Riesiger Steinblock Schlitterpartie in die Verbotene Stadt

Chui Hu

Vor knapp 500 Jahren schafften chinesische Arbeiter einen gigantischen Steinblock in die Verbotene Stadt in Peking. Alte Bücher erzählen, dass sie dafür eine Eisbahn bauten. War das eine Schnapsidee? Oder tatsächlich der cleverste Weg?

Am Ziel angekommen sind sie jedenfalls: Der Block ruht im Aufgang zur Halle der Erhaltung der Harmonie, dem "Kaiserweg". Zu beiden Seiten liegen Treppen, die Mitte ist ein Steinrelief, kunstvoll verziert mit Drachen. Kein Fuß durfte die Drachen berühren, kein gewöhnlicher Mensch über sie hinweggehen. Nur der Kaiser wurde in seiner Sänfte über diese Drachen getragen. Die Träger nahmen die Treppenstufen links und rechts davon. Die sogenannte Yunlong-Platte, in die das Drachenrelief geschnitzt ist, besteht aus einem einzigen Stein: Gut 120 Tonnen Gewicht brachte der Rohling auf die Waage, bevor die Steinmetze die Drachen herausarbeiteten.

Im Jahr 1557 kam die Yunlong-Platte in die Verbotene Stadt. Mehr als 70 Kilometer musste sie dafür zurücklegen. Die alten Schriften sind recht explizit in ihrer Beschreibung des Unterfangens: Zunächst warteten die Arbeiter auf den Winter. Dann bohrten sie Brunnen entlang der Strecke, alle 500 Meter einen. Mit dem Wasser aus den Brunnen schufen sie eine Eisbahn - vom Steinbruch bis nach Peking. Dann packten sie den riesigen Steinblock auf einen Schlitten und schoben ihn über das Eis. So kamen sie 2,5 Kilometer am Tag voran - in nur 28 Tagen erreichte die Yunlong-Platte ihr Ziel.

Waren Kufen wirklich besser als Räder?

Hätten die Baumeister das nicht einfacher haben können? Die Frage stellten sich Jiang Li von der Universität für Wissenschaft und Technik Peking, Haosheng Chen von der Tsinghua Universität Peking und - nomen est omen - Howard Stone von der amerikanischen Princeton University. Schließlich, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences", benutzten die Chinesen das Rad zu dem Zeitpunkt bereits seit rund 3000 Jahren.

In der älteren und jüngeren Geschichte haben Ingenieure ganz unterschiedliche Transportmethoden ausprobiert.

  • Um 1880 vor Christus etwa zogen 172 Ägypter die 60 Tonnen schwere Statue des Tehuti-Hetep über einen Weg aus Holzplanken, die sie mit Wasser geschmeidig gemacht hatten. Das Ereignis ist an der Grabwand des Tehuti-Hetep festgehalten, inklusive des Wasserschütters.
  • Etwa 400 nach Christus rollten 36 japanische Arbeiter einen 40 Tonnen schweren Stein über Baumstämme, die sie mit Öl geschmiert hatten.
  • Im Jahr 1999 entschieden sich die amerikanischen Ingenieure für Stahlrollen auf mit Seife behandelten Stahlschienen, um den 4400 Tonnen schweren Leuchtturm von Cape Hatteras in North Carolina knapp 900 Meter weiter ins Inland zu ziehen, um ihn vor einem Sturz ins Meer zu bewahren.
  • Auch die Eisbahnmethode wird heute noch benutzt: Erst in diesem Jahr, zwischen dem 14. Januar und dem 4. Februar, wurde so erfolgreich ein 1200 Tonnen schweres Gebäude der Anda-Bahnstation in der chinesischen Provinz Heilongjiang versetzt.

Für die verschiedenen Beispiele berechneten die Forscher aus den bekannten Größen den jeweiligen Reibungskoeffizienten. Dabei schnitt der Leuchtturm von Cape Hatteras mit am besten ab. Auch die Anstrengungen für Tehuti-Hetep und für den geölten Stein waren durchaus noch machbar. Für einen Holzschlitten auf einer Eisfläche schwankt der Reibungskoeffizient aber je nach Umständen. Wie kalt ist das Eis? Wie eben ist der Untergrund? All diese Faktoren bestimmen, wie schwierig es ist, einen riesigen Steinklotz über eine Eisbahn zu ziehen.

Möglichst reibungslos unterwegs

Die Yunlong-Platte kam nach der Wintersonnenwende am 22. Dezember in die Verbotene Stadt. Im 15. und 16. Jahrhundert herrschten zu dieser Jahreszeit in Peking im Durchschnitt Temperaturen um -3,7 Grad Celsius: Genug, um eine Eisbahn anlegen zu können. Doch auf einer trockenen Eisbahn wäre die Reibung zu groß, um so ein Gewicht problemlos transportieren zu können. Der Trick, schreiben die Forscher, besteht darin, zwischen der Oberfläche des Eises und dem Schlitten, auf dem der Steinblock ruht, einen Wasserfilm zu legen.

Bei einer Temperatur knapp unter dem Gefrierpunkt und einer Geschwindigkeit von acht Zentimetern in der Sekunde könnte mit Hilfe dieses Wasserfilms alles nahezu reibungslos verlaufen sein. "Daraus folgern wir, dass das Wasser aus den Brunnen nicht nur dazu gebraucht wurde, einen Eisweg zu schaffen, bevor der Schlitten in Bewegung gesetzt wurde", schließen Li, Chen und Stone ihren Bericht, "sondern auch auf die Oberfläche gegossen wurde, während der Schlitten schon in Bewegung war, um die Reibung mit Hilfe eines schmierenden Wasserfilms weiter zu reduzieren."

Da nützte auch die Erfindung des Rades nichts. Der Eisweg war für die herrschenden Bedingungen tatsächlich die beste Transportmethode.

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