Wundheilung mit Maden Suche nach dem Geheimnis der Tier-Therapie

Den eigenen Ekel zu überwinden, kann die letzte Rettung bedeuten. Einzelne Ärzte nehmen Maden zur Wundheilung, schätzen Blutegel als Schmerzmittel. Was nach Esoterik klingt, wollen Forscher in Hightech-Verbände der Zukunft integrieren. Doch noch ist unklar, wann und wie das Getier wirkt.

Von Chris Löwer


Die Tiere stehen für Tod und Verwesung. Ins reinliche Umfeld eines Krankenhauses scheinen Fliegenmaden daher denkbar schlecht zu passen. "Persönlich mag ich auch keine Maden, aber ihre Wirkung ist außergewöhnlich", sagt Wim Fleischmann, Chefarzt der Unfallchirurgie am Krankenhaus Bietigheim. "Bei diabetischen Wunden sind sie die Therapieform der ersten Wahl." Diabetische Fußgeschwüre, schlecht heilende Wunden bei Durchblutungsstörungen und Druckstellen bettlägeriger Patienten: Hier helfen speziell für den medizinischen Einsatz gezüchtete Maden heilen - indem sie in den Wunden herumknabbern.

Biotherapie oder gar Biochirurgie wird diese Behandlung blumig genannt. Eine zunehmende Zahl von Ärzten schätzt die Maden - ausgerechnet ihres Speichels wegen. "Das Sekret wirkt auf verschiedene Weise: Es verändert das saure Milieu in der Wunde, in dem sich die Erreger besonders wohlfühlen und wirkt wie ein Antibiotikum, das besonders bei multiresistenten Keimen anschlägt", sagt Fleischmann. "Es aktiviert zudem den Stoffwechsel der Wunde und regt sie zur Heilung an." Dabei fressen die Tiere nur krankes Gewebe und verschonen gesundes.

In den USA ließ die Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) vor drei Jahren Larven der Schmeißfliegenart Lucilia sericata zur Wundbehandlung zu. "Maggot debridement therapy" heißt das. In Deutschland hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) Madenpackungen zur Wundbehandlung als Rezepturarzneimittel anerkannt - als Medikament also, das individuell vom Arzt geordert wird. Dabei handelt es sich um die unterste Stufe in der Zulassungshierarchie. Ein Wirknachweis ist dafür noch nicht nötig.

Ekel, Pop, Berichterstattung - und viele offene Fragen

Die wenige Millimeter langen, transparent-weißen Würmchen tauchen - wohl gleichermaßen wegen des Ekelfaktors und der Empfänglichkeit des Publikums für vermeintlich alternative Medizin - immer wieder in den Medien auf. Mitte Juni widmete der TV-Sender Arte ihnen gar einen Zweiteiler. Prompt freute sich die PR-Agentur der Universität Greifswald, welche in dem TV-Stück prominent vorkam, über die "medizinischen Wunderwaffen aus der Natur". Tatsächlich ist aber noch fragwürdig, wie viel von diesem Enthusiasmus auch gerechtfertigt ist.

Auch Martin Grassberger, Spezialist für Biochirurgie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, ist ein großer Freund medizinischer Maden. Aber er verweist darauf, dass längst nicht alle Fragen zur therapeutischen Wirkung geklärt sind. "Weitere Studien müssen durchgeführt werden, um dieses noch weitgehend unbekannte Thema zu erschließen." Die Situation ist: Ärzte beobachten Erfolge bei unterschiedlichen Patienten, denen die Maden weiterhelfen, wo andere Wundtherapien versagt haben. Weshalb genau aber, das konnte die Forschung noch nicht klären. Bislang hält das die European Medicines Agency (EMEA) in London von einer umfassenden europaweiten Zulassung als Arzneimittel ab.

Auch ob die Biotherapie immer hilft und wie es mit Nebenwirkungen aussieht, ist unklar. "Studien zeigen, dass verschiedene Arten von Larven ein unterschiedliches antimikrobielles Spektrum aufweisen", sagt Grassberger. "Das heißt, dass spezielle Arten von Schmeißfliegenlarven für verschiedene Wunden besser geeignet sein könnten." Bei speziellen Keimen könne die Knabberei der Weichlinge gar zu einer Vermehrung der Erreger führen, weswegen vor der Behandlung unbedingt ein Wundabstrich mit Erregernachweis erfolgen müsse.

Datenlage dünn - künftig großer Bedarf

Im Sinne evidenzbasierter, also statistisch gut abgesicherter, Medizin ist das alles noch recht dünn. Grassberger rechnet mit einer breiten Akzeptanz der Madentherapie erst, "wenn die ersten Ergebnisse von größeren klinischen Studien vorliegen und die beobachteten Vorteile der Larven gegenüber herkömmlichen Methoden objektiviert werden". Eine Suche in der Medizindatenbank Pubmed nach "maggot debridement" bringt nur rund 150 Treffer weltweit in englischsprachigen Fachartikeln, einschließlich solchen aus der Veterinärmedizin - eine bescheidene Zahl. Im Jahr 2007 kamen bislang ganze sechs Stück dazu.

"Spärlich" seien die Daten aus vorliegenden Studien für die Madentherapie noch, klagte Nicky Cullum von der University of York vergangenes Jahr im "British Medical Journal". Er antwortete damit auf Kollegen, die allzu euphorisch gefordert hatten, medizinische Maden als Ersttherapie bei schlecht heilenden Geschwüren einzusetzen. "Immer langsam", mahnte Cullum. Er leitet im Auftrag des britischen National Health Service eine groß angelegte Studie zur Biotherapie und kennt den Forschungsstand.

"Es sind bislang nicht viele Belege zugunsten der Madentherapie hinzugekommen", sagte er SPIEGEL ONLINE. Ergebnisse von randomisierten Vergleichsstudien fehlten noch. "Zur Zeit wissen wir einfach noch nicht, ob Madentherapie die Wundheilung wirklich beschleunigt - es gibt keine Beweise dafür oder dagegen." Gerade beobachtet Cullums Team Patienten mit Maden- und mit herkömmlicher Behandlung. Nächstes Jahr sollen Ergebnisse veröffentlicht werden.

Bedarf an neuen Therapieformen gibt es durchaus: Mit Penicillin und Antibiotika erlahmte das Interesse an traditionellen Methoden der Wundheilung und -desinfektion. Doch neue resistente Keime machen Antibiotika zusehends wirkungsloser. Andererseits nehmen mit der Alterung der Gesellschaft und der rasant steigenden Zahl von Diabetikern gerade Problemwunden zu - bei denen Patienten und Ärzte bereit sind, alles zu versuchen. Eben auch, ihren Ekel zu überwinden.



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