YouTube, Facebook & Co. Sehend ins Verderben

Wenn man einen Roboter darauf ansetzt, sich möglichst viele YouTube-Videos hintereinander anzusehen, landet er verlässlich bei Horror und Verschwörungstheorien. Woran das liegt? An uns allen.

DPA

Eine Kolumne von


"Professor Elder, der Erfinder des Audimeters, bereute dessen Effekt schließlich. Der Rundfunk, sagte er 'leidet sehr unter dem Missbrauch der Einschaltquoten, und deshalb bin ich nicht allzu glücklich über die Rolle, die ich bei ihrer Einführung gespielt habe.'"

Tim Wu, "The Attention Merchants"

Der Vater meines besten Grundschulfreundes war Pächter einer Autobahnraststätte. Einmal durften wir gemeinsam einen Tag dort verbringen, und einen Teil davon unüberwacht im Lager, einem Paradies für Neunjährige: deckenhohe Stahlregale voller Schokoriegel, Gummibärchen, Lollis, Marshmallows, Kaugummi, Limonadendosen und so weiter. Danach war uns schlecht.

Kinder unbeaufsichtigt in einem Raum voller Süßigkeiten zu lassen, ist keine gute Idee. Man überlässt ihnen auch nicht die alleinige Entscheidung darüber, wie sie sich ernähren wollen, denn bis sich die Erkenntnis einstellt, dass ab und zu mal etwas "Gesundes" dabei sein sollte, wäre es womöglich schon zu spät.

Fressen, fressen, fressen

Nun ernährt sich die Menschheit schon, solange es sie gibt, wir haben also eine gewisse Übung darin. Mit Medien, insbesondere audiovisuellen, ist das anders: Das Fernsehen als Massenmedium gibt es seit den Fünfzigern, Facebook seit 2004, YouTube erst seit 2005. Entsprechend mangelhaft ausgeprägt ist unsere Fähigkeit zum vernünftigen Umgang mit diesen neuen Belohnungsquellen.

Der Gedanke ist nicht neu, ganz im Gegenteil: Jedes Mal, wenn sich ein neues Medium durchsetzt, gibt es moralische Entrüstung, Panik und apokalyptische Warnungen. Sogar vor der hirnzersetzenden Macht des Romans wurde einst ängstlich gewarnt. In den Siebzigern sprach man in gewissen Kreisen ängstlich über "Fernsehsucht", und eben hat die Weltgesundheitsorganisation entschieden, künftig "Videospielsucht" als psychische Störung zu führen.

Unsere Gesellschaften sind nicht schnell genug dabei, in Analogie zu gesunder Ernährung - und selbst darin sind wir bis heute ja ziemlich schlecht - flächendeckend gesunden Mediengebrauch zu etablieren. Also pathologisieren wir die Ausreißer, die es übertreiben: romansüchtig, fernsehsüchtig, videospielsüchtig, internetsüchtig. Das greift immer zu kurz.

Die Maschine sieht uns zu, die ganze Zeit

Die belohnenden Wirkungen von Medieninhalten sind nicht so einfach vorherzusagen wie die von Lebensmitteln. Zucker funktioniert immer, Eltern wissen das. Aber welches Video, welcher Film, welche Art Foto sorgt dafür, dass wir immer mehr wollen? Dass ein möglichst breites Publikum angesprochen und dessen Aufmerksamkeit dann zu Geld gemacht werden kann?

Spätestens seit den Dreißigern wird diese Frage mit wissenschaftlichen Methoden beackert, wie Tim Wu es in seinem eingangs zitierten, lesenswertem Buch über die Geschichte der Werbebranche nacherzählt. Der im Zitat genannte Audimeter, der erste Prototyp eines Quotenmessgeräts, ist heute eine Kuriosität. Online wird nicht anhand einer kleinen Stichprobe extrapoliert, was alle anderen wohl gesehen oder gehört haben. Online wird jeder von uns beim Mediennutzen beobachtet, permanent, detailliert, individuell.

Skrupellose Kindermädchen, die Hände voller Gummibärchen

Plattformen wie YouTube oder Facebook sind wie skrupellose Nannys, die uns ein Gummibärchen nach dem anderen reichen, ein mundgerechtes Häppchen nach dem anderen servieren. Ihr Ziel ist nicht, dass wir gesünder, fitter, kräftiger werden - sondern dass wir nicht aufhören zu essen. Und darin werden sie immer besser, denn sie lernen.

An dieser Stelle wird es für viele Leser vermutlich schwierig, sich vorzustellen, wie sich das genau anfühlt. Menschen - und davon gibt es sehr viele - die beispielsweise YouTube als Unterhaltungskanal verwenden, hangeln sich dort gern von einem Video zum nächsten weiter, manchmal stundenlang. Dabei unterstützt sie der Empfehlungsalgorithmus der Plattform, der immer neue Videos zum Ansehen vorschlägt. Dabei hat er, wie ein ehemaliger YouTube-Entwickler vergangene Woche im "Guardian" berichtete, ein primäres Ziel: die Zeit zu maximieren, die Nutzer weiterschauen. Der Algorithmus optimiert das Angebot für maximale Sehdauer, "nicht für das, was wahr, ausgewogen oder gut für die Demokratie ist", so der ehemalige Entwickler.

Krass kann Trump besser als Clinton

Dieser Mann, ein Franzose namens Guillaume Chaslot, hat ein Programm geschrieben, um zu testen, wo die Empfehlerei hinführt. Eine Art YouTube-Seh-Roboter, der sich von diversen Ausgangssuchbegriffen durch das Angebot hangelte. Dabei landete er verlässlich bei immer extremeren, immer abseitigeren Inhalten. Oft waren es Videos mit Verschwörungstheorien, und zwar besonders häufig solche, die Donald Trump gut und Hillary Clinton schlecht aussehen ließen. Das hat vermutlich nicht damit zu tun, dass man bei YouTube Trump zum Präsidenten machen wollte - sondern damit, dass besonders emotionalisierende, aufregende, krasse Inhalte eben besonders gut laufen bei YouTube. Und krass können Trump und seine Fans besser als Clinton.

Mein Ex-Kollege Konrad Lischka und ich haben vergangenes Jahr in einem Arbeitspapier zum Thema Algorithmen und Öffentlichkeit theoretisch genau das postuliert, was Chaslot jetzt praktisch gezeigt hat: Die Wechselwirkung algorithmisch optimierter "Iss weiter!"-Plattformen mit unseren ungesunden Medienvorlieben bringt im Zweifel unsere schlimmsten Abgründe zum Vorschein. Bei YouTube laufen Videos über Selbstmordattentäter gut, Horrorversionen von Kinder-Cartoons, Verschwörungstheorien. All das, was man Facebook seit der US-Wahl vorgeworfen hat, trifft auf YouTube mindestens ebenso zu - was daran liegt, dass beide Plattformen von Algorithmen sortiert werden, die auf "Engagement" hin optimieren. Dabei werden verhaltenspsychologische Methoden eingesetzt, die Interaktion ohne Denken möglichst einfach machen sollen.

"Die Maschine war's" oder "das Publikum war's"?

Natürlich gibt es schon lange Medien, denen es primär um Reichweite geht - eine der ersten Billigzeitungen der USA im 19. Jahrhundert machte Auflage mit erfundenen Geschichten über dauergeile Mondwesen. Damals aber mussten Verleger noch raten, welches Gift dem Publikum besonders gut schmecken würde. Heute macht man das empirisch, mit globalen Maschinen, die aus einem ständig wachsenden, kostenlosen Fundus an Schrott und Horror die messbar quotenträchtigsten Häppchen heraussuchen und automatisch servieren. Noch eins und noch eins.

Die Sprecher der betreffenden Unternehmen reagieren auf entsprechende Diagnosen verlässlich mit den zwei gleichen Antworten: "Wir waren's nicht, die Maschine war's" - und "Wir waren's nicht, das Publikum war's". Auf den Hinweis, dass der Empfehlungsalgorithmus offenbar Trump gegenüber Clinton bevorzugte, antwortete eine YouTube-Sprecherin dem "Guardian", das reflektiere eben "das Zuschauerinteresse".

Vermutlich stimmt das sogar. Die digitalen Medienkonsum-Nannys der großen Plattformbetreiber füttern uns mit dem, was wir augenscheinlich wollen - und führen uns so die Abgründe der Menschheit vor Augen.

Gesund ist das nicht.

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fat_bob_ger 11.02.2018
1. Treffende Analyse
Und irgendwann bekommen dann von uns nicht autorisierte Stellen Zugriff auf unsere Verhaltensweisen und ziehen dann Schlussfolgerungen in psychologischer, wirtschaftlicher und strafrechtlicher Hinsicht. Ein weiteres Problem wurde angesprochen: Die Wahrheit ist langweilig und nach einiger Zeit Dauerberieselung wirken die abstrusesten Verschwörungstheorien für manche sehr glaubhaft, zumal ab und an sich die ein- oder andere Vermutung bestätigt. Deshalb befürchte ich einen sich schleichend verstärkenden Einfluss auf die politische Willensbildung, der in Populismus, Skandalisierung von unwichtigen Vorgängen u. ä. äußert. In Russland, Ungarn, Polen, Tschechien und Polen finden wir bereits jetzt "Führer", die sich diese Mechanismen zu nutze machen. In 100 jahren befürchte ich, gibt es für jede Familie über drei Generationen hinweg Gesundheitsstatistiken mit Wahrscheinlichkeiten zu Erbkrankheiten und vermuteten Erbkrankheiten, Aggressionspotentialabschätzungen, Vermutungen über die Selbstkontrolle, Verhaltensaufälligkeiten, Konsumpräferenzen, .... was dann an jahrhundertelange Rennpferdzuchtstatistiken erinnern wird, mit dem Unterschied, dass die Daten viel genauer sind.
doitwithsed 11.02.2018
2.
Macht es wirklich Sinn Medienkonsumenten als kleine Kinder zu schelten, denen die Aufsicht fehlt und daher unter paternalistischen Schutz (des Staates?) gestellt und von veriegelten Türen aufgehalten werden müssen? Wird dadurch nicht die Algorithmendiktatur durch eine andere, nicht zwangsläufig bessere Art der Bevormundung ersetzt? Was ist mit der Medienkompetenz. Ist diese im Auge des Autors bei den Konsumenten so gar nicht vorhanden?
vitalik 11.02.2018
3.
Ja, und auch SPON hat in seiner Funktion vor den bösen Killerspielen gewarnt, die die kleinen Kinder zu Mördern machen. Mittlerweile gibt es genug Studien, die diese Behauptung widerlegt haben. Trotzdem taucht die Behauptung immer wieder auf. Zitat: "Der Algorithmus optimiert das Angebot für maximale Sehdauer, "nicht für das, was wahr, ausgewogen oder gut für die Demokratie ist", so der ehemalige Entwickler.". Die Optimierung der Videovorschläge auf den Nutzer ist nicht Verwerfliches, warum auch? Der Rest ist irgendwie totaler Blödsinn. Soll man sich nun Videos ansehen oder indoktriniert werden? Muss bei jedem Video, das man sich ansieht eine politische Botschaft dabei sein? Warum schreibt hier der Autos A, meint aber eindeutig B, ohne es zu erwähnen. Der Autor meint doch hier die VT-, Rechts- oder Fakenewsvideos. Nun, diese Videos sind aber eine Minderheit. Ich behaupte, dass 99% der Videos auf Youtube sind irgendwelche DIY, Schmink, LetsPlays, Musik, Darsteller und sonstige Videos. Siehe die Videos mit den Milliarden Klicks. All diese Videos haben Null politische Botschaft und dienen reiner Unterhaltung. Und das ist auch, was sich 99% der Nutzer ansehen. Warum also wieder die Welt so darstellen, als ob es aus den 1% besteht und die 99% ignoriert werden?
zehwa 11.02.2018
4. Vergleich unglücklich
Wenn man Kinder in einem Süßwarenlager einige Stunden alleine lässt, ist ihnen am Ende schlecht, ohne Frage. Liesse man sie einige Tage alleine, sähe die Sache anders aus, wie ein Experiment von Clara Davis nahelegt. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1626509/ Was sagt uns das in Bezug auf YouTube? Entweder, dass Menschen anders surfen, als dieser Roboter, oder, das YouTube eben doch versucht, uns bevorzugt krasse Inhalte vorzusetzen. Das würde mir was über die Programmierer sagen...;)
dasfred 11.02.2018
5. Mich erinnert das an einen Supermarkt
Dort will uns der Betreiber ja auch mit seinen Platzierungen zu den Bestsellern locken. Meine Strategie dagegen ist der Einkaufszettel, mit dem ich an den Lockangeboten vorbei direkt zur gewünschten Ware gehe. Ich hatte mich kurzzeitig mit YouTube befasst und festgestellt, dass man dort unendlich viel Zeit vertrödelt. Also mache ich mir heute auch so etwas wie eine Liste und suche, wenn überhaupt, nur nach Themen, die ich vorher bestimmt habe und wenn nichts dabei ist, schalte ich aus. Vorschläge ignoriert man am besten ganz. Das ist oft, als müsste ich eine Müllhalde umgraben, um einen Euro zu finden. Der Ertrag steht in keinem Verhältnis zum Angebot.
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