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Wirkungslose Antibiotika: Leichtes Spiel für die Superkeime

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Im Kampf gegen Bakterien fühlte sich der Mensch schon als Gewinner, doch der Triumph war wohl voreilig: Forscher warnen vor vielfach resistenten Krankheitserregern, gegen die kein Mittel mehr hilft. Sie raffen auch junge, bisher gesunde Menschen hinweg - wie jüngst ein 20-jähriges Model.

Mariana Bridi da Costa war erst 20, als sie den Kampf um ihren Körper verlor. Das brasilianische Topmodel hatte sich im Dezember 2008 eine Harnwegsinfektion zugezogen, ausgelöst vom Bakterium Pseudomonas aeruginosa. Wie immer, wenn Ärzte bei einer Infektion den Keim identifiziert haben, gaben sie der jungen Frau Antibiotika. Doch die wirkten nicht. Die Erreger breiteten sich im Körper aus, vermehrten sich im Blut, nisteten sich in der Haut ein. Verzweifelt amputierten Chirurgen ihr Füße und Hände, um ihr Leben zu retten - vergebens. Mariana Bridi da Costa starb am 24. Januar.

Die tragische Geschichte ist kein Einzelfall. Jedes Jahr sterben Tausende Menschen, weil sich Bakterien in ihrem Körper ausbreiten, gegen die kein Mittel mehr hilft. 2005 haben sich nach Angaben des Magazins "Technology Review" drei Millionen Europäer mit resistenten Keimen infiziert, 50.000 sollen daran gestorben sein. "Grobe Schätzungen haben ergeben, dass weltweit mehr Menschen an Infektionskrankheiten durch resistente Bakterien sterben als an Aids", sagt Uwe Frank, Klinischer Mikrobiologe am Institut für Umweltmedizin an der Universität Freiburg. Die Immunschwächekrankheit forderte 2007 zwei Millionen Todesopfer.

Dabei hatte sich der Mensch schon als Gewinner im Kampf gegen die Bakterien gewähnt. Angefangen hatte der Siegeszug vor 80 Jahren mit der berühmten Entdeckung des Penicillins durch Alexander Fleming. Nach seinem Sommerurlaub hatte der Mikrobiologe auf einer Bakterienkultur einen Schimmelpilz entdeckt, in dessen Umgebung sich die Erreger nicht ausbreiteten. Er isolierte den Pilz "Penicillium notatum" und prüfte dessen abtötende Wirkung auf Bakterien - das Penicillin war geboren.

Heute gibt es in Deutschland laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ( BfArM) 3230 Einzelzulassungen für Antibiotika, Wirkstoffe gibt es aber nur mehrere Dutzend. Die Mittel zerstören die Zellwände der Erreger, sie behindern ihre Vermehrung, sie blockieren die Herstellung von Proteinen. Damit müsste sich der Mensch eigentlich auf der sicheren Seite befinden.

Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Bakterien machen Boden gut. Im "New England Journal of Medicine" warnen die US-Mikrobiologen Cesar Arias und Barbara Murray von der University of Texas vor resistenten "Superkeimen". "Bakterien sind die Sieger der Evolution", schreiben die Autoren. "Gegen multiresistente Bakterien gibt es keine Zauberwaffe."

Leichtes Spiel für die Erreger

Erreger wie E.coli, Enterokokken, Staphylococcus aureus oder Pseudomonas aeruginosa arbeiten äußerst effizient. Weil sie sich extrem schnell - mitunter innerhalb von Minuten - vermehren, können sie sich ihrer Umgebung besonders gut anpassen. Das gelingt, weil sie zum einen ihr Erbgut untereinander austauschen können und weil die Bakterien häufig mutieren: Jene Keime, die aufgrund einer Erbgutveränderung einen Angriff antibiotischer Arzneien überleben, geben ihre genetischen Eigenschaften an die nachfolgenden Generationen weiter.

Langsam entstehen so Bakterien, denen ein ursprünglich wirksames Medikament nichts mehr anhaben kann. Möglicherweise gibt es noch ein oder mehrere Reservemittel, doch auch deren Wirksamkeit lässt mit der Zeit nach. "Use it and lose it" nennen die Amerikaner dieses Phänomen, "setze es ein und verliere es".

Die Abwehrstrategien der Erreger sind vielfältig: Während die einen die Schotten dichtmachen und Antibiotika nicht mehr durch die Zellwand lassen, befördern die anderen die Medikamente mit eigens eingerichteten Pumpen wieder aus der Zelle hinaus. Neben diesen sogenannten Effluxpumpen können die Keime auch das Angriffsziel der Antibiotika, etwa Proteine in der Zellwand oder die Bakterien-DNA, verändern oder die Antibiotika mit Enzymen schon unschädlich machen, bevor sie die Erreger überhaupt angreifen können.

Pseudomonas aeruginosa, der Keim, der Mariana Bridi da Costa tötete und häufig Harnwegsinfektionen und Abszesse auslöst, ist in einem Viertel der Fälle unempfindlich gegen Antibiotika geworden. Auf Intensivstationen ist fast jedes dritte Bakterium der Gattung Staphylococcus aureus - verantwortlich für Lungenentzündungen und Sepsis - bereits multiresistent. Mitunter hilft noch das Breitbandantibiotikum Vancomycin, manchmal jedoch auch nicht. Auch Sepsis-auslösende Enterokokken lassen sich in bis zu zehn Prozent der Fälle nicht mehr mit Vancomycin behandeln. Diese Liste ließe sich beliebig weiterführen.

Lesen Sie im 2. Teil, warum die Pharmaindustrie den brasilianischen Regenwald durchforstet und wie tragische Todesfälle bald Alltag sein könnten.

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Resistente Erreger: Antibiotika wirkungslos gegen mächtige Keime
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