Wissensexplosion Keine Ahnung? Ist doch keine Schande!

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass es einfach mehr zu wissen gibt, als Sie persönlich verdauen können? Das stimmt, aber Sie sind nicht allein.

Zentralbibliothek der Universität Bayreuth
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Eine Kolumne von


"Es gibt nun keinerlei praktisches Hindernis mehr, das der Schaffung eines effizienten Index allen menschlichen Wissens, aller Ideen und alles Erreichten, also eines vollständigen planetaren Gedächtnisses für die gesamte Menschheit entgegenstünde."

H.G. Wells, "World Brain: The Idea of a Permanent World Encyclopaedia" (1937)

Ich persönlich habe so gut wie keine Ahnung von Fußball. So, jetzt ist es raus. Menschen, die mich näher kennen, wissen das in der Regel und vermeiden deshalb netterweise die peinlichen Situationen, die entstehen, wenn man versucht, sich mit mir beispielsweise über die aktuelle Abwehrkonstellation des VFL Wolfsburg zu unterhalten.

Aber gelegentlich ist meine erschreckende Unkenntnis in Sachen Bundesliga und mein höchstens zu bestimmten Anlässen mal aktualisiertes Wissen über die Belange der Nationalmannschaft ein echtes Problem. Das Gesprächsthema, das, mindestens unter Männern, eigentlich immer geht, ist mir weitgehend verschlossen.

Mittlerweile gehe ich mit diesem Makel relativ offen um, so wie andere sich irgendwann freimütig dazu bekennen, auf Intimrasuren zu verzichten oder noch im Erwachsenenalter ein Faible für Kinderhörspiele zu haben. Irgendwann ist man alt genug, sich von den ungläubigen bis mitleidigen Blicken der anderen nicht mehr allzu sehr irritieren zu lassen.

Fragen Sie mich bitte nicht nach Ribéry

Umgekehrt bemühe ich mich, bei anderen Menschen so weit wie möglich darauf zu verzichten, irgendwelches Wissen über irgendwelchen Themengebiete vorauszusetzen, mit denen ich mich zufällig besser auskenne als mit Fußball. Sollten sie mich mal dabei erwischen, wie ich so etwas sage wie "Wie, Sie wissen nicht, was ein neuronales Netz ist?", weisen Sie mich bitte ohne Scheu zurecht. Ich will ja auch nicht, dass Sie von mir verlangen, dass ich weiß, wie Franck Ribéry gerade drauf ist.

Tatsächlich sind Fußball, Kinderhörspiele oder Hygienetrends nur ein winziger Ausschnitt der unfassbaren Vielfalt von Dingen, von denen Menschen der Meinung sind, es sei von Wert, sich damit auszukennen. Und der Meinung, dass dieses Auskennen sie schon auch berechtigt, auf die anderen, die sich weniger auskennen, ein bisschen herabzublicken. Klassische Musik, internationale Politik, Single-Malt-Whisky, heimische Tierwelt, moderne Lyrik, soziologische Theorien, Rotweine, aktuelle US-Fernsehserien, Gentechnik, Gitarrenpop, Kunstfilme, Meeressäuger, soziale Bewegungen in Afrika, Gentechnik, Quantenphysik, Tanztheater, Schnurkeramik. Und so weiter. Alles Themen von Wert, kein Zweifel.

"Sie wissen nicht, wer Taylor Swift ist??"

Für all diese und eine nahezu unbegrenzte Zahl weiterer Themen gibt es Auskenner, die andere Auskenner gern mit ihrem Wissen beeindrucken und ein bisschen mitleidig auf all jene herabblicken, die sich nicht auskennen. Das reicht bis hin zu betretenem Schweigen und Fremdscham. "Was, Sie wissen nicht, wer Taylor Swift ist??"; "Sie wissen nicht, wer Berlioz war??"; "Sie wissen nicht, wer Owomoyela ist??".

Falls Sie auch das Gefühl haben sollten, dass dieses Problem in letzter Zeit schlimmer wird: Es geht nicht nur Ihnen so. Das liegt daran, dass das gesammelte Wissen der Menschheit ständig zunimmt, und natürlich auch das, was ich persönlich lieber sogenanntes Wissen nennen würde. Immer mehr Menschen arbeiten mit immer mächtigeren Werkzeugen an dieser Informationsexplosion mit. Nobelpreisträger, Börsenanalysten, YouTuber, Sportreporter.

Nehmen wir die Wissenschaft einmal als Beispiel, weil das Zählen hier vergleichsweise einfach und die Relevanz vermutlich weniger strittig ist als beim Thema Taylor Swift. Einem großen Fachverband für wissenschaftliche Publikationen zufolge wächst die Anzahl pro Jahr veröffentlichter Fachartikel jährlich um etwa drei Prozent - und zwar schon seit zweihundert Jahren. 2014 erschienen etwa 2,5 Millionen Stück.

Was haben wir nicht alles schon vergessen

Vermutlich steht in sehr vielen davon nicht viel, das für die Menschheit als Ganzes von großem Belang wäre, aber wer weiß das schon? Die Menge des in den Köpfen aller gegenwärtig lebenden Menschen gespeicherten Wissens macht zweifellos nur noch einen kleinen Bruchteil des in Archiven, Bibliotheken, Datenbanken und anderswo gespeicherten Wissens aus. Wer mit einer plausibel begründeten Schätzung aufwarten kann, wie dieses Verhältnis - verfügbares Wissen versus aktuell von Menschen Gewusstes - aussieht, ist herzlich eingeladen, in den Kommentaren einen Hinweis zu hinterlassen.

Lesesaal der New York Public Library
REUTERS

Lesesaal der New York Public Library

Natürlich ist dieses Phänomen alles andere als neu. Die Zeit der Universalgenies, die alles aktuell relevante Wissen in im Kopf hatten, endete vermutlich mit Leonardo da Vinci oder irgendwann in dieser Gegend. Heute aber vergrößert sich die Diskrepanz zwischen dem Wissbaren, dem aktuell von Menschen Gewussten und dem, worauf wir alle uns als wissenswert einigen können, täglich weiter. Früher galt als gebildet, wer Goethe und Kant gelesen hatte. Kann heute noch als gebildet gelten, wer die Heisenbergsche Unschärferelation nicht erklären kann?

Ein Zustand permanenter Überforderung

Wir alle leben in einem Zustand permanenter Überforderung, was das angeht, was man früher Allgemeinbildung nannte. Und damit meine ich jetzt nicht nur meine eigene Ignoranz in Sachen Bundesliga. Ich persönlich finde zum Beispiel, dass es heute wichtiger ist, zu wissen, was CRISPR/Cas9 ist, als Gedichte von Eduard Mörike zu kennen, aber selbstverständlich gibt es Leute, die das völlig anders sehen.

Glücklicherweise bietet das Internet, das an dieser Wissensexplosion natürlich mitschuld ist, auch Lösungsansätze. Sowohl Mörikes in meinen Augen überschätztes "Frühlingserwachen" als auch eine kurze Erklärung von CRISPR/Cas9 ist heute nur noch eine Websuche weit entfernt.

Wissen Sie noch, wann Sie sich das letzte Mal mit Bekannten über irgendeine Faktenfrage gestritten haben? Vermutlich nicht, weil Debatten über Napoleons Todestag oder den Bundesliga-Torrekord heute mit jedem Smartphone binnen Sekunden beendet werden können. Auch wenn nicht einmal das Internet bislang auch nur annähernd alles Menschheitswissen enthält. Da irrte H.G. Wells.

Der Luxus dieser trotzdem ziemlich guten Faktenmaschine enthebt uns aber nicht der Frage, welches Wissen künftig noch als allgemeinverbindlich und welches als optional zu betrachten ist. Auf jene, die Lehrpläne für Schulen und Hochschulen entwickeln, aber auch auf die Gesellschaft als Ganzes kommen herausfordernde Zeiten zu. Klar ist nur: Faktenwissen wird in dieser Welt zwangsläufig weniger wichtig als Fertigkeiten wie das Finden, Bewerten, Einordnen und Verknüpfen solcher Fakten.

Ein gesellschaftlicher Konsens über etwas so Fundamentales wie einen verbindlichen Bildungskanon war schon immer eine Herausforderung. In einer Zeit exponentiellen Wandels aber verwandelt sich dieser Kanon, wenn er sinnvoll bleiben soll, in ein bewegliches Ziel.

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insgesamt 49 Beiträge
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lathea 26.11.2017
1. Es gibt heute zum Glück....
.... auch die Wikipedia und zur Not noch Siri, Alexa & Co. Es war ausserdem schon immer wichtiger, zu wissen, in welchem Buch man kurz nachschlagen kann. ;-)
bapon1 26.11.2017
2. Es ist nicht das Gleiche
Um von Nachrichten auf komplexere Erkenntnisse, z. B. in Politik oder Geschichte zu kommen, muss man in der Lage sein, die Nachrichten sinnvoll mit vorhandenem Wissen zu verknüpfen. Soweit Einigkeit. Dies geht einem aber leichter und daher auch öfter von der Hand, wenn nicht jegliches potentiell relevantes Wissen zur Nachricht erst noch zusammengeklickt werden muss. So sehe ich aber die Tendenz.
WurstInspektor 26.11.2017
3. Von was haben wir schon Ahnung?
...geschweige denn Wissen? Weiss wirklich im Alltag jeder wie Elektrizität wirklich funktioniert? Ich meine das physikalische Basiswissen? Wess wirklich jeder im Alltag wie Computer wirklich funktionieren? Selbst "Experten" betrachten nur Teilausschnitte und sind sofort überfordert wenn Probleme auf einer tieferen Ebenen (Prozessorarchitektur, Compilerkonfiguration etc.) auftauchen. Weiss wirklich jeder im Alltag wie unsere Gesellschaft funktioniert in allen Details und in allen möglichen Konstellationen? Wer weiss schon genau wie Wirtschaft funktioniert. Niemand. Deshalb werden wir alle paar Jahre von Krisen "überrascht" Verwechseln wir nicht ständig Modell und Realität weil wir das Modell für die Realität halten und unsere diffuse Vorstellung davon bis aufs Blut verteidigen? Je älter ich werde und je mehr ich weiss ist mir eins klar geworden. Mein stärkstes Argument und meine grösste Gewissheit ist die, dass ich fast gar nichts weiss. Und das ist wirklich keine Schande sondern die absolute Normalität. VG
chefkommentator 26.11.2017
4. Allgemeinbildung vs. Fakten
Es gibt nicht nur Fakten, deren Umfang ständig steigt. Es gibt auch Gesetze, Regeln, Formeln, Tabellen, abgeleitete Trends usw., die einen Faktenwust verständlich und überschaubar machen. Z.B. muss man in der Geschichte nicht alle Fakten kennen, wohl aber sollte man die Abfolge von Epochen, die geographische Lokalisation von Kulturen und deren herausragende Vertreter kennen. In der Physik ist es nicht wichtig, die Heisenbergsche Unschärferelation zu kennen, wohl aber, dass es in der Welt der kleinsten Teilchen nur eine eingeschränkte Kausalität gibt. usw. Im Bildungskanon einer Gesellschaft wird das "für Alle" wichtige Wissen zusammengefasst, zumindest sollte es so sein.
herr_soundso 26.11.2017
5. - verfügbares Wissen versus aktuell von Menschen Gewusstes -
Das Wissen das alle derzeit lebenden Menschen haben ist deutlich größer als alles niedergeschriebene und sowohl analog wie auch digital gespeicherte Wissen weltweit. Dieser Sachverhalt ist so offensichtlich, die Frage nichtsdestotrotz wichtig, denn interessant ist eigentlich, wie so eine Verhältniszahl eigentlich zu interpretieren ist. Danke für den Kommentar, die Beobachtungen können treffender kaum sein.
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