Wissenschaftliche Überraschungsvorträge Kommt ein Professor in die Kneipe

Premiere in Deutschland: Wissenschaftler haben in Hamburger Kneipen das verdutzte Publikum mit Fachvorträgen überrascht. Für beide Seiten ein Kulturschock.

Café Zeitraum in Hamburg-Eimsbüttel: "Er wird irgendetwas von Bananen erzählen"
Axel Bojanowski

Café Zeitraum in Hamburg-Eimsbüttel: "Er wird irgendetwas von Bananen erzählen"

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Das gemütlich beleuchtete Zeitraum, ein kleines veganes Café in Hamburg-Eimsbüttel mit Polsterstühlen, ist halb gefüllt am Donnerstagabend um halb sechs. Am Tisch in der Mitte warten drei heiter palavernde junge Frauen beim Rotwein auf ihr Essen. Sie ahnen nicht, dass ihr Gespräch gleich von einem einstündigen Physikvortrag beendet werden wird. Sie erschrecken, als sie es merken.

In Hamburg lief am Donnerstagabend die Deutschlandpremiere von "Wissen vom Fass". In 30 Kneipen der Stadt hielten - für viele Gäste überraschend - Wissenschaftler einen Vortrag. Im Gegensatz zum mittlerweile etablierten Science Slam, bei dem wissenschaftsinteressiertes Publikum regelmäßig Veranstaltungsräume füllt, konfrontiert Mitveranstalterin Julia Offe mit "Wissen vom Fass" das Kneipenvolk unvorbereitet mit Spitzenforschung.

Kann das gutgehen?

Der Vortrag im Zeitraum mit dem Titel "Bio-Inorganische Modell-Komplexe: Warum wird die Banane braun?" verspricht immerhin die Aufklärung eines Alltagsphänomens. "Er wird irgendetwas von Bananen erzählen", erläutert lachend der Vater des Vortragenden, vorne am zweiten Tisch.

Erschrockener Blick

Physikprofessor Michael Rübhausen von der Uni Hamburg, ein breitschultriger 44-Jähriger mit Frisur und Gesicht eines Rock'n'Roll-Stars, steht vor seinem Auftritt in einer Ecke, seine Hände tief versunken in den Taschen seiner Jeans. "Manchmal bin ich wirklich sehr in die Spitze gegangen", wird er sich später rechtfertigen.

Die drei Frauen mit Rotwein in der Mitte des Cafés erfahren gerade, was vor sich geht. Eine blickt erschrocken auf einen Bierdeckel der Veranstalter: "Sind wir allein im Universum?" steht drauf. "Ich würd' schon gern wissen, ob ich allein bleibe", sagt sie. Noch herrscht Neugierde.

"Wissen vom Fass" ist die neueste Methode von Forschungsinstituten, besser wahrgenommen zu werden. Während Wissenschaftler etwa in den USA seit jeher Werbung für ihre Forschung machen, weil sie Investoren interessieren müssen, hielten mit Steuergeldern alimentierte deutsche Professoren die Kommunikation mit der Öffentlichkeit lange für überflüssig.

"Früchte waren immer zentral in der Physik"

Doch mittlerweile vergrößern Institute ihre Pressestellen. Es gibt für Forscher Seminare für Medienkommunikation. Eine hitzige Debatte ist entbrannt über die Wege, mit denen die Gesellschaft für Wissenschaft interessiert werden kann.

Kann "Wissen vom Fass" Laien begeistern? Um kurz nach sechs ist jeder Platz besetzt im Zeitraum. Auch Studenten und Kollegen von Professor Rübhausen sind gekommen. "Ungewohnt, dass so viele vorne sitzen", sagt er zur Begrüßung, "Studenten sitzen nämlich meist in den hinteren Reihen".

Dann legt der Physiker das erste von vier großen Pappschildern auf den Holzständer, den er neben sich gestellt hatte. "Früchte waren schon immer zentral in der Physik" - er zeigt auf ein Bild von Isaac Newton, dem unterm Apfelbaum eine Frucht auf den Kopf fällt, was ihm zur Erkenntnis über die Masse der Dinge verholfen haben soll.

Daneben das Bild eines Apple-Computers als Symbol für die moderne Computerforschung. Ein begreifbarer Anfang - die drei Frauen, die mittlerweile ihr Essen bekommen haben, blicken erleichtert zum Professor.

"Hat jemand eine Banane?"

Nach einem minutenlangen Exkurs aber wächst die Ungeduld. "Sollte es nicht um Bananen gehen?", flüstert eine der drei Frauen am Tisch in der Mitte mit bangem Blick.

Gerade noch rechtzeitig reicht der Professor einen Korb mit Obst ins Publikum. Er fragt: "Hat jemand eine Banane? Was fällt Ihnen auf?" "Braune Stellen", ruft jemand. "Richtig", sagt der Professor. "Was ist da passiert?" Die entscheidende Frage - da ist sie endlich!

Am Beginn seiner Antwort steht jedoch unglücklicherweise das Wort Oxidation, das die Augenlider der drei Damen sogleich auf Halbmast fallen lässt. Das Braune sei "die immunologische Reaktion einer Pflanze, eine Art Abwehrring", müht sich der Professor um verständliche Bilder.

Es klingt plausibel: In einer beschädigten Frucht öffnen sich Zellen, die mit Sauerstoff und dem Pflanzenhormon Ethylen in Verbindung kommen - die Banane färbt sich.

Glucksendes Kichern

Doch was tatsächlich auf Ebene der Atome geschehe, das wisse niemand exakt, sagt Professor Rübhausen, schon gar nicht wüssten es die Chemiker oder die Biologen. "Der Prozess ist, ich sage es mal so, eine chemische Spekulation."

Der Frage widme er ja gerade seine Forschung, die ein technologischer Aufwand sondergleichen sei, wie sein drittes Schaubild dokumentieren soll, das kleinteilig chemische Reaktionen und Grafiken zeigt.

Die drei Frauen versuchen glucksend ihr Kichern zu unterdrücken, als der Professor begeistert ruft: "Wir haben hier einen Turn Over! Aber wir wollen natürlich wissen, wie viele Turn Over!" Eine Hälfte des Publikums hat er verloren, jene Hälfte, die nicht aus der Wissenschaft kommt.

"Ah, danke!"

Professor Rübhausen erläutert noch, wie Strahlung Atome quasi sichtbar macht. Die Augen vieler Gäste aber wandern müde in der Kneipe umher, als er Ladungsprozesse von Kupfer-1 und Kupfer-2 beschwört und angeregte Elektronen, die in Attosekunden Atome in kritische energetische Zustände versetzen.

"Haben Sie Fragen?", ruft er nach einer guten halben Stunde. Lachen im Publikum.

"Ja", sagt eine Dame. "Sind die braunen Stellen an der Banane schädlich?" - "Nein", antwortet der Professor freundlich, "Sie sterben ja auch nicht, weil Sie in der Sonne braune Haut bekommen." - "Ah, danke", sagt die Dame.

Die Flucht

Jetzt stellen die Physiker im Publikum die Fragen, und die werden immer spezieller. Die Debatte mündet in einen Dialog des Professors mit einem selbstsicheren Studenten, der mit kecker Stimme kritische Anmerkungen macht. Kaum noch jemand blickt zum Vortragenden, selbst der Vater des Professors lässt seinen Blick schweifen.

Die drei Damen geben auf. Sie zahlen flüsternd Rotwein und Essen und schleichen hinaus. Die letzten Worte, die sie hören, sind Ladungstransfer und Synchronisationsprozess.

Nach 70 Minuten endet das Experiment. "Ich hatte den Anspruch, eine wirklich aktuelle Studie vorzustellen, die Leute mit richtiger Forschung zu konfrontieren", erklärt Professor Rübhausen nach dem Vortrag. "Wenn man auf Reisen ist, sagt man doch auch 'toll', wenn man auf fremde Kulturen trifft."

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insgesamt 36 Beiträge
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xvulkanx 16.10.2015
1. Diese rücksichtslose Zwangsbeglückung passt zwar gut in ein veganes Lokal,
aber selbst dort sollte man eigentlich Rücksicht auf die kommunikativen Bedürfnisse seiner Kunden nehmen. Es ist einfach übel, wenn die Kunden sich nicht unterhalten können, weil sie einem Vortrag zuhören müssen, dessen Thema sie nicht aussuchen konnten.
ch3_94 16.10.2015
2. Ich finde das klasse
Warum nicht auf die Leute zugehen und ihnen erklaeren fuer was Wissenschaft gut ist? Es wird bestimmt einige neugierig und wissbegieriger machen. Jedenfalls mal was anderes als das Alltagsgelaber. Hoffentlich mehr davon.
iStone 16.10.2015
3. Lokal wählen
Zitat von xvulkanxaber selbst dort sollte man eigentlich Rücksicht auf die kommunikativen Bedürfnisse seiner Kunden nehmen. Es ist einfach übel, wenn die Kunden sich nicht unterhalten können, weil sie einem Vortrag zuhören müssen, dessen Thema sie nicht aussuchen konnten.
Wieso, können zwar nicht das Vortragsthema wählen, dafür aber das Lokal. Nicht umsonst ist Demokratie definiert als Abstimmung mit den Füßen ;-) Viele interessieren sich schon deswegen nicht für Wissenschaft, weil sie in der Schule versagt haben. Zu viel wissen ist dann auch meist noch umbequem - lieber weiter träumen. Beste Grüße, ein Wissenschaftler
LorenzSTR 16.10.2015
4. Kulturschock?
Soll das etwa implizieren, in Kneipen würden eher die einfacheren Gemüter sitzen? Gerade unter Studierenden ist das Gegenteil der Fall - die seichten Geister gehen nämlich lieber in geleckte Lounges und Clubs zum Smalltalk, spätestens nach zwei Cocktails mit ja nicht zu viel Alkohol ist Schluss, weil man ja am nächsten Tag wieder pünktlich zur Vorlesung muss oder die eheähnliche Partnerschaft pflegen möchte. Langweilige, desinteressierte Menschen halt, die schon mit U30 brav Funktionieren und der Masse folgen.
DorianH 16.10.2015
5.
Zitat von iStoneWieso, können zwar nicht das Vortragsthema wählen, dafür aber das Lokal. Nicht umsonst ist Demokratie definiert als Abstimmung mit den Füßen ;-) Viele interessieren sich schon deswegen nicht für Wissenschaft, weil sie in der Schule versagt haben. Zu viel wissen ist dann auch meist noch umbequem - lieber weiter träumen. Beste Grüße, ein Wissenschaftler
Aha, wieviele leute gibt es denn, die sich hingesetzt, Essen bestellt und es sich gemütlich gemacht haben, dann so mir nichts dir nichts wieder aufstehen und woandershin gehen? Wahrscheinlich müsste man dann das schon bestellte Essen bezahlen und hatte nichts davon. Mit solchen Veranstaltungen kann mans auch übertreiben. Wenn man sowas überhaupt mal machen will, dann sollte es halt auch angekündigt werden.
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