Geheimnisvolle Werkstatt Der Giftmischer von Wittenberg

In einer gigantischen Fleißarbeit haben Forscher in Sachsen-Anhalt die 500 Jahre alte Werkstatt eines Alchemisten rekonstruiert. Er kochte genug Gift, um eine halbe Stadt auszulöschen.

LDA Sachsen-Anhalt, Lipták

Von und (Video)


Da ist die Sache mit dem Hund. Ein ziemlich kleiner muss es wohl gewesen sein, ein Schoßhündchen. Seine Überreste steckten in einem unscheinbaren Tongefäß, ein vollständiges Skelett war es. "Man hat versucht, ihn in dem Töpfchen zu erhitzen", stellt Christian-Heinrich Wunderlich nüchtern fest. An einigen Knochen des Tieres hätten sich verräterische Brandspuren gefunden. Wunderlich ist Leiter der Restaurierungswerkstatt am Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle und hat, zusammen mit seinen Kollegen, gerade mit einem bemerkenswerten Fund zu tun. Und zu diesem gehört eben auch der Hund - beziehungsweise das, was heute noch von ihm übrig ist.

Am Museum analysiert man seit Monaten die Überreste einer früheren Alchemistenwerkstatt aus Wittenberg. Zahllose Scherben sind es, die jahrhundertelang unbeachtet in einer Abfallgrube an der nördlichen Außenmauer des ehemaligen Franziskanerklosters lagen. Mit unvorstellbarer Geduld sind sie nun soweit möglich wieder zusammengesetzt worden.

Auf einem Tisch im Laborgebäude des Hauses haben Wunderlich und die Restauratorin Vera Keil die Ergebnisse der Arbeit zusammengestellt: gläserne Retorten, Destillieraufsätze und Gefäße, die aussehen wie Flaschenkürbisse. Dazu Keramikgefäße und Gläser. Sie haben alle eines gemeinsam: Sie gingen beim Experimentieren im Labor kaputt und wurden weggeworfen. Nur dadurch überstanden sie den Lauf der Zeit, vergessen in der Abfallgrube.

Fleißarbeit: Am Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle analysieren und rekonstruieren Forscher seit Monaten einen Fund aus Wittenberg. Dort waren schon 2010 zahllose Scherben in einer Abfallgrube an der nördlichen Außenmauer des ehemaligen Franziskanerklosters gefunden worden. Es handelt sich um die Reste einer Alchemistenküche aus der Zeit zwischen 1520 und 1540.

Mysteriöse Hundeknochen: Auch die Überreste dieses kleinen Tieres steckten in einem der gefundenen Tongefäße. An einigen Knochen des Tieres fanden sich verräterische Brandspuren. Was der Alchemist mit dem Hund vorhatte, wissen die Forscher nicht.

Zusammengesetzte Utensilien: Die Funde gelten als älteste in Mitteleuropa entdeckten Reste einer Alchemistenwerkstatt. Nur aus dem niederösterreichischen Gut Oberstockstall ist überhaupt ähnliches bekannt. Die Funde aus Wittenberg sollen ab November in Halle präsentiert werden, das Landesmuseum bereitet gerade eine Sonderausstellung vor.

Paracelsus (zeitgenössische Darstellung): Wer war der geheimnisvolle Pharmazeut von Wittenberg? Die Forscher wissen es bis heute nicht. Paracelsus lebte zwar ungefähr in dieser Zeit, war aber wohl nie in Wittenberg.

Auch der teuflische Doktor Johann Georg Faust, über den man zwischenzeitlich spekuliert hatte, war es wohl nicht. Die Fundstücke sind dafür etwas zu jung. Außerdem war Faust, auch wenn Goethe es anders beschrieb, in Wahrheit eher im Süden des Landes unterwegs.

Archäologe Christian-Heinrich Wunderlich beim Experimentieren: Der Chemiker stellt das her, was die Alchemisten Flores Antimonii nannten. Heute spricht man eher von Antimonoxid - und weiß um die Giftigkeit des Stoffs.

Zusammengesetzte Fundstücke: Als die Scherben geborgen wurden, erkannte zunächst niemand ihre Bedeutung. Der Glasbruch wäre beinahe direkt ins Depot gewandert. Doch dann fiel Wunderlich auf, dass viele Fragmente Spuren aufwiesen - von Zinnober, Quecksilber, Schwefelsäure und Antimonverbindungen.

Sisyphusarbeit: Wie 50 3D-Puzzles durcheinander gemischt - und dann die Hälfte der Teile und die Anleitungen weggeworfen, so beschreibt es Restauratorin Vera Keil. Sie hat die Fleißarbeit trotzdem auf sich genommen. Das Ergebnis ist faszinierend.

Restaurierte Destillierkolben: Die Behältnisse geben einen einzigartigen Einblick in eine Zeit, in der einerseits Menschen versuchten, aus jedem x-beliebigen Stoff Gold herzustellen oder, noch besser, den Stein der Weisen. Andererseits wurden aber auch die Grundlagen für unsere heutige Chemie gelegt.

Restaurierte Destillierhelme: Die Geräte gingen beim Experimentieren im Labor kaputt und wurden weggeworfen. Nur dadurch überstanden sie den Lauf der Zeit, vergessen in der Abfallgrube.

Zusammengesetzt: So saß ein Destillierhelm auf dem Destillierkolben.

Dreieckige Tiegel: Die Behältnisse hatten den Vorteil, dass sie sich mit Hilfe einer Zange einfach und ohne zu tropfen ausgießen ließen.

Verpuffung bei Experiment: Antimon diente in der Frühen Neuzeit als Medikament - aufgrund einer eher zweifelhaften Analogie. Mit Hilfe des Elements ließ sich Gold säubern. "Wenn man den König der Metalle damit reinigen kann, dann muss sich auch die Krone der Schöpfung damit heilen lassen", beschreibt Wunderlich die Logik.

Auch als die Scherben im Jahr 2010 geborgen wurden, in einer Notgrabung wegen bevorstehender Bauarbeiten auf dem Gelände, erkannte zunächst niemand ihre Bedeutung. Als "Befund 482" wäre der Glasbruch beinahe direkt ins Depot gewandert. Doch dann fiel Wunderlich auf, dass viele der Fragmente Spuren geheimnisvoller Substanzen aufwiesen. Tests am Landeskriminalamt ergaben, dass es sich um Zinnober, Quecksilber, Schwefelsäure und Antimonverbindungen handelte.

Das brachte die Archäologen auf die Alchemisten-Spur. Die Funde stammen aus der Zeit zwischen 1520 und 1540. Damit gelten sie als älteste in Mitteleuropa gefundene Reste einer solchen Werkstatt. Nur aus dem niederösterreichischen Gut Oberstockstall ist überhaupt ähnliches bekannt. Die Funde aus Wittenberg sollen ab November in Halle präsentiert werden, das Landesmuseum bereitet gerade eine Sonderausstellung vor.

Ein "pharmazeutischer Großbetrieb"

Die Behältnisse geben einen einzigartigen Einblick in eine Zeit, in der einerseits Menschen versuchten, aus jedem x-beliebigen Stoff Gold herzustellen oder, noch besser, den Stein der Weisen. Andererseits wurden aber auch die Grundlagen für unsere heutige Chemie gelegt. "Alchemie war damals nichts Obskures", sagt Wunderlich. Jeder Fürst hätte Alchemisten an seinem Hof gehabt. Das Labor von Wittenberg sei ein "pharmazeutischer Großbetrieb" gewesen.

Nur dass die Rezepte von damals heute eben einigermaßen schauerlich wirken. Viele der Scherben weisen etwa Rückstände des Elements Antimon auf. Die Substanz diente damals als Medikament - aufgrund einer eher zweifelhaften Analogie: Mit Hilfe von Antimon ließ sich Gold säubern. "Wenn man nun aber den König der Metalle damit reinigen kann, dann muss sich auch die Krone der Schöpfung damit heilen lassen", beschreibt Wunderlich.

"Erbrechen, Schweißausbrüche, Darmentleerung"

Antimon sollte gegen alle Arten von Krankheiten helfen. Die Sache ging nun so: Die Substanz wurde am liebsten mit Wein vermischt und getrunken - dann mussten die Patienten leiden: "Erbrechen, Schweißausbrüche, Darmentleerung - aus damaliger Sicht war das eine erfolgreiche Therapie", sagt Wunderlich. Das Problem an der Sache: Antimon ist giftig - schon 100 Milligramm können einen Menschen töten.

In einem Labor eine Etage unter dem Raum mit den restaurierten Fundstücken zeigt Wunderlich, wie der Alchemist arbeitete. In einem dreieckigen Tiegel, der denen aus Wittenberg nachempfunden ist, vermischt er die Verbindungen Antimonsulfid und Kaliumnitrat. Dann zündet er einen Holzspan an und bläst die offene Flamme vorsichtig wieder aus, bis nur etwas Glut zurückbleibt.

Doch die reicht, in das Pulver gedrückt, für eine spektakuläre Verpuffung. Es brodelt und zischt im Tiegel, helles Licht scheint auf - und im Destillieraufsatz darüber schlägt sich eine weiße Substanz nieder: Antimonoxid.

Die Alchemisten sprachen von Flores Antimonii. Und vor 500 Jahren hätte das, was der Wissenschaftler da gerade fabriziert hat, gereicht, um vielleicht ein paar Dutzend Menschen zu behandeln. Oder ins Jenseits zu befördern. Der Alchemist von Wittenberg, freilich, dachte in noch größeren Dimensionen. Das beweist die Menge der Rückstände an seinen Laborgeräten: Die hergestellte Menge an Antimon hätte locker ausgereicht, um die halbe Stadt zu vergiften.

Wer aber war nun der geheimnisvolle Pharmazeut? Die Forscher wissen es bis heute nicht. Der teuflische Doktor Johann Georg Faust, über den man zwischenzeitlich spekuliert hatte, war es wohl nicht. Die Fundstücke sind dafür etwas zu jung. Außerdem war Faust, auch wenn Goethe es anders beschrieb, in Wahrheit eher im Süden des Landes unterwegs. Auch der berühmte Arzt Paracelsus lebte zwar ungefähr in dieser Zeit, war aber wohl nie in Wittenberg. Also bleibt der frühe Chemiker vorerst namenlos.

Und was hat es nun mit dem Hund auf sich? Wunderlich und seine Kollegen wissen auch das nicht. Womöglich, glauben die Wissenschaftler, sollte er zu Knochenasche verbrannt werden. Dieser Stoff, Calciumphosphat, diente Alchemisten als Herstellungsmaterial für bestimmte Gefäße. Doch falls dass der Plan war, misslang er gründlich. Wunderlich beschreibt es so: Einfach zu viele Knochen auf einmal seien es gewesen. Und die auch noch in einem Topf, der dafür komplett ungeeignet war.



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