Wissenschaft und PR: Die Urangst des Forschers vorm falschen Zitat

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Wissenschaftler meiden Journalisten, von der Berichterstattung über ihre Arbeit sind sie enttäuscht: Alles falsch, sagen Medienexperten, die Forscher weltweit befragt haben. Demnach beherrschen Gelehrte das Spiel mit den Medien immer besser - ihre Urängste bestehen freilich weiter.

Es gab Zeiten, da wagte sich mancher Wissenschaftler kaum hinab in die Niederungen populärer Massenblätter. Warum sollte man die eigene hochkomplexe Forschungsarbeit mehrerer Jahre auch von einem dahergelaufenen Schreiber zu einer reißerischen Überschrift destillieren lassen? Wissenschaftskommunikation hieß in erster Linie: Publizieren der eigenen Forschungsergebnisse in Fachblättern. Und dabei hatte man als Autor immer das letzte Wort, egal ob es um Überschrift oder die Interpretation der Ergebnisse ging.

Sprechen Sie jetzt: Wissenschaftler haben viele Pressekontakte
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Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, zeigt eine neue Studie, die jetzt im Wissenschaftsmagazin "Science" erschienen ist (Bd. 321, S. 204). Hans Peter Peters vom Forschungszentrum Jülich und seine Kollegen haben über 3000 Forscher aus den USA, Deutschland, Japan, Großbritannien und Japan zu ihren Kontakten mit der Presse befragt - und bekamen 1354 Antworten zurück.

"Kontakte zu Journalisten sind Routine", fasst Peters die Ergebnisse der Studie zusammen. Es werde von Forschern erwartet, dass sie mit Journalisten redeten, vor allem wenn sie Leitungspositionen innehätten. Eine weitere Erkenntnis: "Es gibt eine starke Anpassung der Wissenschaftler an die Gesetze der Medien", sagt Peters im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Nützlich für die eigene Karriere

Bei der Umfrage konzentrierten sich die Forscher auf Vertreter zweier eng definierter Fachgebiete: Stammzellforschung und Epidemiologie. So sollten Verzerrungen vermieden werden. Die Befragten hatten erstaunlich viele Kontakte zur Presse. Zwei Drittel gaben an, in den letzten drei Jahren mindestens einmal mit einem Journalisten gesprochen zu haben. 30 Prozent kamen in diesem Zeitraum sogar auf sechs oder mehr Kontakte.

Dass Medienberichte hilfreich sein können, wird von kaum noch einem Wissenschaftler bestritten. Vier von zehn Befragten stuften die öffentliche Berichterstattung sogar ausdrücklich als förderlich für die eigene Karriere ein. Nur ein Viertel glaubt nicht, dass die Berichterstattung dem eigenen Fortkommen dient.

Die parallele Befragung in fünf Ländern erlaubte auch interessante Vergleiche. Tun sich deutsche Forscher tatsächlich schwerer im Umgang mit der Presse als ihre US-Kollegen? Das hat in den vergangenen Jahren beispielsweise Wolfgang Kaysser beobachtet, wissenschaftlicher Geschäftsführer des GKSS Forschungszentrums in Geesthacht. "Es bestehen Ängste, an Reputation unter Kollegen zu verlieren, wenn man wissenschaftliche Fragestellungen einfach darstellt", sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Öffentliche Legitimation der Wissenschaft

In den USA - so zumindest das gängige Klischee - ist hingegen die möglichst populäre Präsentation von Wissenschaft weit verbreitet - ja geradezu Pflicht. Ob in Science-Museen oder auf speziell für Kinder erstellten Web-Seiten - überall versuchen US-Forscher, Menschen für sich zu begeistern. Und damit natürlich auch ihre Geldgeber.

Doch diese auch von manchem Journalisten wahrgenommenen Unterschiede zwischen Deutschland und den USA sind laut Peters in erster Linie ein Vorurteil. In allen untersuchten Ländern sei die Zahl der Interaktionen mit den Medien ähnlich hoch gewesen. Auch die Erfahrungen der Wissenschaftler waren in allen Ländern positiv. "Den Hauptgrund für die Ähnlichkeit dieses Musters sehen wir in der gesellschaftlichen Notwendigkeit einer öffentlichen Legitimation der Wissenschaft", erklärt Peters.

Gewisse, wenn auch kleinere Unterschiede zwischen Deutschland und den USA fanden die Forscher trotzdem. So beurteilten 54 Prozent der befragten US-Forscher die Medienkontakte als karriereförderlich, in Deutschland hingegen nur 43 Prozent, in Großbritannien 45 Prozent.

Interpretationshoheit über die eigenen Daten

Auch die Zufriedenheit mit den Berichten, in denen die Forscher selbst erwähnt oder zitiert wurden, war in den USA größer als anderswo: Immerhin zeigten sich dort 64 Prozent der Befragten angetan, in Deutschland waren es 60 Prozent, in Großbritannien 55 Prozent. Peters führt diese Unterschiede auf zwei Gründe zurück: Amerikaner gingen zum Einen gelassener, lockerer mit Medien um. Zum anderen sei der Journalismus ein anderer.

Trotz der vielen Kontakte haben Wissenschaftler aber nach wie vor große Ängste, wenn sie mit der Presse sprechen - auch das ergab die Umfrage. "Die Forscher fürchten, dass sie die Kontrolle über ihr Wissen verlieren, die Interpretationshoheit über die eigenen Daten", erklärt Peters.

Die Furcht vor falschen Zitaten oder inhaltlich falscher Darstellung und die gleichzeitige relativ große Zufriedenheit mit der Medienresonanz ist für Peters nicht unbedingt ein Widerspruch: "Die Forscher gehen mit großen Ängsten in das Gespräch mit dem Journalisten, sind aber hinterher im Großen und Ganzen zufrieden."

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