Wissenschaft im Mordfall: Adam - niedergemetzelt für ein blutiges Ritual

Von Oliver Becker

Eine blutleere Kinderleiche ohne Kopf, Arme, Beine mitten in London: Mehr hatte Scotland Yard nicht, als die Ermittlungen im Mordfall Adam begannen. Erst einzigartige Hilfe von Forschern brachte Erfolge. Nun weist viel darauf hin: Der Junge starb bei einem afrikanischen Opferritus.

Am 21. September 2001 fand ein Londoner Barmann auf dem Weg zur Arbeit die grausam verstümmelte Kinderleiche. Der 60 Zentimeter große Torso eines dunkelhäutigen Kindes trieb in der Themse, auf Höhe der Tower-Bridge, nur bekleidet mit orangeroten Shorts. Noch am selben Abend leitete Detective Chief Inspector Will O'Reilly von Scotland Yard Untersuchungen ein.

Es wurden die aufwendigsten Mordermittlungen seit Beginn der Aufzeichnungen von Scotland Yard, und es ist aktuell einer der grausigsten Mordfälle der Polizeibehörde. Bis heute sind Arme, Beine und Kopf des Kindes verschwunden. Britische Medien sprachen nur vom "Torso Boy", die Ermittler sagen der Pietät halber "Adam" - der wahre Name ist ihnen aber immer noch ein Rätsel. Sechs Jahre war Adam wohl alt, das immerhin ist klar.

Dass sie in dem Fall inzwischen überhaupt vorankommen, verdanken die Fahnder modernster Wissenschaft. Die Polizisten bedienten sich einer Mischung aus Geologie und Genetik, Ernährungsforschung und klassischer Forensik, wie sie bis dahin noch nie in der Polizeiarbeit eingesetzt wurde.

Obwohl die Ermittler weder Tatwaffe noch Motiv kennen und kein Indiz für die Identität des Jungen haben, können sie mittlerweile dank der Forscher zentrale Fragen beantworten: Wo wuchs das Kind auf? Wovon ernährte es sich hauptsächlich? Was wurde ihm vor dem Mord verabreicht? Die Erkenntnisse der Wissenschaft liefern der Polizei ein exaktes Bild von den Umständen der Tat und der Umgebung des Opfers.

Knochen zerhackt, Gewebe mit dem Skalpell durchtrennt

Der Fall ist ein beispielloser Krimi. Er handelt vom jahrelangen Ringen um Fakten in einem Fall, der anfangs fast aussichtslos erschien und in dem die Aufklärung jetzt endlich näher rückt.

Westafrika: Die Knochen des toten Jungen verrieten den Forschern, in welchen drei Gegenden er aufgewachsen sein kann
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Die Arbeit der Ermittler beginnt wie immer, mit einer Obduktion. Knapp sechs Stunden dauert sie. Danach steht fest: Dem Jungen wurde zuerst der Kopf und der Hals entfernt. Der Tod trat sofort ein, durch den massiven Blutverlust. Der Körper war komplett blutleer, also starb der Junge nicht in aufrechter Haltung, sondern wurde waagerecht gehalten - wahrscheinlich sogar kopfüber. Nach dem Tod des Jungen wurden Muskeln und Gewebe beider Arme und Beine zerschnitten, mit einem sehr scharfen Messer oder Skalpell. Die Knochen durchtrennte er dann wohl mit einem schweren Gegenstand wie einem Beil oder einer Machete, denn die Knochenenden sind zertrümmert. "Wer immer das getan hat, wusste offensichtlich sehr genau, wie man dabei vorgeht", sagt Pathologe Michael Heath.

Im ersten Bericht hält Heath fest: Hautfarbe und Körpergröße lassen auf eine afrikanisch-karibische oder asiatische Herkunft schließen. Struktur und Größe der Knochen zeigen, dass der Junge eine gute, aber außereuropäische Ernährung genoss. In den Lungen sind Spuren bestimmter Gräser und Kulturpflanzen, die im September nur in Nordwesteuropa vorkommen. Der Junge muss also noch gelebt haben, als er in Großbritannien war. Die Leiche lag zwei bis fünf Tage im Wasser. Spuren eines Sexualverbrechens findet Heath nicht, aber im Muskelgewebe winzige Spuren von Hustensaft. Der Magen enthält keine Speisereste, kaum Flüssigkeit. Offenbar hat sich jemand in London um den Jungen gekümmert, ihm Medizin verabreicht. Zugleich musste er hungern oder fasten. Warum nur?

Eine erste Spur nach West- und Nordafrika

Das Motiv gibt ebenso Rätsel auf wie die Identität des Jungen. Die Fahnder suchen in der nationalen Datenbank Catchem. In ihr sind alle britischen Kindermorde der vergangenen 40 Jahre dokumentiert. Die Polizei schreibt jede Schule, jeden Arzt an, um dem Opfer auf die Spur zu kommen. Erfolglos.

Vier Monate nach dem Leichenfund, im Januar 2002, sind die konventionellen Verfahren der Forensik erfolglos ausgeschöpft. Die leitenden Ermittler beraten. O'Reilly: "Wir wussten zu diesem Zeitpunkt zwar, dass Adam nicht in Europa aufgewachsen war. Doch konnten wir noch nicht sagen, ob seine Familie aus Asien, der Karibik, Afrika oder einem anderen Ort der Welt stammt." Der Chief Inspector fragt sich, welche weiteren wissenschaftlichen Verfahren helfen können.

Er lässt die 1,5 Millionen Einträge in der nationalen Gendatenbank durchsuchen. Die Recherche führt zu möglichen Übereinstimmungen mit 34 Männern und 11 Frauen. Es ist kein Volltreffer darunter. Aber immerhin beginnen die Ermittler, die Grenzen ihrer bisherigen Methoden zu sprengen: "Damals war das Verfahren völlig neu", sagt O'Reilly. "Inzwischen wenden Polizeien vieler Länder dieses Verfahren an."

Danach analysieren die Wissenschaftler Andy Urquart und Penny Noake von der Forensic Science Service Research Unit in Birmingham noch detaillierter das Erbgut von Adam. Sie untersuchen zwei hochvariable Regionen (HVR) in seiner mitochondrialen DNA, die nur von der Mutter an die Kinder weitergegeben wird. Für die Regionen HVR1 und HVR2 sind Sequenzen von einer ganzen Reihe menschlicher Populationen öffentlich verfügbar. Ein Vergleich mit diesen Daten enthüllt: Adams Mitochondrientyp ist in Nord- und West-Afrika weit verbreitet, teils in Niger und Nigeria, außerdem im Senegal und in Teilen von Marokko, nicht aber im Süden und Osten von Afrika.

Die Gen- und Knochenanalyse grenzt die Herkunft ein

Damit ist Adams Herkunft regional eingegrenzt. Nun werden Mutationen auf dem Y-Chromosom analysiert, das vom Vater an den Sohn weitergegeben wird. Diese Analyse ergibt, dass Adam Vorfahren der Gruppe E hat. Insgesamt unterscheiden die Forscher 18 große Gruppen von A bis R. Der Befund sagt den Ermittlern: Die Wahrscheinlichkeit, dass Adam aus Westafrika stammt, ist höher als für jeden anderen Ort der Welt.

Doch Westafrika ist groß. Der Umweltgeologe Ken Pye von der Royal Holloway University in London nimmt sich des Falls an. Von ihm versprechen sich die Detectives detailliertere Auskünfte zur Heimat des Opfers. Pye soll chemische Spuren in Adams Skelett auswerten, die die Umwelt dort hinterlassen hat. Denn die chemische Zusammensetzung von Knochen spiegelt die geologische Beschaffenheit der Erdoberfläche und die Qualität des Wassers in der Umgebung eines Menschen. Genauer: Das spezifische Isotopenverhältnis der Elemente Strontium und Neodymium erlaubt Schlüsse auf das geologische Alter und die Zusammensetzung von Gestein. Weil diese Elemente aus der Natur mit dem Kalzium in Knochen reagieren, geben sie Hinweise auf die Lebensumwelt eines Menschen. Und auf Veränderungen.

Pyes Untersuchung präzisiert die Ergebnisse von Adams DNA-Tests. Drei Gesteinsformationen in Westafrika kommen bei dem Jungen als Herkunftsregionen in Frage: erstens das nigerianische Jos- oder Zentral-Plateau; zweitens das Grenzgebiet von Ostnigeria und Kamerun; drittens das Gebiet, das nördlich von Ghanas Hauptstadt Accra beginnt, im Westen Togo und Benin durchzieht und sich nördlich von Nigerias alter Hauptstadt Lagos zum Yoruba-Plateau formt. Adam hat bis etwa vier Wochen vor seinem Tod in einer dieser drei Regionen gelebt.

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