Unglücksflug So wollen Forscher das Geheimnis von MH370 lösen

Was verrät die Flügelklappe der Boeing über die Absturzursache von Flug MH370? Warum wurde sie auf La Réunion angeschwemmt? Schrammen, Kratzer und kleinste Krebstiere geben Wissenschaftlern jetzt Aufschluss.

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Aus Sicht der malaysischen Regierung gibt es keinen Zweifel: Das auf La Réunion im Indischen Ozean entdeckte Wrackteil stammt von der verunglückten Boeing 777 des Flugs MH370. Seit 17 Monaten beschäftigt das Schicksal des verschwundenen Malaysia-Airlines-Jets die Welt. Nun scheint klar: Verschwörungstheorien, wonach das Flugzeug irgendwo auf einem Flughafen gelandet ist, können kaum stimmen.

Auch die australischen Behörden sind sich sicher, dass die Boeing irgendwo am Meeresgrund vor der Küste ihres Lands aufgespürt werden wird. Es wäre eine Entdeckung, die den trauernden Familien immerhin Gewissheit über das Schicksal ihrer Liebsten bringen würde.

Wissenschaftler versuchen derzeit mit mindestens drei Strategien, dem Geheimnis des Unglücksflugs auf die Spur zu kommen:

  • durch Untersuchungen am Wrackteil selbst,
  • durch Studium der Ozeanströmungen im Indischen Ozean und
  • durch die Analyse kleiner Meereslebewesen, die sich auf dem Trümmerstück angesiedelt haben.

SPIEGEL ONLINE erklärt, worum es bei den Analysen geht:

1. Materialforschung am Wrackteil

Am wohl wichtigsten für die Unfallforscher sind die Untersuchungen am rund zwei Quadratmeter großen Wrackteil selbst. Die Analysen in den Luftfahrt-Prüflabors der Direction génerale de l'armement in Balma bei Toulouse haben am Mittwochnachmittag begonnen. Doch bisher dringt keine Information zum Zwischenstand nach draußen. Der zuständige französische Staatsanwalt Serge Mackowiak ließ sich nur zu der Aussage hinreißen, es gebe die "sehr starke Vermutung", dass das Trümmerteil tatsächlich von MH370 stamme.

Die zuständigen Materialprüfer dürften allerdings versuchen, unter anderem mit Mikroskopen und Ultraschallgeräten der Aluminiumlegierung des Wrackteils ihre Geheimnisse zu entlocken. Die gefundene Flügelklappe sieht vergleichsweise intakt aus. Das könnte auf einen Aufschlag des Flugzeugs aufs Wasser mit eher niedriger Geschwindigkeit hindeuten. Interessant sind die Bruchkanten des Trümmerstücks. An ihnen könnten sich Hinweise darauf finden, welche Kräfte zum Abbruch des Teils vom restlichen Flugzeug geführt haben.

Vorausgesetzt natürlich, das Salzwasser des Ozeans hat verräterische Hinweise nicht durch Korrosion verschwinden lassen, wie Jim Wildey, früherer Chef der US-Transportsicherheitsbehörde, bereits in einem Interview gewarnt hat.

2. Die Meeresströmungen

Der sogenannte Südäquatorialstrom dürfte das Trümmerteil von der Absturzstelle an den Strand der Insel La Réunion getrieben haben - einmal quer über den Indischen Ozean. Die Computermodelle der Meeresforscher geben diese Langstreckenreise durchaus her. Verhältnismäßig langsam, aber beständig wälzt sich der Strom südlich des Äquators nach Westen, nördlich von La Réunion und Madagaskar verästelt er sich nach Süden.

Der Fall MH370: Klicken Sie zur Vergrößerung auf die Karte
SPIEGEL ONLINE

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Da läge die Vermutung nahe, man müsse den Strom nur sozusagen rückwärts verfolgen - und komme dann im Absturzgebiet heraus. Im Grundsatz ist das auch so. Nur wissen Forscher wie Erik van Sebille vom Imperial College London, dass das in der Praxis nur wenig hilft. "Im Indischen Ozean geht es zu wie in einem Flipperautomaten", sagt der Ozeanograf, der sich auf Treibgut in den Weltmeeren spezialisiert hat. Strudel und Wirbel würden sich ständig ändern und verschieben. Trümmer des Absturzes hätten sich in den vergangenen Monaten großflächig verteilt, auf ein mehrere Hundert Quadratkilometer großes Gebiet, glaubt Erik van Sebille.

Bestenfalls könne man wohl einen Teil des südlichen Suchgebiets ausschließen - weil Treibgut von dort nach Osten gedriftet wäre. Die Insel La Réunion liegt allerdings weit in der entgegengesetzten Richtung. Trotzdem haben Ozeanografen nach dem Fund des Wrackteils ihre Modelle wieder angeworfen. So läuft aktuell eine Modellierung am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, die auf tagesaktuelle Strömungsdaten aus den vergangenen Monaten zurückgreift. Ergebnisse liegen noch nicht vor - und wären dann ohnehin nur sehr großräumig.

3. Die Entenmuscheln auf dem Wrackteil

Hinweise auf den Absturzort könnten sich womöglich auch auf der Oberfläche des Wrackteils finden. Dort haben sich kleine Meeresbewohner angesiedelt, in denen Experten sogenannte Entenmuscheln der Gattung Lepas zu erkennen glauben. Der Meeresbiologe Joseph Poupin von der Militärischen Marineschule im französischen Brest hat einen entsprechenden Verdacht geäußert, ebenso zwei Forscher aus Köln.

Fund auf La Réunion: Mit Entenmuscheln übersätes Flugzeugteil
DPA

Fund auf La Réunion: Mit Entenmuscheln übersätes Flugzeugteil

Entgegen ihres Namens sind Entenmuscheln gar keine Muscheln, sondern kleine Krebstiere. Sie sind mit den Seepocken verwandt und pflegen einen interessanten Lebensstil: Mit einem Stiel heften sie sich an den Untergrund oder im Ozean treibende Gegenstände an - und können sich fortan nicht mehr frei bewegen. Als Nahrung dient ihnen Plankton aus dem Wasser. (Wenn Sie mehr über die Tiere erfahren möchten, lesen Sie hier weiter.)

"Ich denke, wir könnten über die unterschiedlichen Arten von Lepas, die dieses Wrackteil besiedeln, möglicherweise sehr gute Hinweise auf den Absturzort finden", sagt der Kölner Geologe Hans-Georg Herbig. Die verschiedenen Arten könnten eine Rekonstruktion des Wegs erlauben, den das Flugzeugteil durch den Indischen Ozean genommen hat. Zusammen mit dem Biologen Philipp Schiffer hat Herbig für fünf Arten dieser Gattung aus verschiedenen Teilen der Weltmeere erstmals genetische Fingerabdrücke erstellt.

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Entenmuscheln: Weder Ente noch Muschel
Dabei haben die Forscher auch herausgefunden, dass die Arten jeweils nur in bestimmten, von der geografischen Breite abhängigen klimatischen Zonen vorkommen. Innerhalb mancher Arten haben sich wiederum regionale Populationen herausgebildet. Im Fall von MH370 erscheint ihnen die kälteliebende Art Lepas australis interessant. Ließe sie sich am Wrackteil tatsächlich nachweisen, wäre das zumindest ein grober Hinweis auf den Absturzort - in "kühlen, südlichen Meeresbereichen westlich von Australien". Genauer gesagt: 35 Grad südlicher Breite und darunter. In tropischen Bereichen lebt die Art dagegen nicht.

Um verlässliche Aussagen zu treffen, müssten Meeresbiologen sich die Muscheln aus der Nähe ansehen. "Was wir brauchen, sind einfach Schalen", sagt Herbig. Wichtig seien die größten Exemplare, denn diese Individuen seien am ältesten - müssten also aus der Nähe des Absturzorts stammen. Zusammen mit seinem Kollegen Schiffer habe er am Mittwoch "einen recht detaillierten Vorschlag für eine Untersuchung" an die französischen Flugunfallbehörden geschickt. Durch genetische Untersuchungen aller Arten von Entenmuscheln auf dem Wrackteil, so glaubt Herbig, ließe sich das Suchgebiet nach Norden und Südwesten abgrenzen.

Bisher wird in einem 120.000 Quadratkilometer großen Seegebiet gefahndet, eine Fläche so groß wie Bayern, Baden-Württemberg und Hessen zusammen. Dort sind zwei Schiffe des Geotechnik-Unternehmens Fugro im Auftrag der Regierungen von Australien, Malaysia und China für die Suche im Einsatz. Firmensprecher Rob Luijnenburg erklärte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, bisher gebe es keinen Grund, die Suchzone zu verkleinern. "Wir werden in diesem Gebiet weitermachen."

Bisher haben die Schiffe den Meeresboden auf 55.000 Quadratkilometern mit Sonar unter die Lupe genommen, also der knappen Hälfte des Suchgebiets. Wegen des rauen Wetters im Südwinter komme das automatische Unterwasserfahrzeug, das für Teile der Suche ebenfalls genutzt worden war, derzeit nicht zum Einsatz, erklärte Luijnenburg. Man könne es im Bedarfsfall aber jederzeit aus Perth heranschaffen.

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Methusalixchen 06.08.2015
1.
Geheimnisse werden gemeihin nicht "gelöst", sondern "gelüftet" ...
susuki 06.08.2015
2. Was lernen wir daraus...
Wenn das nächste mal ein Flugzeug verloren geht unbedingt in den mutmaslichen Absturzgebieten Treibkörper, wie Gummienten, aussetzen um bein ersten angeschwemten Trümmerteil das Gebiet einzugrenzen. Ich hoffe die Wissenschaftler finden etwas um das einzig naheliegende zu bestätigen. Pilotenselbstmord.
Butenkieler 06.08.2015
3. wer trägt die Kosten?
Die Angehörigen tun mir ja auch leid, aber es ist eine Gewissheit, das die vermissten Personen kaum noch leben. Wer zahlt also die aufwendige Suche. Warum müssen z.B. die Australier Suchflugzeuge und -schiffe stellen. Was hat das Helmholtz-Institut in Kiel damit zu schaffen und wer zahlt das hier in Deutschland alles. Denn wir Bundesbürger haben damit wohl kaum etwas zu tun.
schlaueralsschlau 06.08.2015
4. Interessant
wäre doch zu wissen, ob die USA diese Muscheln und Krebse gezüchtet haben, um sie dann auf dem Wrack mit unsichtbaren Klebstoff zu befestigen! Was wir jetzt brauchen ist eine Hausdurchsuchung der Hangars auf Diego Garcia um den Rest des Airbus zu finden. Aber die Russen sind mal wieder Schuld....
stukenbrok 06.08.2015
5. Seltsam
Hatten nicht all die VT-Spinner behauptet, MH370 wäre entführt und später als MH17 eingesetzt worden? :D
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