Meinungsbildung in Netzwerken Am Anfang ist die Illusion

Wie entstehen Revolutionen im Zeitalter digitaler Netzwerke? Womöglich durch eine Illusion, mutmaßen Forscher. Wer gut vernetzt ist, kann anderen eine Massenbewegung vorgaukeln. Und plötzlich marschieren alle los.

Proteste in Tunesien 2011: Warum sahen die jungen Menschen eine Möglichkeit zum Wandel, aber nicht die älteren?
DPA

Proteste in Tunesien 2011: Warum sahen die jungen Menschen eine Möglichkeit zum Wandel, aber nicht die älteren?


Arabischer Frühling 2011: Junge Menschen gehen in Tunesien auf die Straße, sie kämpfen für ein besseres Leben. Erst als die Bewegung wächst, fassen auch die Älteren Mut, sich anzuschließen.

Warum sahen die Jungen eine Möglichkeit zum Wandel, aber nicht die Älteren? Eine Ursache glauben Netzwerkforscher entdeckt zu haben: Die Jungen könnten sich eingebildet haben, die Mehrheit der Menschen stünde hinter ihnen - sie unterlagen demnach der sogenannten Mehrheitsillusion.

Menschen orientieren sich an der Mehrheit. Doch was sie als Mehrheit wahrnehmen, werde verzerrt, etwa durch soziale Netzwerke, sagt Kristina Lerman von der University of Southern California: "Unter bestimmten Voraussetzungen kann eine Minderheitenmeinung extrem populär erscheinen."

Das liegt an der Struktur von Netzwerken: Die Nutzer kennen nicht alle Teilnehmer, sondern nur einen Teil - jene Menschen, mit denen sie verbunden sind. Aus dem, was die Mehrheit ihrer Freunde macht, schließen sie, was die Mehrheit der Teilnehmer macht. Sie sind dann auch eher bereit, sich dieser gefühlten Mehrheit anzuschließen.

Wenn wenige kontaktfreudige Personen in sehr vielen Freundeslisten auftauchen, ist der Effekt besonders stark. Diese Personen dominieren die Freundeslisten, sie können sogar mehr als die Hälfte der Kontakte ausmachen. Sie seien es, die bestimmten, was als Mehrheit wahrgenommen wird, schreiben Lerman und ihre Kollegen in einer Studie.

Wie die Mehrheitsillusion funktioniert, zeigen diese Netzwerke: Sie bestehen aus 14 Teilnehmern (Knoten), die verschieden stark miteinander verbunden sind. Beide Netzwerke sind identisch, jedoch wurden drei verschiedene Knoten rot angemalt. Die Farbe steht für eine besondere Eigenschaft, etwa eine abweichende Meinung dieses Teilnehmers. Im linken Bild ist jeder weiße Knoten mit mehr roten als weißen Knoten verbunden. Aus der Perspektive dieser Knoten ist die Mehrheit im Netzwerk rot, obwohl die roten Knoten insgesamt in der Minderheit sind. Im rechten Bild hingegen sehen nur wenige Knoten einen roten Knoten. Der Unterschied zwischen beiden Netzwerken ist, dass im linken Bild die am stärksten vernetzten Knoten rot eingezeichnet wurden.
USC

Wie die Mehrheitsillusion funktioniert, zeigen diese Netzwerke: Sie bestehen aus 14 Teilnehmern (Knoten), die verschieden stark miteinander verbunden sind. Beide Netzwerke sind identisch, jedoch wurden drei verschiedene Knoten rot angemalt. Die Farbe steht für eine besondere Eigenschaft, etwa eine abweichende Meinung dieses Teilnehmers. Im linken Bild ist jeder weiße Knoten mit mehr roten als weißen Knoten verbunden. Aus der Perspektive dieser Knoten ist die Mehrheit im Netzwerk rot, obwohl die roten Knoten insgesamt in der Minderheit sind. Im rechten Bild hingegen sehen nur wenige Knoten einen roten Knoten. Der Unterschied zwischen beiden Netzwerken ist, dass im linken Bild die am stärksten vernetzten Knoten rot eingezeichnet wurden.

Die Forscher untersuchten drei verschiedene Netzwerke - ein Netzwerk von Physikern, den Internetdienst Digg sowie Verknüpfungen zwischen politischen Blogs - und konnten nach eigenen Angaben in allen die Mehrheitsillusion beobachten. Besonders stark war der Effekt bei den politischen Blogs: Hier konnten die Forscher eine Gruppe von 20 Prozent der Nutzer identifizieren, die bei 60 bis 70 Prozent der Teilnehmer die Mehrheit ihrer Kontakte ausmachte.

Bei Twitter, wo viele Menschen einzelnen Prominenten folgen und selbst wenige Follower haben, sollte der Effekt stärker sein als bei Facebook, wo die Kontakte stärker durchmischt sind, meinen die Forscher. Auch außerhalb von Online-Netzwerken dürfte der Effekt auftreten, sagt Lerman. Sie geht davon aus, "dass die Mehrheitsillusion überall auftaucht und unsere soziale Wahrnehmung meistens beeinflusst".

Die Forscher sehen in dem Phänomen auch eine mögliche Erklärung für den Ausbruch des arabischen Frühlings. Denn an den politischen Verhältnissen hatte sich in den Ländern zuvor wenig geändert. Jedoch waren junge Menschen immer stärker in sozialen Netzwerken aktiv. Diese Netzwerke wurden zum Katalysator der Proteste.

"Da die Demonstranten wahrscheinlich besser sozial vernetzt waren, gaben sie den anderen das Gefühl, die meisten ihrer Freunde würden demonstrieren", sagt Lerman. Die Menschen fassten schneller Mut, aktiv zu werden, weil sich in ihrer Wahrnehmung die Mehrzahl der Menschen engagierte.

Aus der gefühlten Mehrheit wurde eine reale.

Mehr zum Thema


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Thomas Schnitzer 21.08.2015
1.
Der Effekt der lauten Scheinmehrheit ist aber nicht erst seit der Existenz sozialer Netzwerke bekannt, nach diesem Prinzip funktionierten bereits die bolschewistischen Revolutionen. Nur dass man damals die Scheinmehrheit mit gedruckter Propaganda erreicht hat. Deshalb handelt es sich bei dem Phänomen auch um einen der Gründe, warum in Deutschland Volksabstimmungen im GG nicht vorgesehen sind.
pallmall78 21.08.2015
2. Interessanter Artikel...
...mit einer groben Fehlbehauptung am Schluss. "Aus einer gefühlten Mehrheit wurde eine reale". Das in Bezug auf den arabischen Frühling? Diejenigen, die sich in den Ländern Nordafrikas und auch in Syrien aufgemacht haben, eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft analog zu denen bspw. in Westeuropa zu errichten hatten und haben keine flächendeckende reale Mehrheit in ihren Ländern. Selbst dort, wo freie Wahlen zumindest einmal stattfinden konnten, zeigt sich ein heterogenes Bild (Tunesien und Ägypten). In allen anderen Ländern konnten und können sich Extremisten verschiedener Couleur durchsetzen und überziehen die Region mit Chaos. Fazit: Das Gefühl der mehrheit anzugehören wird durch bspw. soziale Netzwerke verstärkt. Völlig richtig. Die Macht der Online-Kommunikationsmittel ist aber offenbar (noch) nicht so stark, dass sie über Multiplikatoren auch reale Mehrheiten schafft.
silverhair 21.08.2015
3. Ein wenig alt schon diese Erkenntnis.
Seit den Anfängen der Computer und Datenbanken wurden Netzwerke auch rein Informeller Art zu einem der Haupt untersuchungs Gebiete der Informatik und der Wirtschaftswissenschaften, von Datenbanken über Unternehmens und Wirtschaftstrukturen bis natürlich hin zum Aufbau und Handeln von Gruppen, dem was die NSA genauso macht wie Logistiker ,und dank der gigantischen Geschwindigkeit der Simulation solche Netzwerke in Computern bis in extreme Details untersucht! Es gibt dafür sogar einen eigene math. Wissenschaft, https://de.wikipedia.org/wiki/Operations_Research die sich mit diesen Strukturen befaßt, da sie bis tief in so ziemlich alle Bereiche der Realen Welt hinein reicht! Einen alten Spruch etwas angepaßt: Sag mir wie dein Netzwerk aussieht, und ich sage dir was du tust und mit wem!
forumgehts? 21.08.2015
4. Glatte
Fehleinschätzung bzw. Desinformation. Für eine Revolution braucht es nach wie vor Massen, die an derselben Stelle versammelt sind und von einem "begnadeten" Einpeitscher motiviert werden, los zu marschieren. Und das tut die Masse auch nur, wenn der Leidensdruck im Kessel die rote Marke überschritten hat. Denn auch in der Masse ist sich jeder selbst der nächste und setzt sich nur für etwas ein, wenn er glaubt, damit entsprechende Vorteile zu haben. Webschreihälse haben wir doch genug in Schland, aber tut sich was wirklich Ernstzunehmendes? Bis zB wir Foristen uns von unserem Laptop losgeist haben, ist schon wieder Abendbrot oder sonst ein wichtiger Hinderungsgrund, um auf die Strasse zu gehen. Und DA findet üblicherweise eine Revolution statt. Warten wir einfach auf die nächste Massenarbeitlosigkeit und-odachlosigkeit, dann werden wir sehen können, was wirklich Revolutionen auslöst und wo /wie die stattfinden.
silverhair 21.08.2015
5. Wieder mal nur proganda im Angebot?
Zitat von Thomas SchnitzerDer Effekt der lauten Scheinmehrheit ist aber nicht erst seit der Existenz sozialer Netzwerke bekannt, nach diesem Prinzip funktionierten bereits die bolschewistischen Revolutionen. Nur dass man damals die Scheinmehrheit mit gedruckter Propaganda erreicht hat. Deshalb handelt es sich bei dem Phänomen auch um einen der Gründe, warum in Deutschland Volksabstimmungen im GG nicht vorgesehen sind.
Im GG sind sie ausdrücklich sogar Vorgesehen. Das die Parteien . die eigentlich nur Nebenakteure im GG waren diese abgeschafft haben war nicht vorgesehen! Und Netzwerke sind keine Zentralistischen Meinungsverbreiter .. Medien, Politik , Drucken verteilt immer nur von oben nach unten. Wohingegen die Eigenschaft von Netzwerken ihre gegenseitige Beeinflussung auf vielen Ebenen darstellen! Egal ob es um die bolsch Revolution, die Feudalstaaten oder Kanzerleramt und Zeitungen geht, sie sind reine Zetralistische Propaganda Maschinen von Oben nach unten. Al-Quaida oder die Transatlantische Brücke sind dagegen Netzwerke, die sich dem Hierachischen Prinzip entziehen! Also mal einfach mit diesem Hass gegen andere aufhören, er erweist sich so leider auch nur als reine Propaganda!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.