Journalisten und Umweltforschung Schlechtes Medien-Klima

Das Thema Klimawandel wird leidenschaftlich diskutiert. Wer als Wissenschaftsjournalist darüber berichtet, wird genau beäugt. Erstaunlicherweise sind Forscher in der Regel mit den Medienberichten zufrieden. Warum nur?

Von


Wie stark verändert der Mensch das Klima? Welche Folgen hat die Erderwärmung? Kaum ein Thema der Wissenschaft provoziert so viele emotionale Kommentare wie der Klimawandel.

Welche Positionen transportieren die Medien? Wissenschaftsjournalisten berichteten eher selten kritisch über Forschung zum Klimawandel - zum Wohlwollen der Forscher, berichten Soziologen. Eine Umfrage unter 1100 Klimaforschern in Deutschland von Medienforscher Mike Schäfer von der Universität Hamburg zeigt : "Die Zufriedenheit mit der Berichterstattung ist groß".

Bemängelt werde lediglich, so schrieben die Soziologen Hans Peter Peters vom Forschungszentrum Jülich und Harald Heinrichs von der Universität Lüneburg in einer Studie 2005, "die begrenzte Fachkompetenz der Journalisten". Gleichwohl wiesen Wissenschaftsjournalisten und Klimaforscher eine "starke Co-Orientierung und eine geteilte Kultur" auf. "Die Interessen von Klimaexperten und Journalisten stimmen offenkundig überein", resümieren Peters und Heinrichs.

Manchen Klimaforschern geht die Harmonie nun offenbar zu weit: "Viele wünschen sich kritischeren Journalismus", berichtet Senja Post von der Universität Mainz. Fast drei Viertel der 123 Forscher, die an ihrer Befragung teilgenommen haben, hätten gefordert, es müsse "deutlicher darauf hingewiesen werden, dass noch viele Fragen zum Klimawandel ungeklärt sind", sagt die Kommunikationswissenschaftlerin SPIEGEL ONLINE.

Besonderheiten des Klimathemas

Die weitgehende Harmonie zwischen Klimaforschern und Journalisten erklärt Irene Neverla, Mediensoziologin an der Universität Hamburg, mit der besonderen gesellschaftlichen Konstellation: Beim Thema Klimawandel stünden in Westeuropa Nichtregierungsorganisationen ausnahmsweise auf der Seite der Wissenschaft. In anderen Bereichen stellten insbesondere Verbraucherverbände die Forschung an den Pranger, was dann von Medien entsprechend aufgegriffen würde. Kritische Berichterstattung, so Neverla, gerate leicht in den Verdacht, gegen die gute Sache zu sein. "Eigentlich müssten Journalisten öfter kritisch nachfragen", sagt die Medienexpertin, die zusammen mit Schäfer eine Studiensammlung zum Thema herausgegeben hat.

In den USA übten Lobbygruppen der Industrie den größten Einfluss aus: Deren Propaganda habe dazu geführt, dass die Thesen einzelner Forscher, die einen großteils natürlichem Klimawandel propagierten, aufgebauscht worden seien, was anscheinend auch Politiker beeinflusst habe. Allerdings halten Umfragen zufolge drei Viertel der US-Bürger einen menschlichen Einfluss auf das Klima für wahrscheinlich.

Der journalistische Grundsatz, ausgewogen zu berichten, erschwert die Berichterstattung über Klimaforschung. Journalisten sollen möglichst alle Meinungen zu einem Thema darstellen. Beim Thema Klima jedoch drohe ein "fehlerhaftes Gleichgewicht" ("Balance as Bias"), warnen seit langem die US-amerikanischen Medienexperten Maxwell und Jules Boykoff: Minderheitenmeinungen etwa über vermeintlich natürliche Ursachen der Klimaerwärmung könnten in Medienberichten unangemessen häufig vertreten sein.

Politische Erwägungen

Auch manche Klimaforscher in Deutschland haben Sorge, Artikel über widersprüchliche Ergebnisse könnten zu Fehldeutungen führen. Auf die Frage, ob Berichte über Studien "von Interessengruppen missbraucht werden könnten", antworteten die Forscher in ihrer Umfrage mit unterschiedlicher Tendenz - je nachdem, wie eine Studie ausgefallen ist, berichtet Senja Post: Von Studien mit optimistischen Resultaten bezüglich der Zukunft fürchteten mehr Forscher (32 Prozent), die Ergebnisse könnten missbraucht werden, als von Studien mit bedrohlichen Ergebnissen (14 Prozent).

Die Auswertung Tausender Artikel in Deutschland, den USA und in Großbritannien habe gezeigt, dass konservative Medien eher wissenschaftskritische Stimmen zu Wort kommen ließen, während links stehende Zeitungen zur Deutung der Umweltverbände neigten, sagt Neverla. Die Selektion zeitige kuriose Folgen: Das Wissen der Leser übers Klima wachse, jedoch kaum jemand ändere dadurch seine Meinung zum Thema.

Tausende Forschungsresultate geben Anlass zur Sorge, der Klimawandel könnte teils verheerende Folgen haben. Andererseits sind Ergebnisse in der Klimaforschung von hohen Unsicherheiten geprägt. Wissenschaftsjournalisten, die über offene Fragen berichten, laufen Gefahr, in die Ecke der sogenannten Klimaleugner gestellt zu werden, die grundsätzliche wissenschaftliche Erkenntnisse bestreiten, sagt Mike Schäfer. Die Komplexität des Themas mache es Medien extrem schwer, sagt auch Neverla: "Die Wissenschaft warnt vor gravierenden Risiken des Klimawandels - allerdings bei erheblichen Unsicherheiten der Ergebnisse." Dieser Zusammenhang sei nur schwer vermittelbar.

insgesamt 532 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
danido 05.06.2013
1.
---Zitat--- Zitat aus Artikel: "Die Wissenschaft warnt vor gravierenden Risiken des Klimawandels - allerdings bei erheblichen Unsicherheiten der Ergebnisse." Dieser Zusammenhang sei nur schwer vermittelbar. ---Zitatende--- Daran ist überhaupt nichts schwer vermittelbar. Es geht in der Klimaforschung um Geld und das kriegt man nur wenn man der Gesellschaft Angst macht. Sagt man hingegen "Es ist alles in Ordnung Leute, keine Panik" gibts auch keine Kohle, keine Forschungsgelder, keine Tantiemen aus Buchverkäufen. In die Klimaforschung gehen nur ganz spezielle Leute, mit einem klar definierten Ziel, niemand wird Klimaforscher um den Klimawandel zu widerlegen. ---Zitat--- Zitat aus Artikel: Allerdings halten Umfragen zufolge drei Viertel der US-Bürger einen menschlichen Einfluss auf das Klima für wahrscheinlich. ---Zitatende--- Das zeigt sehr gut wie die Öko-Lobby Politik macht. Da wird eine Umfrage gestartet mit der Frage: "Glauben Sie, dass der Mensch einen Einfluss auf das Klima hat?" ...natürlich antworten dann die meisten mit ja, weil es logisch ist, dass allein die Existenz des Menschen einen Einfluss auf das Klima hat. Aber die Öko-Lobby nimmt diese Umfrage dann her und sagt: "Schaut her Leute, die Mehrheit will, dass wir weniger CO2 verbrauchen und mehr Windmühlen bauen, und jeder glaubt es wird wärmer. Absurd! @SPON: Neue, nette, hübsche Seite. Hättet ruhig eine Diskussionsseite dazu öffnen können, so viel schlechte Kritik hättet Ihr bestimmt nicht bekommen.
LorenzSTR 05.06.2013
2. Wirtschaftsjournalismus
Dass es nicht besonders gut für Mensch und Klima ist, Unmengen an Abgasen in die Luft zu blasen, dürfte jedem einigermaßen vernunftbegabten Menschen auch ganz ohne Medien bekannt sein. Interessanter als Objekt der Medienforschung wäre der jahrzehntelange und immer noch fortwährende Einfluss der neoliberalen Lobby auf den Journalismus - da wird es nämlich richtig haarsträubend.
ajf00 05.06.2013
3.
Hauptprobleme mit der Berichterstattung in serioesen Medien (also nicht sowas wie Fox News oder Welt) sind meiner Meinung nach: 1. Es wird zuwenig berichtet. (Neulich ein interessanten Vorschlag gehoert, warum nicht so wie aktuelle Aktien- oder Waehrungskurse auch jeden Tag in der Zeitung den aktuellen Stand der CO2 Konzentration, nur eine Zeile, aber jeden Tag etwas zum Denken). 2. Es wird zu isoliert darueber berichtet. Ich glaube wir brauchen nicht nur Wissenschaftsjournalisten, sondern auch Wirtschafts- und sonstige Journalisten muessen den Klimawandel in ihre Berichterstattung einbauen. Was sagt die Wissenschaft zu Ereignissen wie dem aktuellen Hochwasser, macht es Sinn Grimma wieder aufzubauen, worauf muss dabei geachtet werden? Was wurde eigentlich aus dem Stern-report, was gibt es neues aus den Wirtschaftswissenschaften, nicht nur der Klimawissenschaft dazu? Klimawandel ist ein Querschnittsthema (das ist eines der grosse Probleme fuer die Wissenschaft auch, woher soll jemand der ein Klimamodell baut, dass die Wahrscheinlichkeit bestimmter Wetterereignisse vorhersagt wissen, wie sich das dann wirklich auf die Leben der Menschen auswirken wuerde - das koennte eine journalistische Reportage viel besser.)
LouisWu 05.06.2013
4.
Ach, ihr Journalisten. Natürlich sind only bad news good news und natürlich wäre eine Nachricht "Es wird wärmer und das hat eine Menge Vorteile" keine Nachricht, die die Journaille in Verzückung versetzen würde. Wenn ein redlicher Wissenschaftler sagt: "Das Meer könnte in hundert Jahren zwischen 0,25 und 2 Meter höher stehen als heute", dann spitzt der Journalist die Ohren "Zwei Meter? Sie sagten zwei Meter, ja?". Und so steht es dann in den Schlagzeilen.... Mittlerweile ist die Klimadingsbumsgeschichte 30 Jahre alt. Passiert ist bisher nichts, was früher nicht auch - und teils schlimmer - passiert ist und des Menschen Hirn arbeitet seit jeher statistisch. Also denkt euch was Neues aus.....;-)
gernotkloss 05.06.2013
5.
Ungereimtheiten, die darin liegen, dass der Temperaturanstieg auf der Erde nicht kontinuierlich verläuft, werden oft als Beweis dafür angeführt, dass der Temperaturanstieg natürlichen Ursprungs ist und nicht von der Menschheit beeinflusst wird. Wenn unsere Wissenschaft endlich aus ihrem Glashaus käme und zudem die Fähigkeit besitzen würde, einfache physikalische Ursachen erklären zu können, wüssten die Menschen endlich, warum die Erdtemperatur aufgrund der Eisschmelze nicht kontinuierlich steigen kann, sondern durchaus für einige Jahre verweilen bzw. kurzfristig gar fallen kann. Warum muss Wissenschaft in Deutschland oft so abgehoben sein?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.