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Wissenschaft populär: Training für ängstliche Geheimniskrämer

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Angst, zuviel zu verraten, Angst, als unseriös zu gelten, Angst vor einfacher Darstellung - deutsche Wissenschaftler tun sich schwer, ihre Forschungsergebnisse so offensiv zu verkaufen wie in den USA üblich. Junge Kollegen zeigen jetzt, dass es auch hier anders geht.

Wenn das Volk der Deutschen mal wieder düster in die Zukunft blickt, sich vor Alterung, Klimawandel oder vor Hartz IV fürchtet, dann ist im Ausland nur noch von der "German Angst" die Rede. Dieser Gemütszustand betrifft nicht nur den Durchschnittsbürger, auch unter Wissenschaftlern geht er um - allerdings in ganz spezieller Form.

Viele Forscher hierzulande zeigen sich verschlossen, wenn es darum geht, ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit zu präsentieren. "Es bestehen Ängste, an Reputation unter Kollegen zu verlieren, wenn man wissenschaftliche Fragestellungen einfach darstellt", sagt Wolfgang Kaysser, wissenschaftlicher Geschäftsführer des GKSS Forschungszentrums in Geesthacht. "Das gilt als unwissenschaftlich."

In den USA ist die möglichst populäre Präsentation von Wissenschaft hingegen weit verbreitet - ja geradezu Pflicht. Ob in Science-Museen oder auf speziell für Kinder erstellten Webseiten - überall versuchen US-Forscher, Menschen für sich zu begeistern. Und damit natürlich auch ihre Geldgeber.

Sieben Jung-Forscher beweisen: Es geht auch verständlich

"Die Defizite in Deutschland sind zum Teil erheblich", sagt GKSS-Chef Kaysser im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Forscher hielten sich damit zurück, ihre eigenen Ergebnisse spontan ins Netz zu stellen. "Das ist in Amerika komplett anders." Kaysser weiß, wovon er spricht: Er hat unter anderem am renommierten MIT in Boston geforscht wie auch an verschiedenen europäischen Instituten.

Dass deutsche Forscher auch anders können, haben am Dienstagabend sieben frisch promovierte Wissenschaftler beim Wettbewerb "Verständliche Wissenschaft 2006" bewiesen. Mit dem schon zum sechsten Mal in Geesthacht verliehenen Preis will das GKSS die Reserviertheit der hiesigen Forschergemeinschaft aufbrechen.

Die sieben Finalisten mussten ihre Doktorarbeit in zehn Minuten präsentieren - keine leichte Aufgabe. Eine mit Wissenschaftlern, Politikern und einer Journalistin besetzte Jury bewertete die Vorträge und kürte schließlich die Heidelbergerin Cristina Voss zur Siegerin, die in einem afrikanischen Schamanenpulver Substanzen entdeckt hat, welche sich zumindest im Laborversuch als hochwirksam gegen Krebs erwiesen haben.

Alle frischgebackenen Doktoren nutzten ähnliche Rezepte: Sie griffen zu anschaulichen Vergleichen und peppten ihre Präsentationen mit vielen Fotos und Grafiken auf. Bei Vorträgen vor Wissenschaftlern würde sie die Bilder aber fast alle weglassen, bekannte eine der Teilnehmerinnen hinterher.

US-Amerikaner stellen alles online, Deutsche knausern

Eva Philipp vom Alfred-Wegner-Institut in Bremerhaven, die sich mit den Ursachen des Alterns bei Muscheln beschäftigt hat, sagte, es mache ihr Spaß, Laien Wissenschaft nahe zu bringen. "Es ist schön, wenn man Menschen für sein Thema begeistern kann."

Die Gewinnerin Voss sagte: "Mein Thema, das potentielle Krebsmedikament Riproximin, bietet sich zum Präsentieren geradezu an." Sie bemängelte jedoch das unter Wissenschaftlern in Deutschland stark ausgeprägte Sicherheitsdenken. Eigene Ergebnisse würden kaum im Internet veröffentlicht - aus Angst etwas zu verraten. Wenn man im Netz nach Informationen anderer Forscher suche, finde man auf US-Servern hingegen fast alles: Protokolle, Fotos und so weiter.

Ein bekanntes Phänomen: "Man fürchtet, andere mit der Nase auf neue Lösungen zu stoßen", sagt GKSS-Chef Kaysser, dabei geschehe das in Fachkreisen ohnehin fast zwangsläufig, etwa bei Vorträgen auf Wissenschaftstagungen.

Dass US-Forscher viel häufiger den Spagat zwischen harter Wissenschaft und möglichst einfacher Darstellung wagen, hängt auch mit der unterschiedlichen Finanzierung von Forschung zusammen. "Das Fördersystem in den USA ist auf spektakuläre Ergebnisse fokussiert", sagt Kaysser. Hierzulande orientiere man sich eher auf längerfristige Auseinandersetzung mit einem Thema.

Aus Sicht der Forscher korrekt, für Laien schwer verständlich

Weil US-Forscher viel stärker auf Drittmittel angewiesen seien, suchten sie sich auch gezielt gerade besonders angesagte Themenfelder aus, weil dort leichter an Forschungsgelder zu kommen sei. "Amerikaner springen viel schneller von einem Thema zum anderen." Populäre Forschungsgebiete würden gezielt besetzt.

Zu professioneller Forschung gehört in den USA auch professionelle Pressearbeit - das gilt hierzulande längst nicht für alle Institute und Universitäten. Da erscheinen Pressemitteilungen über spektakuläre Forschungsergebnisse schon mal mit mehreren Tagen Verspätung, nachdem sie in einem der großen Wissenschaftsmagazine wie "Science" oder "Nature" publiziert wurden. Oder es gibt schlicht gar keine.

"Die Kommunikation an Universitäten ist mitunter ein Problem", sagt Christine Vörtler vom Informationsdienst Wissenschaft (idw), über den praktisch alle deutschen Unis und Forschungseinrichtungen ihre Presseinformationen verteilen. "Der Pressesprecher einer Universität kriegt mitunter gar nicht mit, wenn eine Veröffentlichung in einem großen Magazin bevorsteht." Außerdem bemängelt Vörtler die Qualität mancher Pressetexte. "Der Text mag aus Sicht der Wissenschaftler korrekt sein, er ist für den Durchschnittsleser aber nur schwer verständlich."

Vorbild Nasa: Faszination im Vorhinein verkaufen

Wie wichtig die Präsentation der eigenen Forschungsarbeit ist, kann man bei der US-Raumfahrtbehörde Nasa beobachten. US-Steuerzahler pumpen jedes Jahr Milliarden in Raumfahrtprojekte, die erst viele Jahre später realisiert werden. Umso wichtiger ist die Darstellung der eigenen Arbeit. Und dabei nutzt die Nasa-PR-Abteilung ganz gezielt am Computer generierte Animationen - wie sollte man sonst den bemannten Flug zum Mars illustrieren? "Die verkaufen die Faszination im Vorhinein", sagt GKSS-Chef Kaysser, und das gelinge sehr gut.

Immerhin brauchen sich die Forscher hierzulande nicht über mangelnde Aufmerksamkeit zu beklagen: Wissensmagazine bei beinahe jedem Fernsehsender, umfangreiche Wissenschaftsteile in Zeitungen und Zeitschriften - das Interesse der Öffentlichkeit scheint groß.

Thorsten Fischer, der Pressesprecher des GKSS, glaubt, dass deutsche Forscher sich künftig immer besser präsentieren werden - weil sie es müssen. "Vor Jahrzehnten hatten Wissenschaftler einen freien Etat. Heute ist es immer wichtiger, Gelder einzuwerben." Da steige der Druck, eigene Ergebnisse verständlich darzustellen.

Leider ist nicht jeder Forscher ein guter Selbstdarsteller, wie man auch am GKSS weiß. "Manche Leute haben regelrecht Angst vor der Kamera", sagt Fischer. Aber er wäre ein schlechter Pressesprecher, wenn er keinen Ausweg wüsste: "Wir bieten Wissenschaftlern gezielt Medientrainings an." Es besteht also durchaus Hoffnung auf Besserung.

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Forum - Muss sich die deutsche Wissenschaft besser verkaufen?
insgesamt 89 Beiträge
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1. Der Spagat
scharlui 13.12.2006
---Zitat von sysop--- Sollten deutsche Forscher ihre Arbeiten genauso offensiv verkaufen wie ihre US-Kollegen? Oder schadet der Spagat zwischen Seriosität und Populismus der Wissenschaft? ---Zitatende--- Tatsaechlich haben die angelsaechsischen (z.B. Scientific American [= Spektrum der Wissenschaft] und frankophonen [La Recherche] Wissenschaftler einen deutlcihen Vorsprung in Sachen Popularisierung der Wissenschaft. Sie stehen auch staerker unter Druck des sogenannten "publish or perish". Mit Bild der Wissenschaft und GEO wird im deutschen Sprachraum aber maechtig aufgeholt und ueberholt. Leider gibt es aber auch das zweifelhafte PM-Magazin und vor allem das abstruse "Raum und Zeit". Der serioese Spagat muss geschafft werden - die Wissenschaft muss ihre Gelder zunehmend breiter rechtfertigen koennen.
2.
Jochen Binikowski 13.12.2006
Es wäre ja schon viel gewonnen, wenn die deutschen Wissenschaftler ihre Erfindungen besser verkaufen würden und damit in Deutschland Arbeitsplätze schaffen. Ich denke da nur an die Marketing-Desaster von Computer, Fax usw. Wenn eine neues Produkt auf dem Markt Erfolg hat, trägt das auch zum Ansehen des Erfinders und der gesamten Wissenschaft bei.
3.
SHODAN_NET, 13.12.2006
Es wäre auch schön, wenn das Bild in der Öffentlichkeit sich verbessern würde. Naturwissenschaften sind "blöd", Naturwissenschaftler gelten als schrullig und seltsam, neue Technologien werden mit Ignoranz und Angst begegent und polemisiert (Gentechnik z. B.). Aber gegen die Dummheit ist ja bekanntlich kein Kraut gewachsen!
4. Thema
scharlui 13.12.2006
---Zitat von SHODAN_NET--- Es wäre auch schön, wenn das Bild in der Öffentlichkeit sich verbessern würde. Naturwissenschaften sind "blöd", Naturwissenschaftler gelten als schrullig und seltsam, neue Technologien werden mit Ignoranz und Angst begegent und polemisiert (Gentechnik z. B.). Aber gegen die Dummheit ist ja bekanntlich kein Kraut gewachsen! ---Zitatende--- Dochdochdoch 1. Abkehr vom "efficiency"-Denken, das mittlerweile schon die Grundschule verseucht. 2. Abkehr von der PISA-Glaeubigkeit. 3. Foerderung der nicht zielgerichteten allgemeinbildenden, "sinnlosen" Faecher der Allgemeinbildung zur Oeffnung des Horizonts. 4........... 5........... 6........... (an Euch es zu ergaenzen) Aber jetz schwirren wir schon vonm Thema ab
5.
vingativa 14.12.2006
Ein sehr ähnliches Thema hatten wir etwas früher doch schonmal: http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=488
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