Kreativität Wie Mathematiker auf geniale Gedanken kommen

Sie bohren die ganz dicken Bretter und scheitern dabei immer wieder. Zehn Mathematiker verraten, was sie machen, wenn sie nicht mehr weiterwissen - und wo sie ihre besten Ideen bekommen.

SPIEGEL ONLINE

Aus Heidelberg berichtet


Mathematiker - sind das nicht weltfremde, introvertierte Einzelgänger, die den ganzen Tag allein über Dinge grübeln, die kein Mensch versteht? Die ganz Besessenen haben sogar einen Tick und werden vom vielen Denken eines Tages wahnsinnig.

Wie wenig die gängigen Klischees über Mathematiker mit der Wirklichkeit zu tun haben, kann man derzeit in Heidelberg beobachten. In der Neuen Universität haben sich 200 Nachwuchsforscher versammelt, um von hoch dekorierten Mathematikern und Informatikern zu lernen, wie man ein erfolgreicher Wissenschaftler wird.

Die Vorträge auf dem Heidelberg Laureate Forum sind spannend - noch wichtiger aber ist das, was in den Pausen geschieht oder abends in den Kneipen der Altstadt. Dann diskutieren 22-jährige Studenten mit betagten Koryphäen. Turing-Preisträger und Fields-Medaillisten plaudern aus dem Nähkästchen. Die angeblich so scheuen Nerds betreiben intensives Networking.

Heidelberg Laureate Forum: Nachwuchsforscher treffen Koryphäen
Heidelberg Laureate Forum Foundation / Kreutzer

Heidelberg Laureate Forum: Nachwuchsforscher treffen Koryphäen

Der permanente, intensive Austausch mit Kollegen ist für Mathematiker essenziell, wenn sie in ihrem Fachgebiet vorankommen wollen. Sie versuchen immer wieder, Probleme zu lösen, bei denen mitunter niemand weiß, ob sie überhaupt lösbar sind. So geraten sie regelmäßig an Punkte, wo scheinbar nichts mehr geht.

"Ich muss meinen Doktoranden immer wieder klar machen, dass es völlig normal ist, wenn sie vor einem Problem stehen und nicht mehr weiterwissen", sagt Martin Hairer. Der Stochastik-Experte aus Österreich bekam 2014 in Seoul die begehrte Fields-Medaille, die renommierteste Auszeichnung für Mathematiker bis zum Alter von 40 Jahren. Wichtig sei, geduldig zu bleiben und nicht den Mut zu verlieren, betont Hairer.

Was aber tun Mathematiker, wenn sie sich in ein Problem verbissen haben und keine Lösung in Sicht ist? In welchen Situationen erleben sie den berühmten Heureka-Moment, in dem ihnen die rettende Idee wie aus dem Nichts erscheint?

Zehn Wissenschaftler, die zum Heidelberg Laureate Forum gekommen sind, verraten ihre Tricks. Klicken Sie sich durch die Fotostrecke:

Fotostrecke

10  Bilder
Heureka-Momente: Zehn Mathematiker berichten

Wie Kreativität entsteht, ist natürlich auch seit Langem Gegenstand der Forschung. Der französische Mathematiker Jacques Hadamard etwa hat schon vor mehr als 60 Jahren untersucht, wie mathematische Entdeckungen entstehen. Er wertete dabei unter anderem Schilderungen von Henri Poincaré und von Albert Einstein aus. In seinem Essay "The Psychology of Invention in the Mathematical Field" unterschied Hadamard vier Phasen der Entdeckung:

  • Präparation: Forscher durchdenken das Problem aktiv im Bewusstsein und suchen nach einer Lösung.
  • Inkubation: Falls man nicht sofort eine Lösung findet, arbeitet das Unterbewusstsein weiter am Problem, auch wenn man sich gerade mit ganz anderen Dingen beschäftigt.
  • Illumination: Eine im Unterbewusstsein entwickelte Lösung erscheint im Bewusstsein, die Forscher erleben einen Aha-Effekt (Heureka).
  • Verifikation: Die intuitiv gefundene Lösung wird überprüft. Nicht immer funktioniert eine Idee dann auch tatsächlich.


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.