Windeby: Geheimnis der Moorleichen gelüftet

2. Teil

Das tat Schlabow: Er rekonstruierte prähistorische Trachten und webte sie nach. Das Museum in Neumünster entwickelte er zum Textilmuseum.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Schlabow sogar noch die Konservierungsstätten im Archäologischen Landesmuseum in Schloss Gottorf. Unzählige Präparate zeugen bie heute von seinem Wirken.

Wenige Schritte weiter – in der Ausstellung nach dem ehemaligen "Mädchen von Windeby" – stößt man auf das nächste Corpus delicti: Die so genannten Götter von Braak sind die größten erhaltenen prähistorischen Holzplastiken Nordeuropas. Als Schlabow 1948 in Schleswig die Holzkonservierung übernahm, restaurierte er auch die beiden menschengestaltigen Figuren aus der Zeit um 400 v. Chr. Er ergänzte bei der männlichen Figur die fehlenden Brusteinsätze und bei der weiblichen eine Schamlippe.

Man mag ihm vielleicht noch den undokumentierten Ersatz der Körperteile von Moorleichen und Holzplastiken in den Nachkriegsjahren im Einzelfall nachsehen. Offenbar hat der umtriebige Konservator aber kaum einen wichtigen archäologischen Befund nicht auf die eine oder andere Weise verfälscht, wenigstens in seiner Zeit am Archäologischen Landesmuseum.

Keine Spur von Gewalt

So geht auch das Paradebeispiel für prähistorische Menschenopfer auf sein Konto. 1950 gelangte eine Säuglingsbestattung, die unter einer Feuerstelle bei Wilhelmshaven entdeckt worden war, mitsamt dem umgebenden Erdreich zur Untersuchung in sein Labor. Der Säugling war in ein Tuch eingewickelt. Neben ihm stand eine Urne.

1953 veröffentlichte Schlabow die sensationellen Ergebnisse: "Unter Hinzuziehung der Ärzte konnte bald erkannt werden, dass eine kleine Knochenreihe unter dem Schädel auf die Todesursache hindeutete", schrieb er. "Bei dieser kleinen Perlenreihe aus Knochen, die aus der Fleischmasse hervortritt, handelt es sich um Halswirbel. Diese liegen aber zum Rückgrat in verkehrter Ordnung. Jedenfalls kann so ein Mensch nicht leben."

Weiter berichtete der ehemalige Kunstmaler von einem Fadenbündel, das unter den restlichen Fleischteilen des Halses sichtbar geworden sein soll. "Die Lage des Strickes und die Schlingenbildung führen zu dem berechtigten Schluss, dass das Kind mit dieser Schnur erdrosselt worden ist." Doch damit nicht genug: Er entdeckte Rippenbrüche, die er für Indizien eines Herzstoßes hielt. Schlabows Schlussfolgerung: "Das Ergebnis der Untersuchung lässt ein Menschenopfer vermuten. Es dürfte der erste einwandfreie Nachweis einer solchen Handlung aus jener Zeit sein."

So wurde und wird es auch heute noch an archäologischen Seminaren gelehrt. Nach wie vor gilt diese Säuglingsbestattung als das Beispiel für ein Menschenopfer schlechthin. Doch auch damit wird bald Schluss sein: Laut einer Neuuntersuchung durch Wolf-Rüdiger Teegen (Universität Leipzig) und Michael Schultz (Universität Göttingen) ist ein natürlicher Tod des Säuglings am wahrscheinlichsten.

Für den Strick, mit dem das Kind erdrosselt worden sein soll, fand sich kein Nachweis, die Halswirbel sind erst nach dem Tod verdrückt worden. Und auch im Bereich der Rippen findet sich keine Spur von Gewaltanwendung. "Eine sorgfältige Befunderhebung und -dokumentation durch Schlabow hat nicht stattgefunden", so die beiden Wissenschaftler.

Die Liste solcher Manipulationen wird sich vielleicht schon bald fortsetzen lassen: Schlabow präparierte auch das so genannte Bauopfer aus der Wurt Tofting und Teile der Funde aus den berühmten Mooropferplätzen von Nydam und Thorsberg. In der Klassifizierung historischer Textilien hat mittlerweile die Diskussion um seine Rekonstruktionen ebenfalls begonnen.

Michael Gebühr schreibt unterdessen einen neuen Aufsatz über "sein" Mädchen. Er hat es satt, wieder und wieder denselben Fall aufzurollen. Deshalb hat er sich für das Eckernförder Jahrbuch etwas Besonderes einfallen lassen: "Das Windeby-Mädchen – Geschichte einer Beziehung" heißt das Manuskript, in dem er seine immerhin über dreißig Jahre währende wissenschaftliche Verbindung zu der Moorleiche darstellt: beginnend bei ersten Zweifeln im archäologischen Seminar, über die Widersprüche zwischen Akten und Grabungsbericht bis hin zu einem denkwürdigen Treffen mit Karl Schlabow.

Als Gebühr ihn 1978 zu Hause besuchte, waren Schlabow, der damals 88 Jahre alt war, die offenkundigen "Fehler" unerklärlich. Der Greis war von den Ausgrabungsbildern, die ihm da auf dem Kaffeetisch präsentiert wurden, überrumpelt. "Wo haben Sie bloß diese Fotos her?", soll er gefragt haben. Dabei hatte er selbst den Ausschnitt eines der Bilder in seinem Grabungsbericht gezeigt.

War der Mann ein Fälscher? – "Nein", da ist sich Michael Gebühr sicher. Er sieht in ihm eher einen Künstler – auf keinen Fall einen Wissenschaftler. Schlabows Rekonstruktionszeichnungen, wie die des Schädels von Osterby, und seine künstlerische Ausbildung legen dieses nahe. "Ich vermute", so Gebühr, "dass er einen Befund mit dem Auge des Künstlers sah und sein Werk mit künstlerischen Mitteln vollendete." Das Exponat der Moorleiche von Windeby ist solch ein Kunstwerk. Schlabow stopfte die Hülle aus und schuf damit ein Objekt, das heute nur noch bedingt Gemeinsamkeiten mit dem Befund im Moor hat.

"Als Künstler ist er unschuldig", urteilt Gebühr. Vielleicht war er wirklich nur fantasievoll und zugleich wissenschaftlich überfordert. Stattdessen geht Gebühr mit den Fachkollegen ins Gericht: "Eher sind diejenigen schuldig, die ihn als Wissenschaftler ernst nahmen und die ihm nicht die notwendigen Fragen zu den Widersprüchen gestellt haben, sondern ihn anscheinend sogar dazu veranlassten, eventuelle Skrupel zu vernachlässigen."

Selbst wenn die DNA-Proben kontaminiert sein sollten: Der Körperbau des "Mädchens von Windeby" lässt auf einen jungen Mann schließen. Fünfzehn bis siebzehn Jahre wurde der schmächtige, 1,65 Meter große Knabe wohl. Vielleicht starb er an einer – erst kürzlich festgestellten – Zahninfektion.

Trotz allem wird die Feige auch in der neuen Ausstellung bleiben. Nicht nur, dass die Hand fünfzig Jahre nach der Entdeckung kaum noch verändert werden kann. Sie ist ein Symbol dafür, wie sich eine ganze Forschergeneration vorführen ließ.


Thomas Brock ist Archäologe und Journalist. Er arbeitet unter anderem für das Hamburger Museum für Archäologie.

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Das Mädchen von Windeby: Rehabilitation einer Moorleiche