Windeby: Geheimnis der Moorleichen gelüftet

Sie nahmen ein grausames Ende. Als man vor einem halben Jahrhundert zwei Leichen aus einem norddeutschen Moor barg, fügten sich Funde und Fantasie scheinbar eindeutig zu einer Geschichte: von der Todesstrafe für zwei Ehebrecher. Nun haben Forscher die beiden rehabilitiert.

Es ist dunkel im dritten Geschoss von Schloss Gottorf. Tastend und sorgsamen Schrittes muss sich nun bewegen, wer die neu gestaltete Ausstellung "Menschen der Eisenzeit" besucht. Einzig die Vitrinen sind spärlich beleuchtet. In einer von ihnen liegt der so genannte Mann von Dätgen – oder besser das, was nach zwei Jahrtausenden noch von ihm übrig ist: Hautfetzen und Knochen. Zu Füßen des ausgestreckten Körpers liegt ein zerdrückter Kopf. Darauf sind Reste von Haaren zu erkennen.

Wenige Schritte weiter im älteren Teil der Ausstellung sind noch das "Mädchen von Windeby" und die "Männer von Rendswühren und Damendorf" gebettet. Fast anmutig liegt das Mädchen in seinem Glaskasten, wären da nicht die Details. Aus der Brust lugen einige Rippen hervor, die linke Seite des Beckens ist angehoben, darauf ruht die Hand. Ein Band bedeckt die Augen und auf dem Körper liegt ein zerbrochener Birkenstab. Geht der Besucher in die Knie, kann er ein obszönes Handzeichen der Germanen erkennen – die so genannte Feige. Dabei ist der Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger hindurchgestreckt – die Geste stand für Unkeuschheit. Daneben ist eine plastische Rekonstruktion des Gesichts der jugendlichen Frau zu sehen: blond, blauäugig und knabenhaft.

Doch die angebliche Ehebrecherin, das "Mädchen von Windeby" ist ein Junge. Die kanadische Gerichtsmedizinerin Heather Gill-Robinson untersuchte diese und fünf weitere eisenzeitliche Moorleichen aus dem Archäologischen Landesmuseum im Computertomografen, ließ Röntgenaufnahmen, Isotopen-Verhältnis- und DNA-Analysen anfertigen. Nach drei Jahren entstand so ein eindrucksvolles Bild von Leben und Sterben in der Eisenzeit – und zugleich ein Einblick in die Geschichte des Umgangs mancher Wissenschaftler mit den Toten aus grauer Vorzeit.

Nun soll die Geschichte der Moorleiche umgeschrieben und die Ausstellung umgebaut werden, verkündete unlängst der Direktor des Archäologischen Landesmuseums Schloss Gottorf, Claus von Carnap-Bornheim. Denn die neuen Ergebnisse bestätigen offenbar einen alten Verdacht: Viele der Moorfunde aus den 1940er und 1950er Jahren wurden unsachgemäß geborgen und präpariert. Die Deutungen beruhen zum großen Teil auf Publikationen, die heutigen wissenschaftlichen Kriterien nicht genügen, teilweise sogar als Fälschungen angesehen werden müssen. Das Paradebeispiel hierfür ist das "Mädchen von Windeby".

Aber zurück zum Anfang: Im kleinen Domslandmoor des Gutes Windeby unweit von Eckernförde hoben vier Arbeiter im Mai 1952 Entwässerungsgräben aus, um später Presstorf abbauen zu können. Der Torfarbeiter Pawlik hält plötzlich inne und ruft: "Kiekt mal, da kimmt ein Rehknochen."

Die untreue Ehefrau

Die Arbeiter erkennen dann, dass es sich um menschliche Knochen handelt: eine Hand und einen Schenkel. Sie räumen diese beiseite, decken die Fundstelle mit Brettern ab und ziehen mit ihrem Förderband weiter. Vom Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte rückt Karl Schlabow mit Museumsmitarbeitern aus, um die Leiche zu bergen.

Haut, Haare und Knochen sind gut erhalten. Über der Mumie liegt ein "angespitzter" Knüppel, daneben ein Stein, der offenbar vom Körper der Moorleiche herabgerutscht war. Auf ihrem Gesicht liegt ein Band. "Im weiteren Abräumen stoßen wir in 1,29 Meter Tiefe auf die gut erhaltene rechte Hand. Sie ist geballt, und in eigenartiger Verkrampfung sieht man den Daumen zwischen Zeigefinger und Mittelfinger geschoben", schreibt Karl Schlabow in den Grabungsbericht: die Feige – Symbol für unkeuschen Lebenswandel.

Der Fund wird mitsamt dem umgebenden Erdreich geborgen und in das Museum gebracht. Dort stellt Schlabow weitere Eigentümlichkeiten fest. Das Haar sei kurz vor dem Tod einseitig geschoren worden und dann auf zwei Millimeter nachgewachsen. Lediglich der Unterleib und Teile der Brust waren stark vergangen.

Knüppel, geschorene Haare, Augenband und dazu die eindeutige Geste – alles passte perfekt zu den Schilderungen des römischen Geschichtsschreibers Publius Cornelius Tacitus (55–115 n. Chr.). Er berichtete in seinem Werk "Germania" über die rauen Nachbarn im Norden des Römischen Reichs: "Für die Preisgabe der Keuschheit gibt es keine Nachsicht." Die Strafe für Ehebruch "ist dem Manne überlassen: Er schneidet der Ehebrecherin das Haar, jagt sie nackt vor den Augen der Verwandten aus dem Hause und treibt sie mit Rutenstreifen durch das ganze Dorf".

Beim "Mädchen" von Windeby fand sich lediglich der Rest eines Pelzkragens – war die junge Frau nackt gestorben? Zwanzig Tage darauf wird nur knapp fünf Meter von ihr entfernt ein Mann entdeckt, der zeltartig mit Pfählen bedeckt und um dessen Hals eine Haselrute geschlungen war: die Moorleiche Windeby II.

Ein Jahr später, 1953, kombiniert die Illustrierte "Stern" die beiden Toten: "War sie eine Ehebrecherin? – Zwei Menschen wurden vor zwei Jahrtauenden zum Moortod verurteilt. Ein gemeinsames Verbrechen muss sie in den gemeinsamen Tod geführt haben." Die Mär nimmt ihren Lauf. Erst sechs Jahre nach den beiden Leichenfunden werden die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen vorgelegt.

Karl Schlabow berichtet von der Bergung und den archäologischen Untersuchungen. Der Anthropologe Ulrich Schäfer identifiziert die erste Leiche als "ein 14-jähriges Mädchen", der Paläobotaniker Rudolf Schütrumpf datiert sie mit Hilfe der Pollenanalyse "in die frühen nachchristlichen Jahrhunderte". Als oberste Instanz fällt der renommierte Göttinger Archäologe Herbert Jankuhn das Urteil über "das Mädchen": hingerichtete Ehebrecherin. Seiner Meinung nach schor man ihr einige Tage vor der Tötung einseitig das Haar; mit der Augenbinde demütigte man sie, dann stieß man sie eine Grube im Moor. Zu vermuten sei, so Jankuhn, dass "die Niederlegung eines erdrosselten Mannes zeitlich und ursächlich mit der Niederlegung der weiblichen Leiche zusammenhängt".

Über die folgenden Jahrzehnte wurden lediglich Details diskutiert, in den archäologischen Seminaren stellte man die jugendliche Frau als Ehebrecherin vor. Filme und Krimis handelten von ihrem Schicksal. Selbst in ausländischen Schulbüchern ist sie abgebildet. Das "Mädchen von Windeby" beflügelte die Fantasie eines internationalen Millionenpublikums.

Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass der ganze Befund bald mehr als nur fragwürdig erschien. Michael Gebühr, Archäologe am Landesmuseum Schloss Gottorf, rollte den ganzen Fall 1978 neu auf. "Das Kindergrab von Windeby – Versuch einer Rehabilitation" nannte er seinen Aufsatz vom Jahr darauf. Sein Fazit: Zahlreiche Behauptungen Jankuhns und seiner Kollegen waren schlichtweg falsch. Statt einer hingerichteten Ehebrecherin wäre es nach Lage der Fakten viel plausibler, ein einfaches Arme-Leute-Begräbnis zu vermuten.

Zum einen war statt der eindeutigen Geste der Hand auf den Ausgrabungsfotos und einem später im Museum angefertigten Röntgenbild einwandfrei zu erkennen, dass der Daumen die Fingerkuppen locker berührte – jemand hatte also im Labor die Hand manipuliert. Zum anderen hieß es bis dahin, dass sich nur wenige Scherben vorher zerschlagener Gefäße bei dem "Mädchen" fanden.

Mehrere Zeugenaussagen und die Grabungsfotos belegten jedoch, dass vier Gefäße fast intakt neben der Leiche standen. Doch damit nicht genug: Viele Details in der Zeichnung von der Lage der Leiche bei der Bergung im alten Grabungsbericht, darunter einige Maßangaben, waren offenbar erst nachträglich eingefügt worden – und selbst die genaue Ortsangabe der Fundstelle war zweifelhaft.

Unmögliches Liebespaar

Kurzum: Die wissenschaftliche Publikation war völlig unzureichend und stimmte nicht mit den tatsächlichen Fundumständen überein. Trotz aller Ungereimtheiten und offensichtlicher Verfälschungen der ursprünglichen Befunde in der wissenschaftlichen Erstveröffentlichung und auch bei Kenntnis der neuen Sachlage hielten die meisten Fachkollegen an der Theorie von der Ehebrecherin fest. Das große Publikum nahm die moralische Rehabilitation erst gar nicht wahr.

Erst ein halbes Jahrhundert nach der Entdeckung, im Jahr 2002, geriet die gängige Theorie dann doch noch ins Wanken. Wie Radiokarbondatierungen ergaben, klaffte zwischen dem Todeszeitpunkt beider Menschen eine Lücke von wenigstens 144 Jahren. Der Mann starb demnach zwischen 185 und 380 v. Chr., das "Mädchen" zwischen 41 v. und 118 n. Chr. Das bedeutete: Wenn das "Mädchen" überhaupt eine Ehebrecherin war, dann konnte der Mann nicht in das Drama verwickelt gewesen sein.

Auch der Eisenzeit-Experte Michael Gebühr hat hier oben im dritten Geschoss des Landesmuseums seinen Platz gefunden. Der umfassende Bericht der kanadischen Gerichtsmedizinerin Heather-Gill Robinson auf dem Schreibtisch vor ihm räumt endgültig mit der Theorie von der Ehebrecherin auf. Denn erstmalig ist es an dem Mädchen gelungen, aus einer Moorleiche DNA zu extrahieren. Anhand von 29 Proben kommen kanadische und israelische Labors übereinstimmend zum Schluss: Das Mädchen von Windeby ist ein "Windeboy".

Michael Gebühr aber zweifelt, wenn auch zurückhaltend, die Ergebnisse der DNA-Analyse an. Nicht etwa, dass er an der Ehebrecherinnen-These festhalten möchte – die hatte er ja selbst schon vor Langem in Frage gestellt. Auch nicht die Tatsache, dass das Mädchen nun ein Junge sein soll, ficht ihn an. Doch dass alle Forscher es bislang für unmöglich hielten, den Moorleichen Erbgutinformationen abzuringen, bringt ihn ins Grübeln.

"Die Gefahr einer Kontamination des Erbguts ist nicht gerade gering", meint er. Schließlich sei bekannt, dass Karl Schlabow die Leichen berührt hatte. Vielleicht ist es seine DNA. Vielleicht stammen die Proben noch nicht einmal vom Mädchen. Falsche Knochen hatte Heather Gill-Robinson schon am Schädel von Osterby nachweisen können: Der in der Ausstellung gezeigte Unterkiefer gehört nicht zum Rest des Kopfes. Auch er wurde von Karl Schlabow präpariert.

Sie glaubt zwar nicht daran, doch ausschließen kann auch Heather Gill-Robinson eine Kontamination nicht: "Mit den derzeitigen Methoden ist die Gefahr einer Verunreinigung des Erbguts bei alter DNA nicht zu bannen." Man habe allerdings Proben aus dem Knocheninneren entnommen, um das Kontaminationsrisiko so gering wie möglich zu halten. Jedenfalls bestätige die Untersuchung auch den anthropologischen Befund, wonach die Knochen am ehesten von einem Jungen stammen.

Plötzlich, nach über fünfzig Jahren, erzählen das Mädchen von Windeby und ihr vermeintlicher Liebhaber eine ganz andere Geschichte: jene von Karl Schlabow, der die Leiche barg, präparierte und konservierte.

Er wurde am 27. April 1891 in Neumünster geboren. Nach einem Abschluss als Kunstmaler übernahm er 1926 die Leitung des dortigen städtischen Museums. In den 1930er Jahren trat der damalige Direktor des heutigen Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte Gustav Schwantes an ihn mit der Bitte heran, einige Textilien aus Hügelgräbern und Moorfunden aufzuarbeiten: "Sie müssen diese bedeutenden Kleidungsstücke längst vergangener Zeiten zum Sprechen bringen."

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