Ausgegraben

Residenz von König Blauzahn Archäologen legen neu entdeckte Wikingerburg frei

Danish Castle Centre

Plünderungen, Schlachten und die Einführung des Christentums - die Herrschaft von König Harald Blauzahn verlief stürmisch. Nun haben Archäologen eine weitere Burg des Wikingerführers entdeckt. Sie offenbart neue Details über dessen Lebens- und Kriegsführung.

Über Langeweile konnten sich die Wikinger Dänemarks in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts wahrlich nicht beklagen. Es gab England und die Normandie zum Plündern, dazu die Ländereien in Schleswig im Süden des Reiches, und das Heilige Römische Reich war immer ein willkommener Sparring-Partner für militärische Auseinandersetzungen. Dazu kam diese neue Religion, das Christentum, zu der sich Wikingerkönig Harald Blauzahn um 960 bekannte. Sein Sohn, Sven Gabelbart, konnte dafür nur wenig Verständnis aufbringen. Er führte, kaum dass er den Thron von seinem Vater übernommen hatte, die alten Götter wieder ein und jagte die Christen-Priester aus dem Land.

Aus diesen wilden Jahren, den letzten der Herrschaft Harald Blauzahns, haben Archäologen diesen Sommer auf dem Vallø Anwesen in der Nähe von Køge auf der Insel Seeland eine neue Burganlage entdeckt. Es ist die vierte Burg des sogenannten Trelleborg-Typs: ein kreisrunder Wall mit vier gleichmäßig verteilten Eingängen.

"Die Wikinger sind als Berserker und Piraten verschrien", erläutert Søren Sindbæk von der Universität Aarhus in einer Pressemitteilung. "Daher ist es für viele überraschend, dass sie auch in der Lage waren, großartige Befestigungsanlagen zu bauen. Die Entdeckung dieser neuen Wikingerburg ist eine einmalige Gelegenheit, neue Einblicke in die Kriegsführung und die Auseinandersetzungen dieser Zeit zu bekommen."

Zwei Eingänge freigelegt

Dass er auf Seeland eine weitere Burg Harald Blauzahns finden würde, hatte Sindbæk schon vermutet. Und dennoch: "Es war ein gutes Stück Detektivarbeit", erläutert der Archäologe. Auf dem Vallø Anwesen wurde er schließlich fündig: Dort, wo sich zwei alte Hauptstraßen kreuzen, und am Zugang zum Tal des Flusses Køge lag in der Wikingerzeit ein Fjord und einer der besten natürlichen Häfen Seelands. Gemeinsam mit Kollegin Nanna Holm vom dänischen Burgenzentrum hat Sindbæk die fast unsichtbare Erhebung in der Landschaft entdeckt.

Sicherheit lieferte schließlich die Geophysik: "Indem wir geringe Unterschiede im Magnetismus des Bodens messen, können wir archäologische Strukturen erkennen, ohne nach ihnen graben zu müssen", erklärt Sindbæk. "So erhielten wir innerhalb weniger Tage ein erstaunlich detailliertes Geisterbild der Burg und wussten dann genau, wo wir graben mussten."

Die gesamte Anlage konnten die Ausgräber noch nicht untersuchen - mit 145 Metern Durchmesser ist es ein riesiges Gelände. Aber immerhin zwei der Eingänge haben die Archäologen schon geschafft: Sie bestätigen eindeutig, dass die Burg zum Trelleborg-Typ gehört und damit aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls in den späten Regierungsjahren Harald Blauzahns um das Jahr 980 erbaut wurde.

Eingänge niedergebrannt

Warum Harald so viele Burgen brauchte, dazu hat die Forschung verschiedene Theorien parat: Sie könnten tatsächlich der Verteidigung gegen die Feinde von außen, gegen die Norweger, Schweden, Deutschen und Slawen gedient haben. Vielleicht sollten sie aber auch helfen, die innerpolitischen Unruhen zu bekämpfen. Die Datierung der übrigen Burgen hat gezeigt, dass Harald sie alle tatsächlich erst gegen Ende seiner Herrschaft bauen ließ, als immer wieder Aufstände, angefacht von seinem Sohn Sven Gabelbart, aufflammten.

Oder aber der Wikingerkönig verfolgte friedliche Zwecke mit seinen Burgen. Wie alle Herrscher jener Zeit hatte er keinen festen Regierungssitz, sondern zog mit seinem Gefolge von Ort zu Ort. Womöglich ließ er die Burgen als eine Art Königspfalz errichten. Bezeichnend ist auch, dass sie nicht direkt am Meer, sondern im Landesinneren an wichtigen Straßenverbindungen liegen - ideale Orte für die politische und wirtschaftliche Kontrolle des Landes.

Warum auch immer Harald Blauzahn die nun entdeckte Anlage auf dem heutigen Vallø Anwesen errichtete, gekämpft wurde dort auf jeden Fall. "Wir können sagen, dass die Eingänge zur Burg niedergebrannt wurden", berichtet Holm. "Am Nordtor fanden wir massive verkohlte Eichenbalken."

Und wahrscheinlich hat die Burg noch deutlich mehr zu erzählen. "Wir haben eine lange Liste ungeklärter Fragen", so Sindbæk. "Bislang hat die Ausgrabung schon viel mehr Erkenntnisse gebracht, als wir je zu hoffen wagten, aber es gibt noch so viel mehr zu lernen." Die nächste große Frage wird sein, ob im Inneren der Burg Gebäude standen, wie in den anderen Burgen des Trelleborg-Typs auch. Sindbæk kann es kaum erwarten: "Die Erkundung der Burg wird eine wunderbare Entdeckungsreise."



Diskutieren Sie mit!
19 Leserkommentare
gruenertee 09.09.2014
doitwithsed 09.09.2014
seneca55 09.09.2014
DerWeisseWal 09.09.2014
Layer_8 09.09.2014
jb283 09.09.2014
jujo 09.09.2014
schauschgamuwa 09.09.2014
trafozsatsfm 09.09.2014
kobalt666 09.09.2014
lh807 09.09.2014
chopperreidhere 09.09.2014
kreisklasse 09.09.2014
Linda14 09.09.2014
minsch 09.09.2014
minsch 09.09.2014
Miere 10.09.2014
Linda14 10.09.2014
joe_eis 18.09.2014

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.