Ausgegraben

Ausgegraben Dänische Perlen aus der Werkstatt des Pharaos 

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National Museum Denmark

Was haben Pharao Tutanchamun und eine bronzezeitliche Frau, die im dänischen Ølby bestattet wurde, gemeinsam? Beide bekamen Bernstein und blaues Glas mit ins Grab.

Die Geschichte begann im Keller des Moesgaard Museums im dänischen Aarhus mit einem kleinen grauen Pappkarton. Kuratorin Jeanette Varberg hatte ihn auf der Suche nach Fundstücken für eine neue Ausstellung aus dem Magazinregal gezogen. Darin lagen drei Perlen: eine große türkisfarbene und zwei kleine dunkelblaue. Aus einer Urne in einem Grabhügel in Tolstrup würden sie stammen, war in den Akten vermerkt. Gefunden wurden die Perlen von einem Bauer namens Christoffersen im Jahr 1892. Genau 26 Kronen habe das Museum Christoffersen für seinen Fund gezahlt. Varberg suchte weiter und fand noch mehr dieser Perlen in den Pappkartons des Museums.

Perlen aus Mesopotamien

Hielt man sie gegen das Licht, schien die Sonne durch das dunkelblaue Material - es musste sich also um Glas handeln. Aber die Herstellung von blau gefärbtem Glas überstieg die Fähigkeiten bronzezeitlicher Handwerker in Dänemark. "Diese Perlen hätte es so nicht geben dürfen", sagt Varberg in der dänischen Tageszeitung "Politiken". "Sie waren mir ein Rätsel." Also begann die Kuratorin, ihre Kollegen zu fragen - und erhielt jede Menge Antworten, die sich alle widersprachen. Vielleicht kamen sie aus Italien? Der Schweiz? Keiner wusste irgendetwas Genaues.

Schließlich wandte Varberg sich an den französischen Glasspezialisten Bernard Gratuze in Orléans. "Das kann nicht sein", war dessen erste Reaktion. Blaue Glasperlen in der dänischen Bronzezeit? Die müssen viel jünger sein!

Fingerabdruck zeigt die Herkunft

Gratuze willigte ein, sich die Sache mal näher anzusehen. Und jetzt war es Varberg, die seiner Antwort nicht glauben mochte: Die Perlen stammten aus Mesopotamien, der heutigen Region des Irak und Syriens. In der aktuellen Ausgabe der archäologischen Zeitschrift "Skalk" haben Varberg, ihr Kollege Flemming Kaul vom Nationalmuseum in Kopenhagen und Gratuze die Ergebnisse ihrer Forschungen an insgesamt 23 Glasperlen veröffentlicht: In der Bronzezeit war Dänemark offenbar Teil eines weitreichenden Handelsnetzwerkes, an dessen anderem Ende die großen Global Players ihrer Zeit saßen.

Mit Hilfe von Plasmaspektrometrie konnte Gratuze die chemischen Fingerabdrücke und damit die Herkunft der Glasperlen bestimmen, denn die Zusammensetzung der Spurenelemente ist für jeden Ort der Erde einmalig. Alle Perlen aus den dänischen Gräbern ließen sich nur zwei Orten zuordnen. 21 stammen aus Nippur in Mesopotamien, rund 50 Kilometer südöstlich von Bagdad gelegen. Die zwei anderen aus Ägypten. Möglicherweise kommen sie sogar aus Armana. "Es ist ein faszinierender Gedanke, dass die Glasperlen aus Dänemark vielleicht sogar in derselben Werkstatt hergestellt wurden wie die berühmte Totenmaske des Tutanchamun", schreiben die Forscher.

Eine der ägyptischen Perlen stammt aus dem Grab einer Frau, die in der Bronzezeit in Ølby bestattet wurde. Sie lag in einem ausgehöhlten Baumstamm, trug eine wunderschöne Gürtelschnalle, einen Rock, an dem kleine Bronzeröhrchen klingelten, und ein Oberarmband aus Bernstein - mit der blauen Glasperle dazwischen. Und damit gleichen ihre Grabbeigaben auf erstaunliche Weise denen des ägyptischen Pharaos. Der hatte nämlich nicht nur blaues Glas im Grab - sondern auch Bernstein von der Ostseeküste.

Perlenzauber im Lichtschein

Vielleicht, vermutet Varberg, waren Bernstein und Glas für die Menschen der Bronzezeit ähnlicher, als wir sie heute sehen. Das Duo Bernstein-Glas war in der Bronzezeit sehr populär, Archäologen stoßen immer wieder darauf. Im Nahen Osten, in der Türkei, in Griechenland, in Italien, in Deutschland und in Skandinavien gaben die Menschen ihren Toten ausgerechnet diese beiden Materialien mit ins Grab.

Und eines haben sie tatsächlich gemeinsam: Hält man sie gegen das Licht, scheint es hindurch. Varberg, Kaul und Gratuze glauben, dass sowohl Bernstein als auch Glas eine Rolle im Kult des Sonnengottes spielten - der im hohen Norden ebenso populär war wie an den Ufern des Nils. Sicher ist jedenfalls, dass Bernstein und blaues Glas in den Jahren zwischen 1400 und 1100 vor Christus auf derselben Route gehandelt wurden: der Bernstein von Norden nach Süden und das Glas in entgegengesetzter Richtung.

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12 Leserkommentare
ygrek 17.01.2015
blaubärt 17.01.2015
carahyba 17.01.2015
rudi.waurich 17.01.2015
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lemmuh 19.01.2015

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