Wissenschaft und Religion Wie Forscher nach Gott suchen

2. Teil: Vom Atheist zum Gläubigen: Lesen Sie im zweiten Teil, wie Wissenschaftler durch ihre Arbeit zu Gott finden


Von Michelangelo angefertigtes Kruzifix: Physiker reden selten über Glaubensfragen
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Von Michelangelo angefertigtes Kruzifix: Physiker reden selten über Glaubensfragen

Die Theologie basiert auf den religiösen Erfahrungen des Einzelnen, auf Introspektion und Offenbarungen - alles zwar Formen der Erkenntnis, aber eben keine naturwissenschaftlichen. Die so gewonnenen Antworten können jedoch, glaubt Federspiel, jene aus den Naturwissenschaften ergänzen.

Dass viele Physiker solche Erkenntnisse nicht als unwissenschaftlich abtun und einen festen Glauben entwickelt haben, findet meist eine plausible Erklärung. Bei Allan Sandage etwa waren es die Begegnungen des vernunftgeleiteten Forschers mit der Unendlichkeit und seine Fragen an der Grenze des physikalischen Wissens. "Als junger Mann war ich praktizierender Atheist", sagte der amerikanische Kosmologe. Sandage beschäftigte sich ein halbes Jahrhundert mit dem Alter der Sterne und wurde zu einem Großen seiner Zunft. Im Alter von 72 Jahren legte er ein überraschendes Glaubensbekenntnis ab: "Die Erforschung des Universums hat mir gezeigt, dass die Existenz von Materie ein Wunder ist, das sich nur übernatürlich erklären lässt."

Auch Arnold Benz hatte sich zum Glauben an Gott entschieden, bevor er als Astronom in die Tiefen des Weltalls spähte, ebenso wie John Polkinghorne, der wohl bekannteste Teilchenphysiker, der bekennender Christ ist. Der 1930 in England geborene Polkinghorne wuchs in einer anglikanisch geprägten Familie auf, studierte Physik an der University of Cambrigde, wurde dort 1968 Professor und arbeitete an der Theorie der Elementarteilchen.

Sein schon im Kindesalter geprägter Glaube führte ihn 1979 zu einer klaren Entscheidung: "Nach 25 Jahren hatte ich das Gefühl, meinen Teil zur Wissenschaft beigetragen zu haben und dass es an der Zeit sei, etwas anderes zu tun", erinnert sich Polkinghorne. Er verließ die Universität und wurde 1981 zum anglikanischen Pfarrer geweiht. In den Jahren darauf schrieb Polkinghorne zahlreiche Bücher, in denen er versuchte, den Kosmos als Schöpfung Gottes zu erklären, ohne dabei wissenschaftliche Grundsätze über Bord zu werfen.

Entstehung von Planeten (Simulation): Zu unwahrscheinlich, um nicht übernatürlichen Ursprungs zu sein?
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Entstehung von Planeten (Simulation): Zu unwahrscheinlich, um nicht übernatürlichen Ursprungs zu sein?

Jene Astronomen und Astrophysiker, die mit ihrem Glauben in die Naturwissenschaften aufgebrochen sind, erleben den Kosmos voller wunderbarer Hinweise auf das Wirken Gottes. "Das Weltall ist uns so unwahrscheinlich günstig gesinnt, dass es geplant zu sein scheint", sagt etwa Andreas Tammann, Professor für Astronomie an der Universität Basel. "Wäre zum Beispiel die Materiedichte im Urknall nur um den zehn-hoch-vierzigsten Teil größer gewesen, wäre das Universum in kurzer Zeit wieder kollabiert." Mit dieser Erkenntnis kann Tammann in sein Weltbild problemlos einen Gott einbauen, der die Naturgesetze festgelegt und das Weltall "angeschoben" hat.

Tatsächlich scheint vieles im Kosmos exakt auf das menschliche Dasein ausgerichtet zu sein - Physiker sprechen vom anthropischen Prinzip. Wären die Stärke der Gravitation, die Ladung eines Elektrons oder die Masse eines Protons nur geringfügig anders, gäbe es weder Atome noch funkelnde Sterne und erst recht kein Leben. "Die feine Abstimmung der Naturgesetze inspiriert zu der Annahme, dass dies kein Zufall ist, sondern ein Zweck dahinter steht", sagt John Polkinghorne. Nach seiner Auffassung könnte Gott allgegenwärtig in den Weltenlauf eingreifen, auf eine Weise jedoch, die sich physikalisch nicht nachweisen lässt. Gott beeinflusse etwa chaotische Prozesse, die unvorhersehbar in verschiedene Richtungen verlaufen könnten.

Die Vorstellung, ein Weltenerschaffer könne auch heute noch das Geschick des Planeten oder gar einzelner Menschen lenken, überfordert nicht nur Skeptiker. "Ob Gott in die Welt eingreift, ist eine schwierige Frage", sagt auch Martin Federspiel. Dass Geschehnisse in der Welt zustande kommen, indem Gebete erhört werden oder Schutzengel tätig sind, hält er für schwer vorstellbar. Federspiel sieht eher ein mittelbares Wirken Gottes: "Sein Geist wirkt in den Menschen, wenn sie es zulassen, und die Menschen wirken in der Welt."

Viele Wissenschaftler sind sich - ob gläubig oder nicht - gerade in jüngerer Zeit erneut der Grenzen der Naturwissenschaften bewusst geworden. So machen Forscher immer wieder die Erfahrung, dass die Lösung eines Problems eine Vielzahl neuer Fragen aufwirft und die Komplexität des Universums zunimmt. Womöglich bedarf es nicht einmal eines starken Glaubens, um sich ein Eingreifen Gottes zumindest vorstellen zu können. "Gott ist seit einiger Zeit jedenfalls kein Tabuthema mehr", bestätigt Eduard Thommes. "Es kommt inzwischen häufiger vor, dass man unter Kollegen darüber redet."

Das entspannte Verhältnis zwischen Astrophysik und Theologie ist allerdings in der Neuen Welt augenfälliger als in Europa. In den USA gehört Religiosität zum Alltag wie zur Politik. Rund 90 Prozent der US-Bürger glauben an Gott, 80 Prozent an die Auferstehung, und an vielen theologischen Fakultäten der Universitäten gibt es das Fach "Science and Religion".

Bereits 1972 gründete der Milliardär und Philanthrop Sir John Templeton eine Stiftung, die jährlich ein Preisgeld von einer Million Dollar an Persönlichkeiten vergibt, die sich um die Verbindung zwischen Wissenschaft und Spiritualität verdient gemacht haben. John Polkinghorne war der Preisträger des Jahres 2002, der Physiker Paul Davies wurde 1995 ausgezeichnet.

In Deutschland dagegen bleiben die Kirchen häufig leer. Der Glaube spielt im öffentlichen Leben allenfalls eine Nebenrolle, und doch lässt er Forscher wie Arnold Benz nicht kalt: "Für mein astrophysikalisches Handwerk brauche ich die tiefere Einsicht durch den Glauben zwar nicht, wohl aber für meine Motivation und meine Faszination - schließlich bin ich ein Mensch."

Henning Engeln, GEO Wissen



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