Kommentare auf YouTube "Ich starrte nur auf ihre ... Augen"

Forscher haben Tausende Kommentare unter YouTube-Videos analysiert und festgestellt: Wenn Frauen über Wissenschaft reden, geht es vielen nicht darum, was sie sagen, sondern wie sie aussehen.

YouTuberin (Symbolbild)
Getty Images

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Von Lena Puttfarcken


Die Videoplattform YouTube ist nicht gerade als freundliches Netzwerk bekannt. Das gilt insbesondere für Frauen, die auf YouTube über Wissenschaftsthemen sprechen, ergab eine Studie, die im Fachblatt "Public Understanding of Science" erschien. Die australische Wissenschaftskommunikatorin Inoka Amarasekara und Will Grant, der an der Australian National University lehrt, untersuchten dafür über 23.000 Kommentare unter YouTube-Wissenschaftsvideos.

Insgesamt sind die Kommentare unter Videos von Frauen emotionaler - sowohl positiv als auch negativ. Sie handeln viel häufiger vom Aussehen der Moderatorinnen, sind beleidigender oder sexistischer als die Kommentare unter Videos von Männern. Zwei Beispiele:

  • Ein Nutzer schreibt: "Geh' zurück in die Küche und mach' mir ein Sandwich."
  • Ein anderer kommentiert: "Sie ist so hässlich, dass ich fast kotzen musste."

Dazu kommt, dass unter Videos von Frauen deutlich weniger neutrale Diskussion über das eigentliche Fachthema stattfindet. "Wenn Frauen vor der Kamera sind, unterhalten sich die Nutzer weniger über Wissenschaft", sagt Amarasekara dem SPIEGEL.

Wenige Wissenschaftskanäle von Frauen

Laut der Studie ist das ein Hinweis darauf, wie die Gesellschaft insgesamt mit Frauen umgeht, die wissenschaftlich arbeiten und darüber sprechen. Die Forscher kritisieren, dass auch deshalb weniger Frauen motiviert werden, natur- und technikwissenschaftliche Fächer zu studieren.

"Wenn Frauen keine anderen Frauen sehen, die über Wissenschaft sprechen, dann kommen sie auch seltener auf die Idee, selbst in die Wissenschaft zu gehen", sagt Amarasekara.

Erste Schwierigkeiten der Studie ergaben sich bereits bei der Suche nach Kanälen, in denen Frauen von Wissenschaft erzählen. Amarasekara durchsuchte die Top-500-Liste der YouTube-Kategorien "Wissenschaft und Technik" und "Bildung" und fand 32, bei denen eine Frau vor der Kamera stand. Um eine größere Stichprobe zu bekommen, nahm sie noch weitere Kanäle hinzu, die nicht in den Toplisten auftauchten.

"Mich hat überrascht, wie wenig sichtbar Frauen in diesem Bereich auf YouTube sind", sagt Amarasekara. Dieser Diskrepanz wollte sie auf den Grund gehen und untersuchte Abonnenten, Likes und eben auch die Kommentare von männlichen und weiblichen YouTubern.

Absolut waren die männlichen Moderatoren erfolgreicher - sie hatten mehr Abonnementen und mehr Zuschauer. Allerdings bekamen Videos von Frauen mehr Kommentare und Likes pro Videoaufruf. Für die Analyse las Amarasekara außerdem insgesamt 23.005 Kommentare und teilte sie Kategorien zu, beispielsweise sexuell und sexistisch, feindselig oder neutral.

Die Situation in Deutschland

Die Studie hat nur englischsprachige Kanäle untersucht. In Deutschland gibt es noch weniger Frauen, die überhaupt vor der Kamera über Natur- und Technikwissenschaften sprechen. Eine der wenigen ist Mai Thi Nguyen-Kim, die den Kanal maiLab bei funk betreibt, dem Onlineangebot von ARD und ZDF.

Nguyen-Kim ist Chemikerin und neben ihren YouTube-Videos ist sie auch Moderatorin für Terra X und Quarks. Auch sie bekommt regelmäßig negative Kommentare, sexuelle Belästigung zum Beispiel.

Mai Thi Nguyen-Kim
imago/ Lumma Foto

Mai Thi Nguyen-Kim

"Ungefähr einmal im Monat muss ich jemanden blockieren", sagt sie dem SPIEGEL. "Ich frage mich dann: Würde meine Mutter sich Sorgen machen, wenn sie den Kommentar liest?" Wenn ja, dann löscht Nguyen-Kim den Kommentar und blockiert den Nutzer.

"Menschen gehen bei YouTube oft davon aus, dass sie in den Kommentarspalten sowieso allein sind und schreiben können, was sie wollen", sagt Nguyen-Kim. Sie reagiert deshalb auf viele Kommentare, um zu zeigen, dass die Nutzer nicht allein sind.

Der Großteil der Kommentare unter ihren Videos sei positiv und die Diskussion unter ihren Videos sehr fachbezogen. Häufig kommen wissenschaftliche Fragen auf, die sie auch beantwortet. Deshalb will Nguyen-Kim weiterhin Videos auf YouTube veröffentlichen, trotz der manchmal negativen Erfahrungen.

Amarasekara findet es gut, dass die Videoplattform YouTube jedem die Möglichkeit gibt, selbst Videos zu verbreiten und Menschen auf der ganzen Welt zu erreichen. "Frauen sind dort aber leider kaum sichtbar", sagt sie. "Man bräuchte mehr Diversität."



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