Kreativität Wie kommen neue Ideen in den Kopf?

Kreativ sein möchte jeder - Wissenschaftler verhelfen per Computersimulation zu neuen Ideen. Ihre Theorie: Wird das Gehirn mit Neuem konfrontiert, wird das Denken wieder flexibel. Bas Kast hat es ausprobiert.

Von Bas Kast

Sina Bartfeld, Houten

Es ist ein kalter, sonniger Februarnachmittag, ich stehe in einem Laborraum der Universität Nimwegen, es kann losgehen. Der Computerprogrammierer Jeroen Derks hat mir soeben seine 30.000-Euro-Videobrille über den Kopf gestülpt. Mit den Augen befinde ich mich bereits in einer anderen Welt. Einer Welt, die dazu geschaffen wurde, meine allzu eingefahrenen, starren Denkstrukturen aufzulockern.

"Sind Sie bereit?", fragt eine Frauenstimme. Sie gehört Simone Ritter. Sie hat sich das Experiment, an dem ich gleich teilnehmen werde, ausgedacht. Die 33-Jährige ist Juniorprofessorin an der Universität Nimwegen. Ihre Forschungsmission besteht darin, herauszufinden, wie wir Menschen auf neue Ideen kommen. Was ist das Geheimnis der Kreativität? Vor allem: Lässt sich der schöpferische Prozess von außen anregen?

Derks hat mich per Knopfdruck in eine Computersimulation der Uni-Cafeteria versetzt. Ich wandere umher, sehe mich um. Links steht ein langer Holztisch mit Bierbänken, im Hintergrund die Theke mit Espressomaschine, rechts daneben ein Snackautomat. Fast bin ich versucht, mir einen virtuellen Cappuccino zu bestellen, da erblicke ich auf dem langen Holztisch einen Koffer, den ich mir genauer ansehen will. Komischerweise wird der Koffer, je mehr ich mich ihm nähere, immer kleiner. Als ich ganz nah bin und mir den Koffer schnappen möchte, verschwindet er. "Uups", sage ich enttäuscht.

Die Flasche steigt in die Luft wie ein Fesselballon

Als nächstes erscheint ein rotes Spielzeugauto auf dem Holztisch und auf dem Tischrand eine grüne 7up-Flasche. Abermals gehe ich zum Tisch, woraufhin das Auto auf die Flasche zufährt und sie umstößt. Ich springe zur Flasche, will sie auffangen, die Flasche jedoch fällt nicht zu Boden, sondern steigt in die Luft wie ein Fesselballon - und stößt schließlich an die Decke, wo sie hängen bleibt. Ich starre auf die schwebende Flasche. Was soll das?

"Na, wie fühlen Sie sich?", fragt Simone Ritter.

Wie ich mich fühle? Wie in einem Traum? Wie Alice im Wunderland? Die Realität ist absurd und das Absurde auf unheimliche Weise real geworden, was den Realitätssinn verunsichert wie ein Erdbeben den Gleichgewichtssinn. Ich nehme die Datenbrille vom Kopf. Ritter blickt mich mit einer Begeisterung an, als hätte sie ihr Experiment zum ersten Mal vorgeführt. "Wären Sie eine echte Testperson, käme jetzt der entscheidende Teil", sagt sie.

Ritter hat bereits Dutzende von Versuchspersonen in der virtuellen Kantine umherwandern lassen. Eine Gruppe erkundete eine Kantinenversion, in der sich alles ganz normal verhielt. Eine andere dagegen erlebte, wie ich, die Alice-im-Wunderland-Version. Der Hintergedanke: Wer wiederholt mit Situationen konfrontiert wird, die klar gegen die Erwartungen des Gehirns verstoßen, dessen Denkstrukturen (Fachjargon: "Schemata") werden systematisch aufgelockert. Das Gehirn wird dazu genötigt, neu zu denken, um sich einen Reim auf die ungewöhnlichen Erfahrungen zu machen.

Falls die Theorie also stimmt, müssten die Testpersonen aus der absurden Cafeteria einen Kreativschub erfahren. Um das zu prüfen, setzte Ritter die Teilnehmer nach dem Cafeteria-Ausflug einem kleinen Ideen-Test aus, und zwar der Frage: Was macht Geräusche? Die Aufgabe lautete, binnen zwei Minuten so viele Antworten wie möglich zu liefern.

Das Gehirn mit Ungewöhnlichem konfrontieren

Es kam so, wie Ritter es vermutet hatte: Die Teilnehmer aus der bizarren Cafeteria schnitten eindeutig besser ab. Ihre Ideen blieben nicht auf einige wenige Kategorien beschränkt (wie etwa Auto, Zug oder Flugzeug, die alle aus der Kategorie Verkehrsmittel kämen), sondern waren vielfältiger. So kamen die Testpersonen auch darauf, dass Insekten Geräusche von sich geben können, eine Uhr, fließendes Wasser oder Töpfe, die gegeneinanderstoßen. "Das Denken der Versuchspersonen aus der ungewöhnlichen Cafeteria verlief in mehr unterschiedliche Richtungen, es war flexibler geworden", sagt Ritter. Das Erlebnis "Schemaverstoß" hatte ihre Fantasie geweckt.

In den vergangenen Jahren haben Kognitionsforscher den schöpferischen Prozess genauer denn je unter die Lupe genommen. Eine Erkenntnis tritt dabei immer offenkundiger zutage: Entgegen dem Klischee ist Kreativität keineswegs eine Eigenschaft, die sich auf Künstler, Genies und Designer mit dicken Hornbrillen beschränkt. Jeder besitzt sie, man muss sie jedoch hervorzulocken wissen - etwa, indem man das Gehirn mit Ungewöhnlichem konfrontiert.

Ein praktisches Beispiel dafür wäre eine Reise ins Ausland. Wenn man so will, könnte man ein fremdes Land mit fremden Sitten als eine Art skurrile Riesenkantine charakterisieren: Wer sich dort hineinbegibt, wird wiederholt mit ungewöhnlichen, schemaschockierenden Erlebnissen konfrontiert - mit günstigen Auswirkungen aufs kreative Denken.

Mehrere Untersuchungen der vergangenen Jahre untermauern diese Vermutung. Tatsächlich gleicht ein längerer Auslandsaufenthalt einem regelrechten Kreativitätsintensivkurs. Die inspirierende Wirkung reicht selbst in Situationen hinein, die auf den ersten Blick nicht das Geringste mit multikultureller Erfahrung zu tun haben. Wie etwa beim Kerzenproblem.

Das Kerzenproblem klingt einfach: Vor Ihnen liegen eine Kerze, ein Streichholzmäppchen sowie eine Schachtel mit Reißnägeln. Ihre Aufgabe besteht darin, die Kerze an einer Wand zu befestigen, ohne dass dabei, wenn Sie die Kerze anzünden, Wachs auf den Boden tropfen würde.

Ein beträchtlicher Teil der Testpersonen gibt nach minutenlangem Nachdenken frustriert auf. Dabei erscheint die Lösung, wie so oft, total simpel, sobald man sie kennt.

Auf den Gedanken, die Schachtel mit den Reißnägeln in einen Kerzenständer umzufunktionieren, kommen je nach Studie zwischen 25 und gut 50 Prozent der Probanden.

Auslandserfahrung macht das Denken flexibler

Und was hat das mit einem Auslandsaufenthalt zu tun? Wie sich herausgestellt hat, lässt sich vorhersagen, wer das Kerzenproblem knacken wird und wer nicht. Dazu braucht man lediglich zu wissen, wie lange jemand im Ausland gelebt hat. Wie ein Forschungsteam der Business School Insead in Frankreich und der Northwestern University in den USA herausfand, wächst die Chance auf die Lösung des Kerzenproblems mit der Anzahl der Monate, die eine Person im Ausland studiert oder gearbeitet hat: Je größer die Dosis Auslandserfahrung, die jemand bekommen hat, desto flexibler dessen Denken.

Die Auseinandersetzung mit dem Ungewohnten wirkt erquickend auf unsere Hirnwindungen. Ein Umfeld, in dem unsere Annahmen und Gewohnheiten hinterfragt und erschüttert werden, regt das Denken an. Dabei ist das für uns Menschen wichtigste Umfeld zweifellos das soziale. Und auch da weisen die Forschungsergebnisse in eine ähnliche Richtung: Wer sich mit Menschen umgibt, die die eigenen Denkschemata erweitern und auch mal widerlegen, dessen Fantasie wird entfesselt.

Einige wertvolle Erkenntnisse dazu stammen von dem Soziologen Ronald Burt von der University of Chicago. Burt war vom US-Elektronikkonzern Raytheon angeheuert worden, um bei der Eingliederung neuer Firmen behilflich zu sein. Raytheon ist ein Unternehmen mit mehr als 60.000 Mitarbeitern und macht Jahr für Jahr zweistellige Milliardenumsätze.

Burt legte 673 Raytheon-Managern die Frage vor, wie man die Vorgänge in ihrem Arbeitsbereich verbessern könnte. Hunderte von Vorschlägen kamen so zusammen. Anschließend ließ der Wissenschaftler zwei Top-Manager sämtliche Ideen benoten, wobei nicht alle Mitarbeiter gleichermaßen gut wegkamen (unwirscher Kommentar von einem der beiden Top-Manager: "Ideen, die zu provinziell, unverständlich, vage oder zu weinerlich waren, habe ich nicht bewertet").

Die Scheu vor dem Unbekannten immer wieder überwinden

Wie Burt herausfand, erwies sich die Bandbreite der sozialen Kontakte als ausschlaggebende Inspirationsformel. Viele der Manager beschränkten ihren Austausch auf ihre Arbeitsgruppe, ihre Abteilung. Es gab aber auch Mitarbeiter, die mit anderen Abteilungen in regem Kontakt standen. Sie hatten meist die besten Einfälle.

Der Haken an der Sache ist, dass wir kaum etwas so sehr lieben wie Menschen aus unserer eigenen "Abteilung". Gleich und Gleich gesellt sich gern. So angenehm das für unser Ego sein mag - unserem Einfallsreichtum scheint diese Liebe zum Vertrauten im Wege zu stehen. Um unsere Fantasie auf Trab zu bringen, müssten wir stattdessen unsere notorische Scheu vor dem Unbekannten wohl oder übel immer wieder zu überwinden versuchen.

Der Text ist ein gekürzter Ausschnitt aus dem Buch "Und plötzlich macht es KLICK! Das Handwerk der Kreativität oder wie die guten Ideen in den Kopf kommen" von Bas Kast

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
stelzenlaeufer 18.04.2015
1.
Nägel durch die Kerze, dann die Kerze gerade an die Wand nageln, anzünden. Problem solved.
thelix 18.04.2015
2.
Zitat von stelzenlaeuferNägel durch die Kerze, dann die Kerze gerade an die Wand nageln, anzünden. Problem solved.
Leseschwäche? ^^
fuchsxyz 18.04.2015
3. Eigenwerbung
Hier bewirbt ein Autor sein eigenes Buch. Hoffen wir für ihn, dass sein Buch besser ist als sein Artikel.
GustavLecter 19.04.2015
4. Aber ja....
Nächste Woche soll einer von denen das Klo-Papier erfinden.
mintie 19.04.2015
5. Ungenau
Erst ist von einem Streichholzheftchen, dann von einer Streichholzschachtel die Rede. Zwar lässt sich auch aus ersterem was basteln, aber es ist schon ein wesentlicher Unterschied.
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