Wracks vor Giglio: Costa Concordia verunglückte über antikem Schiffsfriedhof

Von Angelika Franz

Der Kapitän der Costa Concordia war nicht der Erste. In den vergangenen 2600 Jahren versenkten mehr als ein Dutzend Seefahrer ihre Schiffe rund um die Insel Giglio. Fast hätte der Italiener das Kreuzfahrtschiff sogar auf ein antikes Wrack gesetzt.

Antike Wracks vor Giglio: Tückische Untiefen, genähte Planken Fotos

Geschichte steht wahrscheinlich nicht auf dem Stundenplan für angehende Kreuzfahrtschiffkapitäne. Und Francesco Schettino scheint sich auch privat nicht sonderlich dafür interessiert zu haben. Sonst hätte er vielleicht etwas mehr Respekt vor den Küstengewässern vor der Insel Giglio gezeigt. Denn auf dem Meeresgrund rund um die Insel liegen bereits mehr als ein Dutzend Wracks - die Costa Concordia havarierte über einem antiken Schiffsfriedhof.

Noch 300 Meter weiter, und Schettino hätte sein Schiff sogar punktgenau auf ein römisches Wrack gesetzt. Der Frachter liegt in 42 Metern Tiefe südlich vor dem Bug der Costa Concordia - nur eine einzige Schiffslänge entfernt. Es war im 3. Jahrhundert nach Christus gesunken. In seinem Bauch stapelten sich die Amphoren mit Fischsauce. Diese garum genannte Würzsuppe war im gesamten römischen Reich gefragt - das Maggi der Antike. Die Herstellung allerdings war nicht gerade appetitlich. In großen Tanks ließen die garum-Produzenten Fische mitsamt ihrer Innereien wochen- oder monatelang in Salzlake vor sich hin fermentieren - unter der prallen Sonne. Was am Ende übrig blieb, pressten sie durch Siebe, bis das Gebräu ganz klar und von goldgelber Farbe war. Für den Hausgebrauch war dieser Prozess zu geruchsintensiv - die meisten garum-Fabriken lagen außerhalb der Siedlungen - viele davon in Nordafrika.

"Eine 'Verbeugung' wollte der antike Kapitän jedenfalls nicht machen"

"Die Amphoren an Bord stammten aus der Maghreb-Zone", ergänzt der Unterwasserarchäologe Enrico Ciabatti im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der vor Giglio havarierte Frachter hatte also seine Ladung in einer dieser Produktionsanlagen an Bord genommen und war auf dem Weg zu einem der römischen Häfen im Norden. "Warum das Schiff dann so nahe an die Insel heran segelte, wissen wir nicht. Vielleicht geriet es in einen Sturm", sagt Ciabatti, der das Wrack in den 1980er Jahren untersuchte. "Ich bezweifele jedenfalls, dass der Kapitän eine 'Verbeugung' vor Giglio machen wollte wie Francesco Schettino." Mit knapp 15 Metern Länge und 5 Metern Breite war der Frachter kein besonders großes Schiff. "Aber in einem Sturm auch nicht eben einfach zu manövrieren", meint Ciabatti, "besonders nicht voll beladen." Wie am 13. Januar diesen Jahres die Costa Concordia rammte auch schon der römische Frachter 1700 Jahre zuvor den Felsen Le Scole. Das Wrack brach entzwei und rutschte dann mit der Strömung über 40 Meter in die Tiefe.

Die Amphoren, die Ciabatti und seine Kollegin Paola Rendini bargen, sind heute im Museum der Spanischen Festung in Porto Santo Stefano ausgestellt. Von der Mannschaft fanden sie an Bord keine Spur. Ihre Chancen, das Unglück zu überleben, standen damals schon gut. "Sie konnten leicht den Hafen, der bereits existierte, erreichen", versichert Ciabatti. Nur knapp 50 Meter mussten die Schiffbrüchigen schwimmen. Direkt vor der Unglücksstelle erhebt sich heute der rote Leuchtturm.

Schiffsunglück vor 2600 Jahren

Der römische garum-Frachter war aber bei weitem nicht das erste Schiff, das in den tückischen Untiefen um Giglio dran glauben musste. Auf der Nordwestseite der Insel, vor der Bucht von Campese, liegt sogar ein archäologischer Schatz: das älteste bekannte Wrack aus dieser Mittelmeerregion. Vor 2600 Jahren lief es auf das "Secca i Pignocchi"-Riff. Dort untersuchte es in rund 50 Metern Tiefe in den 1980er Jahren der Unterwasserarchäologe Mensun Bound von der Oxford University. An Bord fand er kostbare Fracht: Waren aus Ostgriechenland, Phönizien und Etrurien.

Im Tauchermagazin "Dive" nennt Bound die Entdeckung des Wracks die beste Taucherfahrung seines Lebens: "Mein Freund Reggie Vallintine... hatte in seinem Tauchtagebuch festgehalten, dass in einer Höhle genau über dem Wrack ein alter Barsch lebte. Wir dachten uns also, wenn wir die Höhle finden, dann finden wir auch das Wrack. So haben wir es gefunden, und in dem Wrack entdeckte ich einen Aryballos - eine kleine kugelige Vase für Parfüm oder Salbe. Sogar unter Wasser erkannte ich, wer ihn bemalt hatte: Ein Künstler, den wir den "Maler des Kleinen Kriegers" nennen und der um 600 vor Christus gearbeitet hatte. Das Werk dieses Mannes reichte durch die Jahrtausende hindurch und berührte mich."

Drei Millionen versenkte Schiffe

Bound fand noch mehr in dem Wrack: feine etruskische Bucchero-Keramik, Trinkgefäße aus Korinth und Sparta, Spielsteine, eine Schreibtafel aus Holz, mehrere Flöten und einen Zimmermannszirkel. Auch Transportamphoren aus Etrurien und Phönizien hatte das Schiff an Bord. In einigen der etruskischen Amphoren lag noch die Ware: Oliven, zweieinhalbtausend Jahre alt. Zu den Glanzstücken aus dem Wrack zählt ein wunderschöner Helm aus Bronze.

Die Archäologen interessierten sich allerdings nicht nur für die Ladung - auch das Schiff selbst ist für die Forschung ein Schatz. Bound gelang es, einen Teil des Kiels mit den anliegenden Planken zu bergen. Das Holz verrät viel über die antike Schiffsbaukunst: Die Baumeister hatten die Planken nicht etwa gehämmert, sondern zusammengenäht. Vielleicht wird der Stahlkörper der Costa Concordia in 2600 Jahren die Archäologen mit ebensolchem Staunen erfüllen wie die Holzplanken des griechischen Wracks uns heute.

Doch damit nicht genug. An den Klippen von Punta del Lazzaretto unweit des Hecks der Costa Concordia liegen zwei weitere römische Schiffe, dazu kommen noch die Überreste einer Galleone bei Punta Capel Rosso an der Südspitze sowie weitere Wracks auf der Nordseite Giglios nahe Punta del Fenaio, Punta del Morto, Cala Calbugina und Secca della Croce. Die Gewässer rund um die Insel sind quasi gepflastert mit den Überresten antiker Havarien: Schettinos hat es in der Geschichte der Schifffahrt offenbar schon immer gegeben. Schätzungen von Unterwasserarchäologen gehen davon aus, dass sie in den vergangenen 4000 Jahren über drei Millionen Schiffe auf den Grund des Mittelmeers versenkten.

Korrektur: Das Wrack am "Secca i Pignocchi"-Riff ist nicht das älteste des Mittelmeers, wie es ursprünglich in diesem Text hieß. Das Wrack von Uluburun an der türkischen Südküste ist deutlich älter.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. 3 Millionen schiffe?
Somian 20.02.2012
typo? Dann würden am tag ca. 2 schiffe untergehen und es müsste ein reger betrieb herrschen.
2. Respekt
lug&trug 20.02.2012
Zitat von Somiantypo? Dann würden am tag ca. 2 schiffe untergehen und es müsste ein reger betrieb herrschen.
Und die untergegangenen Schiffe müssen ja auch erstmal gebaut werden. 4000 Jahre lang pro Tag durchschnittlich 2 Schiffe fertigzustellen, finde ich recht respektabel - selbst wenn man alle Mittelmeervölker zusammenzählt.
3. optimistisch
zimbor 20.02.2012
Daß in 2600 Jahren andere Kulturen noch in der Lage sein sollen, die Reste der Cost Concordia zu entdecken, ist ja ein recht optimistischer Ausblick auf die Zukunft der Menschheit....schön wärs!
4. Ältestes Wrack?
jens13 20.02.2012
Dieses Wrack soll das älteste im Mittelmeer sein? Stichwort: Ulu Burun, das ist ca. ein Jahrtausend älter. Scheint mir nicht besonders gründlich recherchiert zu sein der Artikel.
5.
extremchen 20.02.2012
Zitat von Somiantypo? Dann würden am tag ca. 2 schiffe untergehen und es müsste ein reger betrieb herrschen.
Mmmh, 4.000 Jahre, das sind rund 1.460.000 Tage, Schaltjahre nicht berücksichtigt. Wenn in dieser Zeit tatsächlich 3.000.000 Schiffe untergegangen sind, dann kommt es in etwa hin mit den 2 Schiffen/Tag. Diese Menge scheint mir auch ein wenig hochgegriffen. Das älteste gefundene Schiffwrack, Das Schiffswrack von Uluburun, wird auf etwa 1400 vChr. geschätzt und nicht gerade klein, aber zu dieser Zeit dürfte der Verkehr im Mittelmeer wohl eher gering gewesen sein. Ich denke daher auch das diese Zahl zu hoch gegriffen ist. Das man diese Schiffe in Küstennähe gefunden hat, das hat übrigens nichts mit leichtsinniger Navigation zu tun. Die damalige Navigation kann man heute neudeutsch gerne als "Insel- Hopping" bezeichnen, man fuhr am Tage und auf Sichtweite zum Land. Beim leisesten Anzeichen eines Unwetters suchte man eine Landdeckung auf, wenn man keinen Hafen oder Landeplatz mehr erreichte. Eine solche Landdeckung konnte eine Bucht, oder eine Insel, sein, die dem Schiff Schutz vor den Sturmboen versprach. Pech nur, wenn der Wind nicht aus der geschätzten Richtung kam. Oder wenn es einen vor einer nicht genau bekannten Küste erwischte, und man dort auf eine Untiefe lief. Angesichts der damaligen Möglichkeiten gehörte zur Seemannschaft nicht nur Können, sondern auch eine Menge Glück. In dieser Zeit dürften daher eine Menge Schiffe verlorengangen sein, aber drei Millionen halte ich nach wie vor für zu hoch angesetzt.
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