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Wissenschaft und Religion: Wie Forscher nach Gott suchen

Für Astrophysiker ist die Entstehung und Entwicklung des Universums naturwissenschaftlich erklärbar. Dennoch bekennen sich gerade in jüngster Zeit viele Forscher als religiös. Für sie passen Gott und moderne Kosmologie zusammen.

Steinzeit-Observatorium Stonehenge: Forscher suchen nach dem Schöpfergott
REUTERS

Steinzeit-Observatorium Stonehenge: Forscher suchen nach dem Schöpfergott

Vor rund 5000 Jahren, etwa zu jener Zeit, als in den Alpen die letzte Stunde des Gletschermannes Ötzi schlug, errichteten Steinzeitmenschen in Südengland ein seltsames Bauwerk. Sie häuften einen Erdwall von 110 Metern Durchmesser auf, postierten darin Pfosten und Steine und türmten schließlich um 1600 v. Chr. jene gigantischen Steinquader auf, die der Stätte den Namen "Stonehenge" verliehen. Die Anlage war ein kultischer Ort - und zugleich ein Himmels-Observatorium. Mittels der Pfosten und Steine ließen sich die Auf- oder Untergänge von Sonne und Mond anpeilen, die Tageslängen bestimmen und sogar Mondfinsternisse vorhersagen.

In Stonehenge haben sich der Glaube an das Übernatürliche und die Beobachtung der Gestirne unübersehbar miteinander verwoben. Der Blick in den Himmel hat den Betrachtern nicht nur funkelnde Sterne, sondern auch Götter und Geschicke offenbart - und den Priester-Astronomen Macht und Ansehen übertragen.

Wenn der Heidelberger Astronom Klaus Meisenheimer im Jahr 2003 das nächtliche Firmament betrachtet, findet er den Anblick zwar faszinierend, doch sieht er nichts Göttliches im All. "Die Schwärze des Himmels, das Gefühl, unendlich weit sehen zu können, ist eine außerordentlich schöne Erfahrung", sagt er, "aber mehr auch nicht."

Ganz anders erlebt sein ehemaliger Doktorand Eduard Thommes, der am Institut für Theoretische Physik der Universität Heidelberg forscht, den Blick in das glitzernde Gefunkel. Er bekennt: "Wenn ich abends hinausgehe und in den Sternenhimmel schaue, dann spüre ich etwas Göttliches; ich fühle mich geborgen und geführt von einem persönlichen Gott." Obwohl die beiden Forscher von ihren gegenteiligen Auffassungen wussten, haben sie darüber nie miteinander geredet. Astrophysiker unterhalten sich eher über rationale Fragen, über Techniken der Beobachtung oder über die Plausibilität wissenschaftlicher Theorien. Fragen nach Gott zu stellen gilt offenbar als zu persönlich.

Ist Eduard Thommes mit seinem Glauben an einen kümmernden, liebenden Gott ein Relikt aus jener Zeit, in der Schöpfer und Gestirne gemeinsam gesehen wurden? Und vertritt sein Doktorvater die modernere, aufgeklärte und rationale Einstellung zum Glauben? Auf den ersten Blick mag dies so erscheinen, tatsächlich aber beziehen viele Astronomen auch das Unerklärbare in ihre Sicht der Welt ein.

In früheren Jahrhunderten hatten selbst die bedeutendsten europäischen Naturwissenschaftler kein Problem damit, göttliches Wirken und die Gesetze der Natur als miteinander vereinbar zu empfinden: Kopernikus, Kepler, Galilei, Newton und selbst Einstein - sie alle waren gläubig. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hielten immer mehr Astrophysiker Gott für überflüssig. Mit der Entdeckung des Urknalls wurde die Entwicklung des Kosmos von seiner Geburt an verstehbar. Alles schien sich nach rein physikalischen Gesetzen zu vollziehen. Der Astronom und erklärte Atheist Carl Sagan stellte 1988 fest: "Für einen Schöpfer bleibt nichts zu tun."

Doch seit einigen Jahren kommt es unter den Naturwissenschaftlern zu einer Renaissance des Religiösen. Im April 1992 verkündete ein amerikanisches Astrophysiker-Team, es habe Schwankungen in der Mikrowellen-Hintergrundstrahlung entdeckt und damit die frühesten Strukturen des Universums, nur 380.000 Jahre nach dem Urknall. Auf einer Pressekonferenz ließ sich Teamchef George Smoot zu den Worten hinreißen: "Dies waren die ursprünglichen Samen, aus denen sich alle heutigen Strukturen entwickelt haben. Wenn man religiös ist, bedeutet das, Gott zu erblicken."

Milchstraßen-Region DR21: "Die Existenz von Materie ist ein Wunder"
NASA/ JPL-Caltech

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Naturwissenschaftler gehen schon seit einiger Zeit Hinweisen auf die Existenz eines übernatürlichen Wesens nach, etwa die Physiker Paul Davies ("Der Plan Gottes") und Frank Tipler ("Die Physik der Unsterblichkeit"). Tipler ist sogar überzeugt, mit physikalischen Mitteln belegen zu können, dass es einen Gott, einen Himmel, eine Hölle und die Wiederauferstehung von den Toten gibt. Dabei degradiert er die Theologie - wenn sie nicht blanker Unsinn sein solle - kurzerhand zu einem Teilgebiet der Physik.

Eduard Thommes kann Tiplers These nichts abgewinnen: "Seine Interpretation ist sehr weit hergeholt. Tipler meint, er könne Gott mit der Physik beschreiben, doch das ist unmöglich. Das kann die Physik nicht leisten." Dem stimmt auch Arnold Benz vom Institut für Astronomie der ETH Zürich zu, der ebenfalls von der Existenz eines Schöpfers überzeugt ist. Benz hält zudem wenig von einem Gottesbegriff, der dort weiterhelfen soll, wo das physikalische Wissen an Grenzen stößt: "Gott ist kein Lückenbüßer."

Wenn sich Gott aber weder physikalisch beweisen lässt noch als Erklärung dessen dienen soll, was die Naturwissenschaft nicht mehr zu begreifen vermag - wie begründen Astrophysiker dann ihren Glauben?

"Die Naturwissenschaft hat Methoden entwickelt, mit denen sie erfolgreich einen Teil der Wirklichkeit beschreiben kann - aber eben nur einen Teil", erklärt Martin Federspiel, der am Planetarium der Stadt Freiburg das Wissen vom Weltall verständlich präsentiert. "Daher kommt die Naturwissenschaft auch nur zu bestimmten Antworten." Antworten auf Fragen, wie Geist und Materie zusammenhängen oder warum die Naturgesetze so sind und nicht anders, könnten, so Federspiel, die Naturwissenschaften nur gemeinsam mit der Philosophie und der Theologie suchen: "Da diese aber methodisch anders vorgehen, haben die Antworten auch eine andere Qualität."

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