Wundermittel aus Rotwein Schlemmen, ohne krank zu werden

Eine Substanz aus Rotwein könnte Übergewichtigen das Leben erleichtern. Resveratrol lässt Speck zwar nicht verschwinden, mindert aber die gesundheitlichen Folgen von Übergewicht - zumindest im Tierversuch. Ist der Stoff ein Lebenselexier für die Generation XXL?

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Das Leben ist nicht einfach für fettsüchtige Menschen: Die Wirbelsäule wird extrem beansprucht, die Gelenke leiden. Extrem Übergewichtige können ihren massigen Körper kaum noch aus eigener Kraft bewegen. Besonders dramatisch sind die Folgen der Fettsucht für die Gesundheit: Es kommt zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die Leber vergrößert sich, häufig tritt Diabetes auf, die Lebenserwartung sinkt.

Zumindest gegen diese gesundheitlichen Folgen von Übergewicht könnte es bald ein erstaunlich wirksames Mittel geben: Resveratrol. Die Verbindung, ein Antioxidant aus der Gruppe der Polyphenole, kommt unter anderem in Rotwein vor. Bei Versuchen mit Mäusen hat Resveratrol die Gesundheit übergewichtiger Tiere deutlich verbessert, wie ein internationales Forscherteam jetzt in einer Vorabveröffentlichung des Magazins "Nature" berichtet. Die Tiere waren fast so fit wie normalgewichtige Mäuse und ihre Lebenserwartung verlängerte sich.

Sollte die Substanz bei übergewichtigen Menschen ähnlich wirken, dann könnte Resveratrol deren Lebensqualität und Lebenserwartung deutlich verbessern - selbst dann, wenn es die überzähligen Pfunde nicht verschwinden lässt. Fettsüchtige könnten, abgesehen von ihrem Körperumfang, womöglich folgenlos schlemmen. Resveratrol wäre eine Art Lebenselexier für die Generation XXL.

Schutz vor Krebserkrankungen

Wenn es überhaupt Stoffe gibt, die die Bezeichnung Wundermittel rechtfertigen, dann zählt Resveratrol auf jeden Fall dazu. Das Antioxidant aus der Schale von Weintrauben wird seit Jahren intensiv erforscht. Studien haben gezeigt, dass es nicht nur vor Krebs schützt, sondern auch Arterienverkalkungen und Herzinfarkten vorbeugt. Resveratrol gilt auch als eine Erklärung für das sogenannte "French Paradox": In Frankreich wird viel Rotwein getrunken - und kardiovaskuläre Erkrankungen treten seltener auf.

Für ihre Versuche teilten David Sinclair von der Harvard Medical School und seine Kollegen Mäuse in drei Gruppen ein: Die erste Gruppe bekam normale Nahrung. Die beiden anderen wurden mit extrem fettreicher Nahrung regelrecht gemästet - binnen weniger Wochen waren sie übergewichtig. Die dritte Gruppe bekam mit der Fettnahrung zusätzlich Resveratrol.

Die Forscher untersuchten die Mäuse permanent während des ein Jahr laufenden Versuchs. Neben diversen Blutwerten dokumentierte das Team von David Sinclair auch die motorischen Fähigkeiten der Tiere in einem sogenannten Rotarod, einem sich immer schneller drehendem Laufrad, das automatisch misst, wie viele Sekunden sich eine Maus auf dem Rad halten kann.

Überraschendes Ergebnis: Die Resveratrol-Mäuse waren zwar nur minimal leichter als die anderen Tiere mit Fettnahrung - verbesserten ihre Motorik im Laufe der Wochen aber permanent und erreichten fast das Niveau der normalgewichtigen Mäuse.

"Die Mäuse lebten besser"

Noch beeindruckender waren die gesundheitlichen Effekte des Wundermittels aus Rotwein. "Nach sechs Monaten hatte Resveratrol die meisten negativen Wirkungen der Hoch-Kalorie-Diät verhindert", sagte Sinclair. Die Alterung der Tiere sei verringert worden, die Lebenszeit habe sich im Schnitt um 15 Prozent verlängert. Außerdem habe sich die Insulinempfindlichkeit erhöht - ein Indiz für ein geringeres Diabetesrisiko. Auch Blutwerte seien durch die Resveratrol-Gabe im Vergleich zur Kontrollgruppe verbessert worden. "Die Mäuse lebten mit Resveratrol nicht nur länger, sondern auch besser. Sie waren auch aktiver", sagte Sinclair.

Dass Resveratrol das Zeug zum Lebenselexier hat, hatten Wissenschaftler bereits bei verschiedenen Organismen gezeigt - bislang aber noch nicht bei Säugetieren. So verlängerte das Antioxidant die Lebenszeit von Hefen um 60 Prozent, die von Fliegen und Würmern um 30 Prozent.

Ulrich Förstermann, Leiter des Instituts für Pharmakologie der Universität Mainz, zeigte sich nur zum Teil überrascht von der neuen Studie. Die Vielfalt der Wirkungen des Antioxidants sei jedoch beeindruckend, sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Ich finde es erstaunlich, dass Resveratrol so viele Gene reguliert, so auch im Bereich Diabetes."

Förstermanns Forscherteam hatte 2002 gezeigt, dass Resveratrol ein wichtiges Herzkreislauf-Schutzgen aktiviert: die sogenannte endotheliale NO-Synthase. "Erhöhte Resveratrol-Konzentrationen schützen damit wahrscheinlich vor Thrombose, Bluthochdruck und Arteriosklerose", so Förtermann.

Dosis entspricht Dutzenden Flaschen Rotwein

Simone Fulda von der Universitätsklinik Ulm erklärte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, es sei "interessant, dass der Stoff so viele Effekte auslösen kann". Die Wissenschaftlerin hatte herausgefunden, dass Resveratrol die Resistenz von Tumorzellen gegenüber Krebstherapien aufhebt - also den Behandlungserfolg erhöhen kann.

Wissenschaftler warnen jedoch vor vorschnellen Schlüssen aus der neuen Studie, etwa indem man täglich eine hohe Dosis Resveratrol einnimmt. "Es gibt keine klinischen Studien dazu; mögliche Nebenwirkungen sind nicht untersucht", sagte Förstermann. "Ich wäre deshalb auch vorsichtig mit der Verwendung des Begriffs 'Wundermittel'." Die den Mäusen verabreichte Dosis war ohnehin außerordentlich hoch: Sie entsprach Dutzenden Flaschen Rotwein.

Die weitere Erforschung von Resveratrol hängt auch davon ab, ob sich die Ergebnisse wirtschaftlich verwerten lassen. Da ist der Mainzer Pharmakologe Förstermann eher skeptisch: Der Naturstoff Resveratrol sei keine patentierfähige Substanz. "Es fehlt deshalb an Geldgebern, die eine große Studie finanzieren würden."

Seine Ulmer Kollegin Fulda zeigt sich da optimistischer: Man könne ja gezielt Abkömmlinge entwickeln, die bestimmte Funktionen von Resveratrol imitierten. "Die wären dann schon patentierbar."

Ergänzung: Der Forscher David Sinclair hat laut "Nature" "finanzielle Interessen" an den Ergebnissen der aktuellen Resveratrol-Studie. Er hat gemeinsam mit Kollegen die Firma Sirtris Pharmaceuticals gegründet, die wissenschaftliche Erkenntnisse vermarkten soll.



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