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Streitgespräch über Wissenschaft in den Medien: "Die sollten sich schämen!"

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Karikierte Wissenschaft: "Die Quote bricht ein, sobald ein Wissenschaftler vorm Bücherregal gezeigt wird" Zur Großansicht
Corbis

Karikierte Wissenschaft: "Die Quote bricht ein, sobald ein Wissenschaftler vorm Bücherregal gezeigt wird"

Milliarden fließen in die Forschung, drumherum ist ein mächtiges Marketing entstanden. Dennoch wirkt Wissenschaft oft langweilig. Im Streitgespräch rechnen drei Experten ab - mit unfähigen Werbern, zahmen Journalisten und arroganten Professoren.

Fischer: Danke für den Kaffee, meine Herren, aber die Kaffeekanne steht vor dem Mikrofon, soll ich denn um die Kanne herumsprechen?

Wormer: Das geht schon, der Schall beugt sich ja glücklicherweise um das Hindernis.

Fischer: Das Huygens'sche Prinzip… Ja, aber was erklären solche Begriffe schon?

SPIEGEL ONLINE: Mit ihren Erklärungen entzauberten die Naturwissenschaftler die Welt, wird gerne geklagt.

Fischer: Das große Missverständnis! Die Entdeckungen der Wissenschaft verzaubern doch die Welt!

  Ernst Peter Fischer:  Studierte Mathematik, Physik und Biologie. Lehrt Wissenschaftsgeschichte an der Uni Heidelberg und ist Autor. Zur Großansicht
Rosa Kaiser

Ernst Peter Fischer: Studierte Mathematik, Physik und Biologie. Lehrt Wissenschaftsgeschichte an der Uni Heidelberg und ist Autor.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Fischer: Der Wissenschaft gelingt, was Novalis als das Romantische beschrieb: dem Bekannten die Würde des Unbekannten zu geben. Das Fallen eines Steins etwa kann dank Isaac Newton berechnet werden. Aber wie das Schwerefeld der Erde die Gravitationskraft zustande bringt, bleibt verborgen. Wir brauchen mehr romantische Geschichten aus der Wissenschaft!

1. Müssen Stars und Talkshows helfen?

SPIEGEL ONLINE: Wird Wissenschaft in den Medien zu langweilig dargestellt?

Fischer: Gehen Sie doch mal in die normalen Labors und fragen die Forscher nach den Geschichten!

Wormer: In den Massenmedien funktionieren solche Geschichten nicht unbedingt. Im Fernsehen beispielsweise bricht die Quote ein, sobald ein Wissenschaftler vorm Bücherregal gezeigt wird.

  Holger Wormer : Studierte Chemie und Philosophie und arbeitete als Redakteur. Lehrt Wissenschaftsjournalismus an der Uni Dortmund und ist Autor. Zur Großansicht
Rosa Kaiser

Holger Wormer: Studierte Chemie und Philosophie und arbeitete als Redakteur. Lehrt Wissenschaftsjournalismus an der Uni Dortmund und ist Autor.

Fischer: Trotzdem: Wissenschaft könnte man am ehesten über Personen bekannt machen, das zeigen doch andere Themen. Wenn Leute über Kunst nichts wissen, reden sie über Künstler. Zugang zur Literaturdebatte bieten Schriftsteller-Persönlichkeiten. In der Öffentlichkeit spielen nun mal Gesichter die Hauptrolle.

Wormer: Forscher eignen sich aber offenbar weniger als Identifikationsfiguren.

Fischer: Wir bräuchten ein "Literarisches Quartett" für Sachbücher, einen Marcel Reich-Ranicki der Wissenschaftsdebatte!

SPIEGEL ONLINE: Der berühmte Kritiker Marcel Reich-Ranicki hat im Fernsehen Bücher ins Gespräch gebracht. Aber bei Literatur wollen eben viele mitreden, während man mit naturwissenschaftlicher Bildung kaum renommieren kann, oder?

Fischer: Nicht unbedingt. Würden Naturwissenschaften in Talkshows debattiert, wollten alle mitreden, und eine gesellschaftliche Debatte käme in Gang. Plötzlich wären Natur und Technik etwas, das allgemein diskutiert und nicht apodiktisch von Professoren verkündet würde. Wenn ein Forscher erklärt, Leben im Reagenzglas erzeugt zu haben, wäre das doch eine Talkshow wert! Stattdessen bringen diese Sendungen zu viel albernes Zeug.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich denn nichts verbessert in der Wissenschaftskommunikation?

Lüthje: Ich sehe das nicht so pessimistisch. Es gibt vielleicht nicht den großen Star, aber es gibt viel mehr TV-Sendungen und Wissenschaftszeitschriften als früher.

  Corinna Lüthje : Studierte Kulturwissenschaften. Lehrt Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden. Zur Großansicht
Rosa Kaiser

Corinna Lüthje: Studierte Kulturwissenschaften. Lehrt Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden.

Fischer: Nein, es hat sich nichts verändert. Wenn Bambi-Preisverleihung ist, wird eine dreistündige Direktübertragung im Fernsehen gemacht. Die Nobelpreis-Verleihung bekommt zehn Sekunden in der Tagesschau.

Wormer: Was die populären Formate angeht, kommt Deutschland im internationalen Vergleich eigentlich ganz gut weg. Es gibt das Angebot auf den dritten Programmen, schöne Magazine, bunte Kindergeschichten oder Science Slams. Aber in den Hauptnachrichtensendungen, beim politisch relevanten Teil der Wissenschaft, stehen wir nicht besonders gut da, besonders im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht. Besser geworden ist es dagegen bei überregionalen Printmedien. Und bei großen Online-Medien konkurrieren Forschungsthemen sogar mit den Hauptnachrichten aus Politik und Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Warum hinkt das Fernsehen hinterher?

Wormer: Nicht selten deshalb, weil es an Personal fehlt. Die "ARD Aktuell"-Redaktion etwa hat meines Wissens nach wie vor keinen Wissenschaftsredakteur. Wozu das führt, konnte man etwa während der Fukushima-Atomkatastrophe besichtigen. Fast alle anderen Medien haben insgesamt einen guten Job gemacht. Aber das Fernsehen hatte eine komplett offene Flanke - und das 25 Jahre nach Tschernobyl.

2. Werben für die Wissenschaft?

SPIEGEL ONLINE: Seit den Neunzigerjahren gibt es in Deutschland das Förderprogramm "Wissenschaft im Dialog". Hat es sich gelohnt?

Fischer: "Wissenschaft im Dialog" ist reine Geldverschwendung. Es ist offenbar nur dazu da, Leuten eine Arbeitsstelle und eine Pension zu geben, die nichts anderes können, als "Wissenschaft im Dialog" so zu machen, dass niemand davon Kenntnis nimmt.

SPIEGEL ONLINE: Wissenschaftsjahre und Wissenschaftsstädte wurden aber doch ausgerufen, Tausende Veranstaltungen inszeniert. Alles vergeblich?

Fischer: Die Organisatoren sollten sich schämen. Das Nichtvermitteln von Wissenschaft wurde vom organisierten Nichtvermitteln von Wissenschaft abgelöst. Mehr ist nicht geschehen.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin haben Forschungsinstitute ihre Pressestellen verstärkt, warum ist das geschehen?

Wormer: Die Forschung muss ihre Finanzierung zunehmend rechtfertigen. Deshalb ist ein mächtiges Wissenschaftsmarketing entstanden. Medien müssen nun noch gründlicher nach den Beweisen fragen. Die Wächterfunktion des Wissenschaftsjournalismus wird künftig in weitaus höherem Maße gebraucht als bisher. Ich mache einen radikalen Vorschlag: Die Gelder, die bisher für "Wissenschaft im Dialog" und andere Initiativen ausgegeben wurden, sollten in eine Stiftung oder einen Fonds fließen, der unabhängigen Wissenschaftsjournalismus fördert.

Fischer: Aufklärung über Wissenschaft wäre aber auch etwas anderes als die bunten Erklär-Shows, die im Fernsehen dominieren. Es mangelt an kritischen Berichten über Forschung.

3. Dürfen Journalisten Professoren kritisieren?

SPIEGEL ONLINE: Manche Wissenschaftsjournalisten schicken ihre Artikel vor Veröffentlichung zur Kontrolle an Wissenschaftler. Ist manchen die Zustimmung von Forschern wichtiger als unabhängige Berichterstattung?

Fischer: So ist es wohl leider oft.

Lüthje: Das Problem wurde mir neulich in Österreich verdeutlicht. Dort sagte mir der Vorsitzende eines Verbands der Wissenschaftsjournalisten, der ausgerechnet in der PR arbeitet: "Ich bitte Sie. Ich kann doch keinen Professor kritisieren."

Fischer: Wir brauchen mehr Journalisten, die auch Nobelpreisträger kritisch hinterfragen und nicht vor ihnen auf die Knie sinken. Diese Hierarchie ist ohnehin verfehlt: Das Vermitteln von Wissenschaft ist intellektuell oft anspruchsvoller als das Betreiben von Wissenschaft.

SPIEGEL ONLINE: Viele Forscher meinen, dass sie sich gar nicht erklären müssten, da die Wissenschaft sich selbst kontrolliere und korrigiere. Als Argument wird ja gern behauptet, Journalisten wollten in erster Linie Geld verdienen, während Wissenschaftler nur der Wahrheit dienten.

(Lautes Gelächter der drei Wissenschaftler)

Fischer: Wissenschaftler wollen Erfolg, Wissenschaftler wollen eine Frau, ein Hotelzimmer, eine Einladung oder ein Auto! Wir sollten die Wahrheit lassen, wo sie ist - bei den Theologen oder beim lieben Gott.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man sich ansieht, was etwa Politiker an öffentlicher Kritik aushalten müssen, erscheinen Wissenschaftler dann manchmal ein wenig überempfindlich?

Wormer: Ja. Alle entsprechenden Studien der Medienwissenschaft deuten darauf hin, dass über Wissenschaft wesentlich positiver berichtet wird als etwa über Politik. Erfolgsstorys werden wesentlich öfter veröffentlicht als Berichte über Fehlleistungen. Das Bild des Retters im weißen Kittel wird ungern infrage gestellt.

4. Sind Blogs die Rettung?

SPIEGEL ONLINE: Können vielleicht Forscher-Blogs die Wissenschaft besser kontrollieren?

Lüthje: Wohl kaum. Die meisten Forscher haben Angst, kritisch zu bloggen. Sie fürchten die Ausgrenzung durch Kollegen.

Wormer: Dass Wissenschaftsblogs Journalismus betreiben oder ihn gar ersetzen könnten, ist ein Mythos, der im Wesentlichen von Wissenschaftsbloggern verbreitet wird. Blogs sind meinungsstärker und quellenärmer als Massenmedien. Die sozialen Medien scheinen sogar den Korpsgeist unter Forschern zu fördern, Widerspruch wird oft bestraft. Zudem erreichen selbst die deutschen Top-Wissenschaftsblogs vergleichsweise winzige Leserschaften.

SPIEGEL ONLINE: Wenn der bloggende Wissenschaftler kein Journalist sein kann - was ist dann mit den Kommunikationsprofis in den Pressestellen der Institute?

Wormer: Die Euphorie der Wissenschaft, künftig alle medialen Kanäle bedienen zu können, ist totaler Humbug. Ich hoffe, dass die Forschungseinrichtungen davon herunterkommen. Sonst wird deren Kommunikation irgendwann so aussehen wie das Privatfernsehen in den USA: Jeder macht seinen eigenen Kanal mit Mikro-Reichweite, natürlich finanziert mit Steuergeldern. Das ist aus ökonomischer Perspektive absoluter Wahnsinn. Und es ist eine Querfinanzierung, die zumindest fragwürdig ist.

SPIEGEL ONLINE: Zumal die wenigsten allgemein interessierten Leser gezielt nach Wissenschaftsthemen suchen. Weiß man das in Forschungsinstituten nicht?

Wormer: Es gibt in Forschungsinstituten die Idee, man könne unter Umgehung der bösen kritischen Journalisten, die sowieso immer nur falsch berichten, direkt den Endnutzer erreichen. Diese Traumvorstellung ist so verführerisch, dass ich ihr wahrscheinlich auch erläge, wenn ich keine Ahnung von Medien hätte.

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insgesamt 110 Beiträge
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    Seite 1    
1. zunächst
hinnerk.albert 15.02.2015
zunächst bräuchte man eine totale neustrukturierung der deutschen universitäts-und forschunglandschaft dort, wo sie sich momentan unter einfluss von ökos und anderen verstehdeutschen hinbeweget, droht ein kompletter stillstand
2. Oh doch
Suk-ram 15.02.2015
"Hat sich denn nichts verbessert in der Wissenschaftskommunikation?" hat man doch gesehen, nachdem der unkontrollierte Absturz des Rosetta - Landers von der ESA bereits als "voller Erfolg" dargestellt wurde, bevor auch nur die ersten Daten ausgewertet waren; die sind gewiss auch von Kultur- und Kommunikations- "Wissenschaftler"Innen veramerikani- äh: geschult worden...
3. Journalisten
Hornblower, 15.02.2015
haben "Angst" vor Professoren? Gehen wir doch mal einen Schritt weiter. Öffentlichkeit darf Professoren nicht kritisch befragen? Das ist doch Unfug. Nur mal so als Massgabe, weder darf die Offentlichkeit von sich aus behaupten, der Professor zu sein, noch umgekehrt. Man darf sich doch nicht wundern, wenn nicht wenige Menschen lieber gleich in einer Monarchie ( früher Europa) leben oder als anderes Extrem in einer bewaffneten Gesellschaft ( m.E. USA), weil das dann schlicht einfacher wäre. Da es aber in einer komplexen Gesellschaft zu Kontroversen kommen kann, bedarf es eines Knigge des Umgangstones und da sollte der Journalist sich besser mit auskennen als die öffentliche Meinung. Deswegen werden wir Kommentatoren auch "zensiert". Man könnte auch sagen geschliffen zu Edelsteinen:). Je höher der Bildungsgrad der Bevölkerung - möge er steigen - desto stärker der Hunger nach entsprechenden Sendungen bzw. Berichten. Ich habe als Kind Prof. Haber erklärt das Weltall geliebt und diese Liebe ist stetig gewachsen. Über das Weltall kann ich mich auch mit meiner Friseurin oder der Fußpflege unterhalten. Früher war es das Wetter, heute ist es Gott, die Welt und das Universum. Das macht schon Freude! Habt Mut uns Euren Verstand zu leihen:) Dorothee Sehrt-Irrek
4.
epicur 15.02.2015
In der Schule konnte ich mich für die Mint Fächer nie sehr begeistern. Vor ein paar Jahren habe ich ein englisches Buch über die DNA gelesen. Seitdem habe verfolge ich die Veröffentlichungen in der englischsprachigen Welt und habe schon viele wunderbare Bücher gefunden. Auf Deutsch findet gibt davon nicht sehr viel. Ein deutscher Professor, der alten Sorte, ist nur gut, wenn ihn kaum einer versteht. Dies ist der Ritterschlag.
5.
großwolke 15.02.2015
Schwieriges Thema. Ich arbeite als Nichtwissenschaftler in einem wissenschaftlichen Umfeld (Forschung in einem großen Konzern). Wie für nicht-Akademiker üblich besteht auch mein Freundes- und Bekanntenkreis zu einem großen Teil aus Menschen ohne Hochschulbildung. Um diesen Leuten eine ungefähre Idee von den Themenfeldern vermitteln zu können, an denen ich mich mit meiner Arbeitskraft beteilige, muss ich oft grob vereinfachen, je nach Projekt geht da manchmal auch nur der große Zusammenhang, das spezielle Projektziel ist schon zu komplex. Bei den meisten bleibt trotzdem nur hängen, dass ich halt "irgendwas mit Chemie" mache. Dabei sind die Themen gerade superaktuell und gar nicht so schwer zu umreißen. Optimierung von Herstellungsprozessen, um ressourcenschonender zu arbeiten, Umstellung vieler Herstellverfahren auf nachwachsende Rohstoffe, Anpassung von Wertschöpfungsketten auf die regionalen Besonderheiten in aller Welt - eigentlich nicht mal so weit weg von der täglichen Debatte, für viele dennoch schon zu abstrakt. Vor dem Hintergrund verwundert es nicht, wenn Wissenschaftsjournalismus effekthascherisch und in der Sache oft recht simpel gehalten ist. Otto Normalverbraucher ist von sich aus einfach nicht bereit, sich für mehr zu begeistern.
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