger Menschen Geburtenkontrolle soll Klimawandel stoppen

Werdet einige Milliarden Menschen los, beschränkt die Geburtenrate: Das fordert ein britischer Forscher, um die globale Erwärmung zu bremsen. Doch sein Lösungsvorschlag entpuppt sich als klassische Milchmädchen-Rechnung.


Was gibt es nicht alles für Ratschläge, die globale Erwärmung zu bremsen: Lasst das Auto stehen und spart Strom. Schummelt Kühen Futterzusätze in den Trog, um ihre methanhaltigen Flatulenzen zu verringern. Spendet für jeden geflogenen Kilometer einen Cent, um euer Gewissen zu beruhigen und Klimaschutz-Projekte zu unterstützen.

Sechs neue Erdenbewohner von mehr als 6,6 Milliarden Menschen: Geburtenkontrolle als Klimaretter?
DPA

Sechs neue Erdenbewohner von mehr als 6,6 Milliarden Menschen: Geburtenkontrolle als Klimaretter?

Die neueste Aufforderung kommt aus Großbritannien: Werdet einige Milliarden Menschen los, beschränkt die Geburtenrate! Die Ansage stammt von Chris Rapley. Der Physiker ist zurzeit Leiter des altehrwürdigen British Antarctic Survey, ab 1. September der neue Leiter des renommierten Science Museum in London - und wie die meisten Forscher überzeugt davon, dass die Menschen für den Klimawandel verantwortlich sind. Im Spektrum der wissenschaftlichen Meinungen steht Rapley den negativsten Prognosen am nächsten, denen zufolge der Erde eine sehr heiße, überflutungsreiche und insgesamt ungemütliche Zukunft bevorsteht. Der Vorschlag des 60-Jährigen lautet deswegen: Eine strenge Geburtenkontrolle soll die globale Erwärmung verhindern.

Wenn Verhütung, Bildung und Gesundheitspflege verbessert würden, dann werde der Bevölkerungszuwachs gebremst, sagte Rapley der britischen Zeitung "The Observer".

Rapleys Rechnung lautet so: Gibt es weniger Menschen, fahren weniger Leute Auto und es werden weniger Elektrogeräte verwendet - also landet weniger Kohlendioxid in der Atmosphäre. Der "entscheidende Punkt", um dieses Ziel zu erreichen, ist laut Rapley: Für die Maßnahmen zur Geburtenkontrolle "müsste man nur einen Teil des Geldes ausgeben, das gebraucht wird, um technologische Lösungen, neue Atomkraftwerke und Anlagen für erneuerbare Energien zustande zu bringen". Allerdings scheint Rapley einiges nicht mitgerechnet zu haben.

Die Rechnung geht nicht auf

Weniger Menschen bedeuten nicht gleich weniger Autos. Der Autoverkehr wird nach Angaben des Weltklimarats IPCC in den kommenden Jahren dramatisch zunehmen und mit ihm der Treibhausgas-Ausstoß. Einziger Ausweg ist den Uno-Klimaexperten zufolge nicht ein gehemmtes Bevölkerungswachstum, sondern das Ende des PS-Protzens in der Autoindustrie.

Wenn Rapley das Bevölkerungswachstum als Klimakiller verteufelt, beschuldigt er - außer Schwellenländern mit großem Bevölkerungszuwachs - vor allem die Länder der Dritten Welt. In den 50 ärmsten Ländern wird sich die Bevölkerung nach den jüngsten Hochrechnungen der Vereinten Nationen von 0,8 auf 1,7 Milliarden Menschen bis 2050 mehr als verdoppeln. In den Ländern mit junger Altersstruktur wie Afghanistan, Uganda, Niger oder dem Kongo werde sich die Bevölkerung in den nächsten 43 Jahren sogar verdreifachen. Doch gibt es dort viel weniger Menschen mit Autos und Elektrogeräten als in Industrienationen.

Zwar wächst auch die Bevölkerung in industrialisierten Schwellenländern wie Indien und Indonesien zügig. Doch in Indien, hinter China das Land mit der zweitgrößten Bevölkerung, ist die Geburtenrate in jüngster Zeit wieder gesunken. China selbst steht inzwischen auf Platz eins der globalen Luftverpester-Liste - obwohl chinesische Familien seit 1979 nur ein Kind bekommen dürfen, was das Bevölkerungswachstum deutlich verlangsamt hat.

Britische Bevölkerung auf "umweltverträgliches Maß" senken

Rapleys Mahnung, die Überbevölkerung zu reduzieren, gibt übrigens die Meinung des Optimum Population Trust (OPT) wider. "Der Planet kann keine weiteren Menschen brauchen", heißt es auf der OPT-Homepage. Man wolle, dass das Vereinigte Königreich der Welt ein Zeichnen setzt: die Einführung einer nationalen Bevölkerungspolitik. Zuerst soll die Bevölkerungszahl auf ein "umweltverträgliches Maß" gesenkt werden, dann soll dieses Niveau durch ein Nullwachstum gehalten werden.

Nach Schätzungen der britischen Regierung leben derzeit 60,2 Millionen in Großbritannien. Im Jahr 2074 sollen es etwa 70,7 Millionen Menschen sein. Ein Plus von zehn Millionen in Großbritannien: Das sind Peanuts angesichts des prognostizierten globalen Bevölkerungswachstums um 2,6 Milliarden Menschen bis 2050. Der jüngsten Uno-Hochrechnung zufolge leben heute 6,6 Milliarden Menschen auf der Welt, 2050 sollen es 9,2 Milliarden sein.

Übrigens: Großbritannien hält den Europa-Rekord der Teenager-Schwangerschaften.

fba



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