Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Verbreitung des Christentums: Wie König Blauzahn die Wikinger zähmte

Von "National Geographic"-Autor Siebo Heinken

Wikinger: Nächstenliebe für die raubenden Nordmänner Fotos
Heiner Müller-Elsner/ National Geographic

Die Wikinger waren der Schrecken Europas - dann kam König Harald Blauzahn und brachte den Nordmännern das Christentum. Damit begann eine neue Zeitrechnung.

Es war eine wundersame Begegnung mit weitreichenden Folgen. Bei einem Gastmahl gerieten König Harald Blauzahn und der Priester Poppo darüber in Streit, wer die größere Macht habe: der Gott der Christen oder die Götter der Wikinger. Poppo war im heidnischen Norden unterwegs, um das Wort Christi zu verkünden. Doch der skeptische Herrscher wollte mehr als die Botschaft der Bibel. Gib mir einen Beweis! Worauf der Missionar ein glühendes Eisen in die Hand nahm, im Mittelalter eine verbreitete Methode, um vor Gericht die Wahrheit herauszufinden. Und tatsächlich, so berichten zeitgenössische Chronisten: Als Poppo die Hand hob, war sie unverletzt. Ein Zeichen Gottes! Mehr brauchte es nicht, um Harald zu überzeugen.

Mit seiner Taufe im Jahr 965 begann für Harald Blauzahn und die Wikinger eine neue Zeitrechnung. Seine Politik veränderte Skandinavien für immer und legte die Grundlage für die Königreiche des Nordens, wie es sie noch heute gibt.

Wohl kein Volk der europäischen Geschichte steht in so schlechtem Ruf wie die Nordmänner. Sie plünderten, wie es gefiel, mordeten, verbreiteten Angst und Schrecken von der Nordsee bis zum Mittelmeer. "Auf Viking fahren", so nannten sie diese Raubzüge, die der dänische Archäologe Ole Crumlin-Pedersen als frühen "Konflikt der Zivilisationen" bezeichnet: Die Nordmänner hielten sich an Odin und Thor - die Gebote und Verbote der Christen kümmerten sie wenig.

Und dann kam Harald Blauzahn und brachte ihnen das Christentum. Innerhalb weniger Jahrzehnte veränderte sich alles, was bis dahin einen stolzen Wikinger ausgemacht hatte.

Gefunden in
Das System von Wällen nahe der heutigen Stadt Schleswig trennte das christliche Europa vom Gebiet der Heiden, wo Harald Blauzahn zur gleichen Zeit herrschte. Im späten 8. Jahrhundert legten Wikinger am Ende der Schlei, einem 42 Kilometer langen Meeresarm im Süden der Halbinsel Jütland, einen Hafen und Handelsplatz an und nannten ihn Haithabu.

Schon früh kamen auch Missionare nach Haithabu. Die Wikinger waren bereit, sich zu Christus zu bekennen, wenn er ihnen einen Vorteil gegenüber den hergebrachten Gottheiten versprach - oder wenn Odin und Thor sie im Stich gelassen hatten.

Blauzahn wusste, dass er - wie andere europäische Regenten des frühen Mittelalters - mithilfe der Kirche seine Macht sichern und ausbauen konnte. "Das Christentum war in Skandinavien schon lange bekannt. Jetzt wurde es auch von der politischen Elite angenommen", sagt Mads Kähler Holst. Er war maßgeblich an der Erforschung von Harald Blauzahns Königshof in Jelling beteiligt: dem Symbol dieser neuen Zeit. Heute ist Jelling ein Dorf nahe der Stadt Vejle in Mitteljütland.

Harald Blauzahn führt das Christentum als neue Staatsreligion ein

Vor allem lenken zwei Runensteine vor der Kirche den Blick auf sich. Der größere hat drei Seiten. Und über alle Seiten zieht sich in Runenschrift der Satz: "König Harald gebot, dieses Denkmal zu machen im Andenken an Gorm, seinen Vater, und Thyra, seine Mutter. Jener Harald, der ganz Dänemark und Norwegen für sich gewann und die Dänen zu Christen machte."

Harald Blauzahn ließ diesen Runenstein zum Gedenken an seine Eltern aufstellen. Heute gilt er als Monument einer neuen Epoche. Es verbindet traditionelle Wikingerkunst mit christlichen Symbolen, bezieht sich auf Tradition und ruft gleichzeitig das Christentum als neue Staatsreligion aus.

Außenpolitisch sicherte das Christentum Harald Blauzahn die Anerkennung europäischer Königshäuser - und innenpolitisch die Macht. Die Kirchenverwaltung stellte dem König ihre Schreibkundigen zur Verfügung, half Steuern einzutreiben sowie ein neues Wirtschaftssystem aufzubauen.

Mit dem Schicksalsjahr 1066 endet das Zeitalter der Wikinger

Überliefert ist, dass Harald Blauzahn in einer Schlacht schwer verletzt und dann ins Exil nach Jomsburg gebracht wurde. Am 1. November 987 starb er. Der neue König war ein Krieger alten Typs. Sven Gabelbart nahm die Raubzüge der Wikinger wieder auf.

1013 bestieg er den englischen Thron. Nach seinem Tod schuf sein Sohn Knut der Große das sogenannte Nordseereich. 1035 wurde Knut in einer christlichen Kirche beigesetzt. Sieben Jahre später endete die Dänenherrschaft in England.

Um diese Zeit setzte sich das Christentum in ganz Skandinavien durch und wurde zur Staatsreligion der entstehenden Königreiche Norwegen und Schweden. Dann kam das Schicksalsjahr 1066. Slawische Truppen brannten Haithabu nieder. 1066 besiegte auch Wilhelm der Eroberer aus der Normandie, ein Nachfahr von Wikingern, in der Schlacht von Hastings den englischen König Harold Godwinson und begründete das normannische Königshaus.

Für Historiker endet mit diesem Jahr das Zeitalter der Wikinger. Deren großer König Harald Blauzahn gilt in Dänemark heute als Staatengründer, Jelling ist ein nationales Monument. Eine letzte große Ehre für Harald Blauzahn, mehr als tausend Jahre nach seinem Tod.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de/wikinger

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
SethSteiner 07.09.2014
Die Nordmänner (und Frauen) haben doch einen fabelhaften Ruf. Der Ruf der Christen ist denke ich deutlich schlechter, mit ihrer frauenfeindlichen Politik, ihren Verboten, der Verfolgung anderer Kulturen (dazu eben auch die der Wikinger) usw. usf..
2. Jütland
Charley Brown 07.09.2014
Haithabu liegt auf der Südseite der Halbinsel Angeln. Jütland endet südlich bei Fredricia!
3. immer noch in aller Munde...
kekse1975 07.09.2014
ist der gute Blauzahn auch noch heute. Nach ihm ist Bluetooth benannt weil er die Wikingerstämme verbunden hat
4. Britische Geschichtsschreibung
a.farkas 07.09.2014
Ja, ich weiß, die Briten haben den Krieg gewonnen. Aber ist das ein Grund, selbst 70 Jahre später noch britische Legenden zu verbreiten? Die Wikinger waren der Schrecken der Briten, Iren, sonst von niemandem. Deutschland (ja ja, ich weiß, seit 1945 gibt es Deutschland erst seit 1871) mieden sie wie der Teufel das Weihwasser. Der letzte Versuch eines Raubzuges ins Ostfränkische Reich (ich verkneif mir die Deutschtümelei ja schon) endete 880 in einer Niederlage gegen den sächsischen Fürsten Brun. In der nächsten Generation unterwarf König Heinrich I. Dänemark, womit dieses ein Vasallenstaat des Ostfrankenreiches war, mit der Bedingung, die deutsche *hust* ostfränkische Hoheit anzuerkennen und hinnehmen zu müssen, dass katholische Missionare dort Abteien bauten und missionierten. Nachdem eine weitere Generation später König Otto I. im Süden Italiens gegen die Sarazenen verlor, witterten die Dänen Morgenluft und rebellierten gegen die deutsche ähm ostfränkische Hoheit. Die Rebellion endete in einer Niederlage. Taufen ließ sich Blauzahn unter Zwang, nachdem er sich dem Heer Ottos unterworfen hatte. Die Devise hieß seit Karl dem Großen "Christentum oder Tod". Das "Poppo-Wunder" war Blauzahns Propaganda, die nur rechtfertigen sollte, dass der einstmals christenhassende Wikingerfürst nun selbst Christ war. Was hätte er sonst sagen sollen? Etwa: "Nun ja... Also, wenn nicht... die meinten das ernst, mit dem Kopf abschlagen!" ?? Ich wünsche mir endlich mal einen historisch akuraten Artikel über die Frühgeschichte Deutschlands. Aber dazu muss wohl noch eine weitere Generation vergehen. Letztendlich waren die Wikinger politisch betrachtet ein nahezu irrelevantes Piratengesindel, das einige Inselchen und Landstriche eroberte, aber die relevante Europapolitik des Mittelalters kaum tangierte. Auch Britannien war damals nur ein politisch, wie militärisch irrelevantes Inselchen irgendwo im Atlantik. Irrelevant natürlich nur, wenn man nicht selbst Engländer ist, und/oder England als ewigen Nabel der Welt betrachtet. Leider sind die englischen Legenden von den Wikingern zur Popkultur geworden. Aber wenn sie popkulturellen Mist verbreiten wollen, deklarieren sie es als Popkultur, und nicht als Historie. Das Hochmittelalter war einzig bestimmt von Ost- und Westfranken, Kaiser, Papst, dem abendländischem Schisma, den Sarazenen und den Bedrohungen aus dem Osten, von Awaren bis Magyaren. Wikinger? Eine aufgeblasene Geschichte eines Haufens Piraten, die unter dem Pantoffel der deutschen Könige standen.
5.
Fering 07.09.2014
Zitat von a.farkasJa, ich weiß, die Briten haben den Krieg gewonnen. Aber ist das ein Grund, selbst 70 Jahre später noch britische Legenden zu verbreiten? Die Wikinger waren der Schrecken der Briten, Iren, sonst von niemandem. Deutschland (ja ja, ich weiß, seit 1945 gibt es Deutschland erst seit 1871) mieden sie wie der Teufel das Weihwasser. Der letzte Versuch eines Raubzuges ins Ostfränkische Reich (ich verkneif mir die Deutschtümelei ja schon) endete 880 in einer Niederlage gegen den sächsischen Fürsten Brun. In der nächsten Generation unterwarf König Heinrich I. Dänemark, womit dieses ein Vasallenstaat des Ostfrankenreiches war, mit der Bedingung, die deutsche *hust* ostfränkische Hoheit anzuerkennen und hinnehmen zu müssen, dass katholische Missionare dort Abteien bauten und missionierten. Nachdem eine weitere Generation später König Otto I. im Süden Italiens gegen die Sarazenen verlor, witterten die Dänen Morgenluft und rebellierten gegen die deutsche ähm ostfränkische Hoheit. Die Rebellion endete in einer Niederlage. Taufen ließ sich Blauzahn unter Zwang, nachdem er sich dem Heer Ottos unterworfen hatte. Die Devise hieß seit Karl dem Großen "Christentum oder Tod". Das "Poppo-Wunder" war Blauzahns Propaganda, die nur rechtfertigen sollte, dass der einstmals christenhassende Wikingerfürst nun selbst Christ war. Was hätte er sonst sagen sollen? Etwa: "Nun ja... Also, wenn nicht... die meinten das ernst, mit dem Kopf abschlagen!" ?? Ich wünsche mir endlich mal einen historisch akuraten Artikel über die Frühgeschichte Deutschlands. Aber dazu muss wohl noch eine weitere Generation vergehen. Letztendlich waren die Wikinger politisch betrachtet ein nahezu irrelevantes Piratengesindel, das einige Inselchen und Landstriche eroberte, aber die relevante Europapolitik des Mittelalters kaum tangierte. Auch Britannien war damals nur ein politisch, wie militärisch irrelevantes Inselchen irgendwo im Atlantik. Irrelevant natürlich nur, wenn man nicht selbst Engländer ist, und/oder England als ewigen Nabel der Welt betrachtet. Leider sind die englischen Legenden von den Wikingern zur Popkultur geworden. Aber wenn sie popkulturellen Mist verbreiten wollen, deklarieren sie es als Popkultur, und nicht als Historie. Das Hochmittelalter war einzig bestimmt von Ost- und Westfranken, Kaiser, Papst, dem abendländischem Schisma, den Sarazenen und den Bedrohungen aus dem Osten, von Awaren bis Magyaren. Wikinger? Eine aufgeblasene Geschichte eines Haufens Piraten, die unter dem Pantoffel der deutschen Könige standen.
So ganz kann das aber mit Wikinger und nur England/Irland dann doch nicht stimmen Oder liegt Paris in England? http://de.wikipedia.org/wiki/Belagerung_von_Paris_(885–886) Und das ist nur ein Beispiel aus der Zeit nach 880. Und nach wem ist eigentlich die Normandie benannt?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Buchtipp

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: