Wissenschaftliche Revolutionen: Dieser Stillstand, der alles verändert

Wachstum, immer wieder Wachstum. Wozu? Manchmal ist der Stillstand die schwierigere Leistung, glaubt Software-Pionier Kai Krause. Wir haben schon so viel an Lebensqualität, die niemand jemals vorhergesehen hat. Sie erst einmal für alle Menschen verfügbar zu machen, ist das sinnvollste Ziel.

Geschäftsmann mit Axt vor Wiese (Collage): Die einzige Konstante bleibt stets Veränderung Zur Großansicht
Corbis

Geschäftsmann mit Axt vor Wiese (Collage): Die einzige Konstante bleibt stets Veränderung

Warum gibt es nur diese Vorstellung - ein Zustand sei nicht gut ohne Wachstum, Erweiterung, Umgestaltung … Veränderung?

Tief in der menschlichen Psyche eingebettet gibt es diese Vorstellung, jede Situation sei lediglich als momentanes Gleichgewicht zu sehen, das nur darauf wartet, dass die unvermeidliche Veränderung stattfinde.

Die einzige Konstante bleibt stets ... Veränderung.

Doch im größeren Maßstab eines Menschenlebens ist Veränderung um der Veränderung willen kein würdiges Mantra. Manchmal ist Stillstand, das genaue Gegenteil von Veränderung, die schwierigere Leistung, die kniffeligere Herausforderung und doch das edlere Ziel.

Auf der langen Suche, uns durch die Jahre windend, geht es meines Erachtens weniger um Reichtümer, Ehre oder Macht, sondern um Lebensqualität.

Und da stelle ich die Rolle der breiten Gesellschaft für mich in meinen eigenen, persönlichen tagtäglichen Zyklen in Frage: Ich werde nicht auf irgendeine "neue Welt" warten, egal wie "schön" sie sein mag, damit sie meinen Weg zum Ziel eines erfüllten Lebens lenkt.

Am Ende zucke ich mit den Achseln

Darin unterscheide ich mich von einigen der gelehrten Köpfe in diesem erlesenen Forum.

Auf diesen Seiten findet man direkte, einfache Antworten: die Klimakatastrophe, außerirdisches Leben und Asteroidenkollisionen - und dazwischen Lösungen "aus dem Labor": an Genen herumdoktern, Superintelligenz und Nanotechnologie hervorzaubern, Warten auf die Singularität der starken KI, Angst vor rebellischen Robotern oder das Herbeisehnen einer unendlichen menschlichen Lebensdauer.

Große Themen, gut gesprochen, und dennoch ... am Ende zucke ich mit den Achseln.

Liegt es daran, dass die wahre Zukunft immer unvorstellbar anders ausgefallen ist als irgendeine Vorhersage, die jemals angeboten wurde?!? Dass sämtliche Beschreibungen, die sich über mehr als ein Jahrzehnt erstreckten, immer den eigentlichen Kern der wesentlichen Veränderung um Meilen verpasst haben?

Mein These zusammengefasst: Man muss nicht weit in die Zukunft gehen, um über Veränderungen zu sprechen. Wir befinden uns mittendrin, und das schon seit geraumer Zeit.

Das aktuelle Jahrzehnt, passenderweise als "die Null-Jahre" bezeichnet, hat bereits alles verändert. Der alles überragende Zusammensturz der einst heiligen persönlichen Freiheiten, wie das Post-, Telefon- oder Bankgeheimnis ist erst der Anfang.

Niemand hat das Ausmaß der Veränderungen vorhergesehen

Während einst globale Prioritäten wie die Aidsforschung oder Raumfahrt Etats in ein- oder zweistelliger Milliardenhöhe zugewiesen bekamen, pokern wir heute lässig mit zehn Billionen, um eine Branche nach der anderen zu stützen. Die Fundamente selbst beben.

Es geht nicht um Politik - es geht einfach darum, dass niemand vor zehn Jahren das Ausmaß der Veränderungen vorhergesehen hat, in deren Mitte wir uns heute befinden.

Dazu ist gar kein Apophis-Asteroid nötig, der auf unserem Planeten einschlägt.

Aber das Thema "Veränderung hat bereits stattgefunden" kann man auch positiv sehen.

Es ist nahezu unmöglich, Lebensqualität zu definieren, sie besteht aus einer zutiefst persönlichen Reihe von Werten, Urteilen und Emotionen. Doch in den letzten Jahren hat es Durchbrüche gegeben, ein neues Gefühl der Ermächtigung, ein neues Ausmaß der Funktionsfähigkeit unserer Werkzeuge: Das Recherchieren ist heute ungeheuer mächtig, schnell, billig und angenehm; früher war es eine langsame, qualvolle und teure, lästige Pflicht. Auf die gesamte Encyclopaedia Britannica, Wikipedia, Millionen von Seiten von Schriften aus allen Epochen zugreifen zu können, Antworten auf fast jede Frage in Sekundenschnelle finden zu können, sie auf einem riesigen, gestochen scharfen Fenster-zur-Welt-Bildschirm betrachten zu können: So ist Arbeit das reinste Vergnügen.

Alles, was mir jemals lieb und teuer war, unmittelbar zu meiner Verfügung

Bilder: Erinnerungen lassen sich zeitlich einfrieren, zu jeder Gelegenheit, herrlich detailliert, zu Hunderttausenden sammeln.

Die wenigen cineastischen Meisterwerke, die der Mensch unter der erbärmlichen Masse von Müll erschaffen hat, kann man heute besitzen und anschauen, immer wieder abspielen und als Standbild betrachten.

Musik: alles, was mir jemals lieb und teuer war, unmittelbar zu meiner Verfügung, Zehntausende Stücke. Bachs Lebenswerk, 160 CDs davon, sogar in meiner Tasche! Man stelle sich das noch vor wenigen Generationen vor?

Eine perfekte Tasse Tee, das richtige Brot mit toller Konfitüre, die Berliner Philharmoniker spielen JETZT, nur für MICH, genau DIESES Stück ... und sie legen sogar eine Pause ein, wenn ich pinkeln muss!

Was will man denn noch mehr??

Milliarden unserer Vorfahren wären an einem "Sofortigen-Glücksüberdosis-Syndrom" explodiert, wenn ihnen all diese wunderbaren Mittel zur Verfügung gestanden hätten, und dabei habe ich geheizte Räume, nächtliche Beleuchtung, saubere Duschen, sicheres Essen, allgegenwärtige Mobilität und Zahnärzte mit Narkosemitteln noch gar nicht erwähnt.

Ein Ende des endlosen, sinnlosen Leidens ist das sinnvollste Ziel

Alles zu verändern, sollte eigentlich gleichbedeutend sein mit: Lasst diesen Grundzustand für unsere Milliarden Mitbewohner auf diesem dystopischen Erdball Wirklichkeit werden. Jetzt! Ein Ende des endlosen, sinnlosen Leidens ist das sinnvollste Ziel. Ja, durchaus, lasst uns alles verändern.

Werde ich das noch zu meinen Lebzeiten erleben? Nun ja. Ich werde den Anfang sehen. Und ich habe eine optimistische Ader, voller Hoffnung, dass sich der menschliche Geist unüberwindbaren Herausforderungen stellen kann.

Photonische Solarfarbe, die auf jeder Oberfläche kostenlose Energie einsammelt; transparente photovoltaische Filme, die jedes Fenster eines Gebäudes oder Fahrzeugs in eine ständige Energiequelle verwandeln; allgemeine Voltaik mit 90-prozentigem Wirkungsgrad ...

Wasser problemlos in Wasserstoff spalten (und diesen dann nutzen, um eine Entsalzungsanlage zu betreiben, die Trinkwasser erzeugt ...)

Strom ohne Kabel übertragen (wie es das MIT schließlich getan hat, indem sie Teslas Hinweis nachging).

Batterien, die mit "Restenergie" aus der Luft Notebooks und Handys für nahezu unbegrenzte Zeit mit Strom versorgen ...

All das ist schon ganz nahe und wird einen riesigen Unterschied machen - nicht nur in Manhattan, London und Tokio, sondern auch in Ulaanbaatar, Irian Jaya oder dem Pantanal.

Man muss gar keine großen, umwälzenden Kräfte beschwören, riesige Umwälzungen, jene Nanotech-Armeen, genetisch gesplicete KI-Roboter ...

Lasst uns die Ruhe und den Frieden aufbringen, die Dinge eine Weile lang so zu lassen, wie sie sind. Geben wir sie dem Rest der Welt. Nehmen wir uns die Zeit, sie wirklich zu genießen. Kosten wir den Moment aus, nehmen wir alles, was er zu bieten hat.

All dies wahrhaft sehen, hören, riechen und schmecken ...

Diesen Stillstand ... der alles verändert hat.

Aus dem Englischen übersetzt von Daniel Bullinger

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
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1. Wie?
Gegengleich 17.09.2009
Zitat von sysopWachstum, immer wieder Wachstum. Wozu? Manchmal ist der Stillstand die schwierigere Leistung, glaubt Software-Pionier Kai Krause. Wir haben schon so viel an Lebensqualität, die niemand jemals vorhergesehen hat. Sie erst einmal für alle Menschen verfügbar zu machen, ist das sinnvollste Ziel. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,636551,00.html
Aber das ist leider nichts, was uns die globalen Konzerne verkaufen wollen. Im Gegenteil, die sind ja darauf angewiesen, daß es immer jemanden gibt, der mehr hat und damit den Neid der anderen auf sich zieht. Also, ein hehres Ziel. Kann ich nur unterstützen. Aber wie setzen wir's um?
2. Nunja.
Angstroem 17.09.2009
Man kann ja eine Glosse schreiben, aber sollte dann dennoch mal darüber sinnen, was man so schrieb. "Wasser problemlos in Wasserstoff spalten (und diesen dann nutzen, um eine Entsalzungsanlage zu betreiben, die Trinkwasser erzeugt...)" Wenn ich schon Wasserstoff habe, dann verbrenne ich den einfach. Kommt nämlich als "Abfall" Wasser bei raus, das dann nur noch mineralisiert werden will. Beispielsweise durch Beigabe eines gewissen Promillesatzes an Meerwasser.
3. Andere Anregung
Silverhair 17.09.2009
Zitat von AngstroemMan kann ja eine Glosse schreiben, aber sollte dann dennoch mal darüber sinnen, was man so schrieb. "Wasser problemlos in Wasserstoff spalten (und diesen dann nutzen, um eine Entsalzungsanlage zu betreiben, die Trinkwasser erzeugt...)" Wenn ich schon Wasserstoff habe, dann verbrenne ich den einfach. Kommt nämlich als "Abfall" Wasser bei raus, das dann nur noch mineralisiert werden will. Beispielsweise durch Beigabe eines gewissen Promillesatzes an Meerwasser.
Vielleicht bezog er sich auf folgende Anregung eher.. http://www.wdg-hamburg.de/node/1036
4. Das geht .
bürger mr 17.09.2009
Zitat von GegengleichAber das ist leider nichts, was uns die globalen Konzerne verkaufen wollen. Im Gegenteil, die sind ja darauf angewiesen, daß es immer jemanden gibt, der mehr hat und damit den Neid der anderen auf sich zieht. Also, ein hehres Ziel. Kann ich nur unterstützen. Aber wie setzen wir's um?
Wir können es . Einer fängt an damit, viele andere machen es nach. Wenn wir beide uns an die eigene Nase fassen und erste Dinge in die oben beschriebene Richtung Unter- nehmen,dann ist doch der Anfang getan. Sehen Sie, es geht doch schon los. :-)
5. gibt's doch schon lange
ArbeitsloserMathematiker 17.09.2009
Zen nur verstehen tut's Keiner .-)
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Zur Person
Kai Krause, geboren 1957 in Dortmund, ist ein Software-Pionier. In den siebziger Jahren zog er nach Kalifornien und komponierte Synthesizermusik. Mit seinen Grafikprogrammen, darunter Kai's Power Tools, verdiente er genug, um mehrere Software-Firmen gründen zu können. Krause lebt auf Burg Rheineck - er nennt sie Byteburg. Dort verfolgt er weitere Software-Projekte.

Edge
Die Internetzeitschrift "Edge" versammelt in einer legendären Serie Beiträge der renommiertesten Wissenschaftler der Welt. Jedes Jahr wird ihnen eine Frage gestellt. Dieser Beitrag entstand als Antwort auf die Frage: Was wird alles verändern? SPIEGEL ONLINE präsentiert ausgewählte Beiträge exklusiv.