Wikinger Reformstau im Drachenboot

Die Wikinger waren die größte Seemacht des frühen Mittelalters. Als Plünderer, Händler und Pioniere legten sie sich in die Riemen, wenn Profit lockte. Im dänischen Roskilde sind Archäologen den vergessenen Künsten ihrer Vorfahren auf der Spur.

Von Dirk Husemann


Wer sich in Skandinavien aufs Pferd setzt, stößt schnell an nasse Grenzen. Fjorde, Flüsse und Seen zwingen zu stundenlangen Umwegen. Das Pferd der Wikinger war das Schiff. Mit ihm ließen sich Distanzen schrumpfen und Länder erreichen, von denen niemand zuvor je gehört hatte.

Namensgeber: Drachenkopf am Nachbau eines Wikingerboots
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Namensgeber: Drachenkopf am Nachbau eines Wikingerboots

Vor den Nachbauten der Wikingerschiffe stehen Landratten und Seebären heute gleichermaßen beeindruckt. Kein Deckaufbau schützte vor Regen, Gischt und hohen Wellen. Da die Schiffe nur etwa einen Meter über die Dünung ragten, stand den Ruderern das Wasser ständig bis zum Hals. Für Gepäck oder Hygiene war an Bord kein Platz. Dennoch erreichten Drachenboote den Bosporus, die Balearen oder Neufundland und spieen Furcht erregende nordische Horden an Land. Das versunkene Wissen der Wikingeringenieure konnte bis heute nicht vollständig gehoben werden - so perfekt waren die Schiffe konstruiert.

Ein Berg alter Bretter

Vor Roskilde, der ehemaligen Königsstadt Dänemarks, plätschern die Wellen des stellenweise nur einen Meter tiefen Fjords. Hier liegt eine der bedeutendsten Fundstätten der Schiffsarchäologie. 1962 gab das Gewässer die Überreste von fünf Wikingerschiffen preis, denen die Dänen ein eigenes Museum errichteten. Als die Anlage 1996 erweitert wurde, stießen die Baggerschaufeln beim Ausheben des Hafenbeckens erneut auf Holz. Ein sensationeller Fund: Neun weitere Schiffe lagen im Schlick begraben, eines davon mit 36 Metern das längste jemals gefundene Drachenboot.

Warten vielleicht noch mehr Schiffe unter der Wasseroberfläche auf Bergung? "Ich bin mir fast sicher", sagt Morten Gøthche und überlegt einen Moment: "Aber ich hoffe es nicht." Der Kurator der Wikingerschiffshallen von Roskilde steht vor einer Lebensaufgabe. Die 1997 geborgenen Reste der Kähne Roskilde 1 bis 9 sind heute etwa zur Hälfte dokumentiert. Bis er sie alle vollständig erfasst hat, werden Jahre vergehen.

Die Schatztruhen des Roskilder Museums sind acht Meter lang und bis zum Rand mit Süßwasser gefüllt. In den Tanks lagern hunderte Holzstücke, die einmal stolze Schiffe waren und es wieder werden sollen - als konservierte Wracks im Trockendock einer Ausstellungshalle. Zwischen Splittern und Spanten tummeln sich jetzt Goldfische. Als natürliche "Staubsauger" reinigen sie das Wasser von Holz schädigenden Kleinstlebewesen. Sie sind nicht die einzigen Lebewesen hier. Das Holz selbst hat auch nach mehr als tausend Jahren noch einen lebendigen Kern und arbeitet - es schrumpft. Um das Material zu stabilisieren, tränken die Archäologen die Planken nach der Vermessung in Glykol. Doch dieses Verfahren lässt die Funde alt aussehen. Das Holz färbt sich grau. Mit Behandlungen in Vakuum- und Frosttanks gelingt es den Wissenschaftlern, die Glykolmenge zu reduzieren und die Farbe des Holzes natürlicher erscheinen zu lassen.

Wie aber baut man aus einem Berg alter Bretter ein Wikingerschiff zusammen? Gøthche und sein Team haben eine Idee, die von Pappe ist. Sie vermessen jedes Holzstück mit einer 3-D-Software. Schemenhaft schält sich aus der Datenmenge die Gestalt der Schiffe heraus. Ihre Maße werden nun in einem Modell aus Karton im Maßstab 1:10 nachgebaut. "Das Material ist elastisch, sodass wir noch am fertigen Schiff biegen und drehen können, bis es endgültig auf die Funddaten passt", erklärt der Museumskurator. Das archäologische Origami wird fixiert, erneut digitalisiert und kann nun vollständig am Computer rekonstruiert werden.

Seehengst und Lindwurm

Von der digitalen Theorie zur Rekonstruktion sind es nur wenige Schritte. Gleich vor der Tür des Labors liegt die Museumswerft. Hier riecht es nach Teeranstrich und frisch geschnittenem Holz. Zwischen den Hütten der Forschungsabteilung erwecken Schiffbauer ein Drachenboot zu neuem Leben. Es ist der Nachbau von "Skuldelev 2", dem 1962 gefundenen Langschiff, das seine gebogenen Steven in den Himmel reckt. Mit dieser Arbeit erlauben sich die Roskilder Archäologen einen weiteren Superlativ: Mit 28 Metern ist es das längste jemals rekonstruierte Wikingerschiff. Vier Jahre lang zimmerte ein Team traditioneller Schiffbauer an dem Lindwurm aus Eiche. Unter dem Namen Havhingsten fra Glendalough (Seehengst von Glendalough) lief das Schiff im September 2004 vom Stapel. 2007 wird sich eine Mannschaft mit dem neuen alten Drachenboot auf den Weg nach Dublin in Irland machen, wo einst das Holz für das Originalschiff gefällt wurde.

Schon die Arbeiten am Nachbau sind Reisen durch die wiedererweckte Zeit. Um das Experiment wasserdicht zu machen, sind ausschließlich Originalwerkzeuge im Einsatz. Dechsel, Äxte, Zieheisen und Löffelbohrer sind ebenfalls Rekonstruktionen, kleine Denkmäler wissenschaftlicher Akribie. Dem Forschungsteam genügte es nicht, für den Schiffbau Werkzeuge zu benutzen, wie man sie nur aus anderen Fundzusammenhängen kennt. Die Rekonstrukteure fotografierten die originalen Dübel und Planken der Roskildewracks, vergrößerten die Bilder und vermaßen die sichtbar gewordenen Bearbeitungsspuren. Damit hielten sie Schnittmuster in Händen, nach denen sich Beilklingen und Bohreisen schmieden ließen.

  • 1. Teil: Reformstau im Drachenboot
  • 2. Teil


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